Gesundheit : Nandrolon hat in der Szene einen legendären Ruf - hilfreich für Kranke?

Hartmut Wewetzer

Nandrolon ist einer der schon lange strahlenden Sterne am Doping-Himmel. Das Hormon, das in erheblicher Konzentration im Urin des deutschen Dauerläufers Dieter Baumann gefunden wurde, gehört zur Gruppe künstlich hergestellter, also nicht körpereigener anaboler Steroide. Und damit zu jenen Stoffen, die den Körper kräftigen und mit schwellenden Muskeln ausstatten sollen. Vor Baumann waren schon die Läufer-Kollegen Merlene Ottey und Linford Christie bei Doping-Tests durch einen positiven Nandrolon-Befund aufgefallen. Unter dem Handelsnamen "Deca Durabolin" oder ganz einfach "Deca" hat sich Nandrolon bereits in den 80er Jahren in der Bodybuilding-Szene einen legendären Ruf erworben.

Wer im Internet nach der Substanz sucht, bekommt einen Eindruck von der Faszination, die für manche Sportler und vor allem für Bodybuilder offenbar von dem Anabolikum ausgeht. Hier finden sich Dutzende von Angeboten, die Nandrolon als Alternative zu anderen Muskelpillen anpreisen: "fantastische muskelaufbauende Eigenschaften", "Abnahme des Körperfetts" und "Mangel an Nebenwirkungen" werden dem Hormon zugeschrieben. Angeboten wird nicht das rezeptpflichtige Nandrolon (oder Nor-Testosteron) selbst, sondern, als Nahrungsergänzungsmittel, seine Vorläufersubstanz Nor-Androstendion. Sie wird in der Leber zu Nandrolon umgebaut und damit aktiviert.

Die Hoffnung auf ein subtiles Anabolikum mit lediglich "guten", Kraft und Muskulatur fördernden Eigenschaften trügt jedoch. "Nandrolon hat teilweise auch Wirkungen, wie wir sie vom Testosteron kennen", sagt der Frauenarzt und Hormonexperte Horst Lübbert vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin. Der "aufbauende" kann nicht völlig vom "vermännlichenden" Anteil der Substanz getrennt werden - auch Anabolika bleiben männliche Geschlechtshormone.

Bart und Bass-Stimme

Zu den negativen Seiten des Anabolika-Doping gehören Hautprobleme wie Akne und bei Frauen Vermännlichungserscheinungen wie Bartwuchs oder tiefe Stimme. Bei Männern können die Sexualhormon-ähnlichen Substanzen die Ausschüttung von Hormonen der Hirnanhangsdrüse hemmen. Dadurch nimmt die Zahl der Spermien ab, und es kann zu Unfruchtbarkeit und kleinen Hoden kommen.

Weil ein Teil der Anabolika zum weiblichen Sexualhormon Östrogen abgebaut wird, können gedopten Männern nicht nur stärkere Muskeln, sondern paradoxerweise sogar Brüste wachsen. Auch das Gefäßsystem leidet unter Anabolika. Sie erhöhen den Gehalt des ungünstigen LDL-Cholesterins und senken die Konzentration des "guten", gefäßschützenden HDL-Cholesterins. Zudem wird die Neigung zur Zuckerkrankheit verstärkt. In hoher Dosierung schließlich können Leberschäden auftreten.

Seit längerem gehen Ärzte der Frage nach, ob man Anabolika einsetzen kann, um Kranken zu helfen. Denn bei Leiden wie Krebs, Aids, Nierenversagen und Leberschrumpfung magern die Patienten ab, verlieren Muskelmasse und werden schwächer und schwächer. Im Frühjahr veröffentlichten Ärzte der Universität von Kalifornien in San Francisco in der Fachzeitschrift "Jama" eine Studie, bei der geschwächte und abgemagerte Blutwäsche-Patienten ein halbes Jahr lang wöchentlich eine Nandrolon-Spritze bekamen. Ein Teil der Patienten bekam statt des Anabolikums ein Scheinmedikament injiziert.

Nierenkranke gestärkt

Es stellte sich heraus, dass Nierenkranke mit Hilfe von Nandrolon wieder an Muskelmasse zulegten, kräftiger wurden und weniger über Erschöpfung klagten. Für die behandelnden Ärzte hat das Anabolikum einen gewissen Vorteil über das ebenfalls bei Nierenpatienten zur Kräftigung eingesetzte Wachstumshormon. Das ist nicht nur erheblich teurer, sondern fördert auch die Zuckerkrankheit (Diabetes). Viele Patienten haben jedoch gerade wegen des Diabetes ein Nierenversagen bekommen und sind also für eine Behandlung mit Wachstumshormon nicht geeignet.

Eine andere Ärztegruppe der Universität von Kalifornien berichtete in der gleichen Ausgabe von "Jama" über die Behandlung von HIV-Infizierten mit dem Anabolikum Oxandrolon. Alle Patienten litten unter einem im Gefolge der Infektion mit dem Aids-Erreger häufig auftretendem Gewichtsverlust, dem "wasting". Die Kranken bekamen neben dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron entweder das Anabolikum Oxandrolon oder ein wirkstoffloses Scheinmedikament. Auch bei diesen Patienten kam es in der Anabolika-Gruppe innerhalb von acht Wochen zur Gewichts- und Muskelzunahme und zur allgemeinen Kräftigung.

Allerdings sollten aus diesen Studien an wenigen Patienten keine vorschnellen Schlüsse gezogen werden, weil noch unklar ist, welche Langzeitfolgen die Einnahme von Anabolika haben kann. Skeptisch ist auch der Berliner Hormonexperte Lübbert, der von eher enttäuschenden Erfahrungen mit Anabolika bei abgemagerten Krebspatientinnen berichtet.

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