Gesundheit : Nahostkonflikt auf dem Campus

Sind einige Forscher der Columbia-University Antisemiten? Ein heftiger Streit spaltet die US-Elite-Uni

Johannes Novy

Die New Yorker Columbia Universität gilt unter den US-Elitehochschulen als Hort des kritischen Denkens und der Verteidigung von Meinungsfreiheit. Im Amerika nach dem 11.September 2001 ist das für Intellektuelle ein wertvolles Gut. Jetzt aber gerät der gute Ruf in Gefahr. Auf dem Campus ist ein erbitterter Streit zwischen propalästinensischen und proisraelischen Studenten und Fakultätsmitgliedern ausgebrochen, der die Uni in ihren Grundmauern erschüttert und längst über die USA hinaus für Aufsehen sorgt.

Auslöser des Konflikts ist „Columbia Unbecoming“, ein im Herbst letzten Jahres veröffentlichter, halbstündiger Dokumentarfilm. Darin kommen Studenten zu Wort, die verschiedene für ihre israelkritische Haltung bekannte Professoren des Departments of Middle East and Asian Languages and Cultures (Mealac) beschuldigen, antisemitische Äußerungen getätigt zu haben, proisraelische Studenten zu schikanieren und Lehrveranstaltungen zu Propagandazwecken zu missbrauchen.

Im Zentrum der Kritik stehen drei profilierte, aber gleichermaßen umstrittene Nahostexperten: Joseph Massad, George Saliba und Hamid Dabashi. Besonders Massad sieht sich mit einer Vielzahl von gravierenden Vorwürfen konfrontiert. Ein Student behauptet, Massad habe ihn vor anderen Studenten auf seinen Wehrdienst in der israelischen Armee angesprochen und ihn gefragt, wie viele Palästinenser er auf dem Gewissen habe. Ein anderer Vorwurf besagt, Massad habe eine Studentin des Raumes verweisen wollen, weil diese seiner Darstellung vermeintlicher Kriegsverbrechen der israelischen Armee widersprochen hätte.

Die in „Columbia Unbecoming“ geäußerten Vorwürfe wiegen schwer. Längst haben Journalisten und Politker in In- und Ausland von den Vorwürfen Notiz genommen, und besonders in Israel kochen die Emotionen hoch. In Zeitungen und Internetforen wird die Entlassung der beschuldigten Professoren gefordert. Nathan Sharansky, Minister in Ariel Sharons Kabinett, bezeichnete amerikanische Hochschulen nach einer der seltenen öffentlichen Vorführungen des Filmes gar als „Inseln des Antisemitismus“.

Die Professoren selbst weisen die Vorwürfe unterdessen weit von sich. Man habe sich nichts zu Schulden kommen lassen, sagen sie, sei Opfer einer politisch motivierten Kampagne. Dafür spricht die Entstehungsgeschichte des Films: „Columbia Unbecoming“ ist ein Gemeinschaftswerk der Studenteninitiative „Columbians for Academic Freedom“ und der in Boston ansässigen Organisation „The David Project“. Beide Organisationen hatten in der Vergangenheit bereits an verschiedenen Hochschulen der USA mit Aktionen gegen angebliche „Feinde Israels“ für Aufsehen gesorgt. Die für die Entstehung des Films mitverantwortlichen Studenten beteuern, dass sie mit „Columbia Unbecoming“ ausschließlich auf das Fehlverhalten einzelner Professoren sowie die einseitige Darstellung des Nahostkonflikts an amerikanischen Hochschulen aufmerksam machen wollten.

„Unsinn“, sagt Monique Dols, die Lehrveranstaltungen der beschuldigten Professoren besucht hat und die meisten in „Columbia Unbecoming“ enthaltenden Anschuldigungen als Lügen und Halbwahrheiten zurückweist: „Hier geht es nicht um die Rechte unterdrückter Studenten“, sagt die in der „Anti War Coalition“ der Universität aktive Studentin. „Hier sollen Israel und der US-Nahostpolitik kritisch gegenüberstehende Professoren zum Schweigen gebracht werden.“

Auch Kate Meng Brassel, Studentin und Vorsitzende eines Ablegers der American Civil Liberties Union (ACLU) an der Universität, betrachtet die Kontroverse um Columbias Mealac Department mit Sorge. Sie warnt vor einem neuem McCarthyism und einer Wiederkehr der zu Zeiten des Kommunistenjägers im Kalten Krieg geläufigen Zensur. Wenn sich Professoren gegenüber Studenten falsch verhalten haben sollen, müsse diesen Vorwürfen nachgegangen werden. Brassel äußert den Verdacht, „dass hier externe Kräfte am Werk sind, die versuchen die akademische Freiheit von politisch unliebsamen Dozenten zu beschneiden“.

Über fünfzig Professoren der Universität haben sich in einem auf der Website www.defendcolumbia.com veröffentlichten Brief dieser Position angeschlossen. Auch sie fürchten, dass die Universität dem externen Druck nachgeben und die akademische Freiheit ihrer Fakultätsmitglieder beschneiden könnte.

Folgt die Unileitung der Empfehlung einer von ihr zur Überprüfung der Anschuldigungen eingesetzten Untersuchungskommission, sind diese Befürchtungen unbegründet. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht spricht die Kommission die Professoren von den meisten gegen sie erhobenen Vorwürfen frei. Zwar sei in einzelnen Fällen ein unkorrektes Verhalten gegenüber Studenten nicht auszuschließen beziehungsweise sogar „wahrscheinlich“, heißt es in dem Bericht. Man habe in über 100 geführten Gesprächen mit Studenten und Uni-Angestellten aber weder Belege für eine Benachteiligung palästinenserkritischer Studenten noch glaubwürdige Hinweise auf antisemitische Äußerungen der beschuldigten Professoren erhalten.

Schwere Vorwürfe richtet die Kommission indes gegen externe politische Interessensgruppen, die die Probleme einzelner Studenten für ihre Interessen missbraucht und wesentlich zu der Eskalation des Konflikts beigetragen hätten. Um Organisationen wie „Campus Watch“, die auf ihrer Website studentische Dossiers über Massad und andere, angebliche israelfeindliche Professoren publiziert, den Einfluss zu entziehen, müsse das universitätsintere Krisenmanagement verbessert und Studenten die Möglichkeit gegeben werden, sich bei Beschwerden innerhalb der Universität vertrauensvoll an unabhängige Drittpersonen zu wenden.

Ariel Berry, der an der Produktion von „Columbia Unbecoming“ beteiligt war, wirft der Kommission vor, entscheidenden Anschuldigungen nicht nachgegangen zu sein.

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