Gesundheit : Nahost-Konflikt: Mit der Wissenschaft Brücken bauen

Bärbel Schubert

Eine einfache Zeit hatte Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sich für ihren Besuch in Israel nicht ausgesucht. "Nie war der Hass so groß wie heute" sagt die Ministerin, doch ist ihr auch klar: "Eine Absage würde hier als Zeichen mangelnder Solidarität gewertet". Seit dem Wiederaufflammen der Intifada kommen fast täglich Menschen zu Tode, 500 seit Oktober. Wo eine Annäherung von Israelis und Palästinensern in der Politik unmöglich erscheint, soll die Forschung weiterhelfen. "Über Bildung und Wissenschaft Brücken zu bauen, ist der beste Weg zum Frieden in dieser Region", meint Edelgard Bulmahn. Dazu will sie den Start neuer Vorhaben unterstützen, bei denen Deutsche, Israelis und Palästinenser gemeinsam forschen. Auch Ausbildungsprojekte sollen Jugendlichen den Einstieg in ein Berufsleben erleichtern.

Doch ist es nicht nur eine nüchterne Wissenschaftsreise, die sie nach Israel führt. Nach fast 30 Jahren will die Forschungsministerin auch erstmals wieder ihren früheren Kibbuz Bror Chail besuchen. Als junges Mädchen hatte sie dort nach dem Abitur ein Jahr lang im Kinderhaus gearbeitet.

Der Weg dorthin führt bis nahe an den Gaza-Streifen, vier bis fünf Kilometer entfernt von einem anderen Kibbuz, wo noch in der Woche zuvor Granaten eingeschlagen waren. Davon verrät das idyllische Bild des Kibbuz allerdings nichts, als die Ministerin und ihre Delegation eintreffen: 30 Erwachsene haben sich zum Empfang eingefunden und mindestens genauso viele Kinder. Aufregung herrscht über den nun prominenten Gast. Zwar ist den Häusern anzusehen, dass es dem Kibbuz wirtschaftlich nicht gut geht. Doch das Dorf hat sich geschmückt. Stolz wird das neue Haus für die Alten vorgeführt - und auch die Kinderhäuser. Dort hatte Edelgard Bulmahn damals ein Jahr lang gearbeitet. "Über die Frage, ob die Kinder zuhause oder im Kinderhaus schlafen sollen, haben wir damals endlose Diskussionen geführt", erinnert sich die Ministerin. "Das diskutieren wir noch heute", ruft ein Kibbuzbewohner. Doch anders als früher gehen die Kinder heute abends zu ihren Eltern.

Kibbuz der Kinder

"Für die Kinder ist der Kibbuz noch immer der beste Ort auf der Welt. Für ihre Eltern ist es allerdings nicht immer so einfach", meint Edelgard Bulmahn. Und tatsächlich: die Kinder sind einfach gut drauf, neugierig und lebhaft. "Ich bin in den Kibbuz gegangen, weil ich das solidarische Leben hier kennen lernen wollte", erzählt Edelgard Bulmahn. "Das Zusammenleben verschiedener Kulturen, das ich damals erfahren habe, hat mich bis heute geprägt." Zwei der Kibbuzkinder von damals trifft die Ministerin sogar noch an. "Den einen erkennst Du gleich wieder, der hat immer noch ein richtiges Kindergesicht", ruft ihr jemand scherzhaft zu. Die Stimmung ist freundlich, doch keineswegs rührselig. Die Kibbuzim sind stolz darauf, dass eine, die bei ihren war, eine einflussreiche Position erreicht hat. Doch bei den Älteren regt sich beim Rückblick Wehmut, denn seit der Gründungsphase hat sich im Kibbuz viel verändert. "Nach der Shoa wollten wir wieder ein freies Volk werden und mit jungen Leuten aus der ganzen Welt den Kibbuz als humanistische und gerechte Gesellschaft aufbauen", blickt einer der Älteren zurück. "Leider lässt die globale Wirtschaft nicht zu, weiter so zu träumen". Erzwungen durch die wirtschaftliche Lage werden heute viele Kompromisse gemacht. "Wir versuchen auch mit guter Lebensqualität die Jungen hier zu halten", heißt es heute.

Ihre Verbundenheit mit der Kibbuztradition, diesem Teil israelischen Gründergeistes, erleichtert heute der Forschungsministerin die Verhandlungen. Keine Spur von den Verlegenheiten mancher anderer Politiker in Israel. Das kommt ihr besonders zu Gute, wenn es um das heikle Thema der Zusammenarbeit mit arabischen Wissenschaftlern geht. Einige Projekte mit deutschen, israelischen und palästinensischen Wissenschaftlern laufen schon seit Jahren, etwa Forschung zum Thema Wasser. Weitere sollen starten. "Auch bei der Annäherung von Deutschen und Israelis in den 50er Jahren stand die Wissenschaft am Anfang", erläutert Bulmahn. Nicht belastete Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft hatten damals den Anfang gemacht. "An den trilateralen Projekten liegt auch Israel viel", sagt die Ministerin. Um das zu unterstreichen hat Außenminister Perez sie sogar noch kurz vor seinem Abflug nach Kairo enpfangen, wo er um eine Waffenruhe mit den Palästinensern verhandelt hat.

Die Suche nach neuen Kooperationspartnern führt Bulmahn zur Al-Quds-Universität nach Ost-Jerusalem. Auf den ersten Blick sind fast nur junge Frauen zu sehen. Es ist die einzige palästinensische Universität, an der zur Hälfte Frauen studieren. Kopftücher dominieren das Bild. Dies ist ihr Campus. Als einzige palästinensische Uni arbeitet Al-Quds auch mehr als nur in Einzelfällen mit israelischen Universitäten zusammen, besonders mit der Hebrew-Universität, die praktisch nur eine Straßenecke entfernt ist.

Das ist ohne Al-Quds-Präsident Sari Nusseibeh kaum denkbar. Offen spricht der freundliche und gewinnende Mann aber auch die Probleme an: "Auch auf palästinensischer Seite meinen viele, dass erst nach dem Friedensprozess wieder gemeinsame Forschungsvorhaben starten sollten". Damit die beteiligten Wissenschaftler nicht unter Druck geraten, wird die Zusammenarbeit eher diskret behandelt und Treffen zur Zeit nach Deutschland verlegt. Doch die Hochschule ist auf den Austausch angewiesen. Ihre Gebäude kann sie zwar mit Spenden aus dem Ausland aufbauen. Für eine gute Geräteausstattung in der Forschung reicht es dagegen nicht. Die Professoren allerdings sind meist exzellent ausgebildet. Ihr Studium haben sie oft an berühmten Hochschulen der USA absolviert.

Doch die aktuelle Krise hinterlässt natürlich auch an der Hochschule ihre Spuren. Zu den anderen Standorten der Hochschulen kann man nur mit großen Problemen gelangen. Immer mehr Studenten können ihre Studiengebühren nicht mehr aufbringen, weil ihre Eltern arbeitslos sind, berichtet Nusseibeh. Auch Wissenschaftler mit exzellenter Ausbildung finden oft keine Arbeit.

Stärke durch gelungene Integration

Andererseits gewinnt Israel seine Stärke in Technologie und Wissenschaft auch durch die gelungene Integration seiner jüdischen Einwanderer, zuletzt aus Russland. Von ihnen haben zwei Drittel einen Platz in Universität und Forschung gefunden, viele in der Computerwissenschaft. Israel gehört zu den fünf führenden Wissenschaftsnationen der Welt. Anders als in Deutschland kennt man keinen Nachwuchsmangel in den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Israel ist das Land mit dem weltweit höchsten Anteil an Wissenschaftlern und Ingenieuren. So sind in den Computer- und Biowissenschaften inzwischen gut ein Fünftel der Forscher Russen. Insgesamt 50 Prozent der Wissenschaftler im Land sind Ausländer. 40 Prozent des Nachwuchses haben ihren Doktor im Ausland erworben. Israel hat auch seine Studentenzahl in den letzten Jahren verdoppelt. Jeder zweite Jugendliche beginnt ein Studium.

Doch tut man auch viel, um schon die Schüler für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern. Das sehen Universitäten und Forschungseinrichtungen als ihre Aufgabe an. Chemie-Professor Nimrod Moiseyer von Israels renommierter Technikhochschule, dem Technion in Haifa, berichtet von seinem Projekt, bei dem Gymnasiasten in ganz Israel mit dem Internet-Lehrangeboten des Technions bekannt gemacht werden sollen. Zusätzlich läuft ein Programm, das die Besten von ihnen besonders fördert. Das berühmte Weizmann-Institut hat einen Park der Naturwissenschaften eingerichtet. Große Versuchsaufbauten machen hier naturwissenschaftliche Phänomene leicht verständlich: so ein Wellenbecken oder ein Wasserkolben, der das Enstehen einer Windhose simuliert. Schulklassen lernen hier für zwei bis drei Wochen.

Eines ihrer Hauptanliegen aus Deutschland begleitet Edelgard Bulmahn auch in Israel: Der wissenschaftliche Nachwuchs. "Hier können die Nachwuchswissenschaftler früh selbständig forschen", stellt Bulmahn fest. Die jungen Forscher aus Molekularbiologie, Chemie und Mathematik, die Bulmahn am renommierten Weizmann-Institut trifft, kritisieren die traditionellen Qualifikationswege an den deutschen Hochschulen. Sie bestärken die Ministerin ausdrücklich darin, die Habilitation abzuschaffen. "Hier gibt es erheblich bessere Möglichkeiten zur interdisziplinären Arbeit", meint der Molekularbiologe Stephan Muhr. Eine junge Frau fordert, dass zumindest in den Naturwissenschaften auch deutsche Hochschulen endlich Englisch als Unterrichtssprache einführen. Die Ministerin versäumt nicht, um eine Rückkehr nach Deutschland zu werben. Aber auch in Israel müssen junge Wissenschaftler angesprochen werden, um die Beziehungen langfristig zu sichern. Dafür hat Bulmahn die deutsch-israelische Wissenschaftsstiftung GIF gewonnen. Mit einem Stipendienprogramm sollen die Plätze deutlich aufgestockt werden und die jungen Wissenschaftler eine eigene Förderung bekommen. Vielleicht müssen nach diesem Besuch nun nicht erneut acht Jahre vergehen, bis das nächste Mal ein deutscher Forschungsminister nach Israel kommt.

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