Gesundheit : Natasa Drakula spielt wortgewandt mit Sprachbilder und verwandelt damit die Studenten in Faulmaule

Heike Anger

Ein breiter Mund formt die Worte: "Ort - Rot - Tor." Buchstaben sind Buchstaben, auch wenn man sie verdreht. Das Wort aber, in dem das geschieht, verändert sich. Der so bewusst Laute betonende Mund gehört der Grafikerin Natasa Drakula. Mit ihrem Gastvortrag "Brachspilder" an der Kunsthochschule Weißensee lud sie am vergangenen Donnerstag ein, sich auf eben solche "Sprachenbilder" einzulassen und auf ihre Kombination von Schrift, Farbe und Bild.

Noch vor acht Jahren drang kaum ein deutsches Wort über die Lippen von Natasa Drakula. Damals kam sie aus Jugoslawien nach Deutschland und ihr Vokabular reichte gerade mal zum Einkaufen. Für die heute 29-jährige eine einschneidende Erfahrung: "Ich fühlte mich wie ein Kind, das die Welt zu begreifen anfängt und neue Worte wie Sterne zu seinem Universum sammelt." Sie habe sich über Wortbilder und -spiele gewundert, die einem Muttersprachler nicht mehr auffallen. Diesen kindlich-spielerischen Zugang zur deutschen Sprache, den "anderen Blick", hat sie grafisch gestaltet.

Natasa Drakula projiziert die entstandenen Bilder an die Wand. Die von ihr beobachteten und gesammelten Facetten von Sprache verändern die Denkrichtung des Betrachters: Was haben wir nicht im Schrank? Alle Tassen. Worauf bringen wir jemanden? Auf die Palme. Erst wenn Sprichworte zergliedert werden, offenbart sich die vorgefertigte Sprachform. Und mit der Logik der deutschen Sprache ist das auch so eine Sache: "Warum können wie fernsehen und nicht fernhören? Ein anderer Name für Hörfunk ist Rundfunk. Kann der Rundfunk auch Sehfunk sein?"

Eine Grafik zeigt einen schwarzen Hahn auf einer grünen Weltkugel. Rund um den Erdball sind in verschieden Schrifttypen die Laute des Tieres angeordnet. Auf deutsch kräht er kikeriki, englische Hähne krähen cock-a-doodle-do, vietnamesiche cuc-cu-cu und kroatische kukuriku. "Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem Laut und seinem Sinn," sagt die Grafikerin. "Die Herkunft des Wortes Hahn hat wenig gemeinsam mit dem Laut, den er kräht." Sprachgewitzt lässt Drakula keinen Buchstaben auf dem anderen. Sie jongliert mit Silben, trennt sie, fügt sie anders zusammen, verdreht den Sinn von Wörtern oder erschafft einfach neue. Die Studenten der Kunsthochschule Weißensee schweigen bei so viel sprachgewaltigen Ideen und zeigen sich im Drakulaschen Sinne "faulmaul".

Eines der liebsten Bücher der Natasa Drakula ist der Duden. Sie zitiert mit Vorliebe Sprachbetrachtungen von Goethe, Lessing und Schopenhauer und bedankt sich beim Sprachakrobaten Ernst Jandl für die meisten Beispiele. Karl Popper ist eine schlichte Grafik gewidmet - ein rosa karierter Bogen mit dem schwach durchscheinenden Porträt des Wissenschaftstheoretikers. Darauf seine Frage: "Eine Arbeitspause ist eine Pause zum Nichtarbeiten, eine Atempause jedoch nicht eine Pause zum Nichtatmen. Ist eine Denkpause eine Pause zum Denken oder zum Nichtdenken?"

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