Gesundheit : Nasse Telegramme aus Übersee Festredner Karasek begrüßte an der TU Berlin die neuen Studenten

Juliane von Mittelstaedt

Das erste Semester begann für die Studierenden der Technischen Universität Berlin im 19. Jahrhundert. Einen Blick zurück und gleichzeitig nach vorn warf der Festredner Hellmuth Karasek, Schriftsteller und Mitherausgeber des Tagesspiegel bei der gestrigen Immatrikulationsfeier.

Der Redner startete mit einer Geschichte: Ein Siemens-Techniker erklärt einer Gruppe preußischer Prinzessinnen die Funktion des transatlantischen Seekabels. Sie nicken verständig und haben doch noch eine Frage: „Wie kommt es, dass die Telegramme auf ihrem Weg über den Atlantik nicht nass werden?“ Das war vor über hundert Jahren. Auch hier und heute versteht so mancher die Technik nicht. Karasek schmunzelte: „Auch ich weiß nicht, warum die Telegramme nicht nass werden.“ Übertragen auf das 21. Jahrhundert: Wie funktioniert ein Computer, ein Videorecorder, eine CD? Wer weiß das schon. Die Studierenden im vollbesetzten Hörsaal lachten.

„Sehnsucht nach Allgemeinwissen“

Ähnlich wie die wissensdurstigen Prinzessinnen seien wir nur „technische Krüppel unserer Apparate“, beherrschten zwar die Technik, aber wirklich verstehen könnten wir sie nicht. „Und was wir nicht erklären können, können wir nicht denken“, fuhr Karasek fort. Daher appellierte er an die Studienanfänger der Technischen Universität, die Welt der Technik und Naturwissenschaften zu erkunden und zu erforschen, um sie schließlich erklären zu können – zumindest ein winziges Stück davon. Während Aristoteles, Luther und Leibniz noch über das gesamte Wissen ihrer Zeit verfügten, der amerikanische Präsident Benjamin Franklin nebenbei auch noch einen Blitzableiter erfand, werde das heutige Wissen immer spezialisierter. Gleichzeitig gäbe es aber eine „Sehnsucht nach Allgemeinbildung“, bei der wichtig sei, welcher von vier Dichtern in Zürich ein Schwimmbad gebaut hat. Nicht nur solch abfragbares „Wer wird Millionär“-Wissen sollen die Studierenden sich aneignen, sondern Neugier auf Wissenschaft entwickeln, Leidenschaft und Wissensgier. Und dabei „Lust und Lebenslust als Ziel behalten“.

Auch TU-Präsident Kurt Kutzler riet, sich mit Interesse und offenen Augen umzuschauen. Kreativ denken, Neues bewältigen, das schließlich bedeute „Studieren“. Mit diesen Worten entlässt er die Erstsemester in ihr Studium. Die nehmen den Appell an die Lebenslust ernst, schieben sich zielstrebig hin zur improvisierten „Bar“, wo bunte Cocktails gereicht werden, die „Space Hobos“ Doktor Schiwago intonieren und Weihnachtsmänner für die studentische Arbeitsvermittlung Tusma werben. Infostände und Carrier Center bleiben links liegen. Das Studium hat ja gerade erst angefangen.

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