Gesundheit : Nationale Identität: Deutsche Wissenschaft, deutsches Turnen

Sibylle Salewski

Die Nation ist eine Erfindung, schrieb der Historiker Benedict Anderson vor etwas weniger als zwanzig Jahren. Menschen kämpfen für ihre Nation, sind bereit, für sie zu sterben, werden zu Nationalisten. Die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts kann ohne die Idee der Nation nicht erzählt werden. Dennoch fällt es Historikern seit jeher schwer, genau zu sagen, was dieses gesellschaftliche Gebilde, die Nation, eigentlich ist. Andersons Antwort ist da verblüffend und faszinierend zugleich: Nationen existieren nicht objektiv, es sind vorgestellte - "imaginierte" - Gemeinschaften, die erfunden und erschaffen werden - durch Rituale, Symbole und Institutionen.

Mit den Naturwissenschaften und ihrem Anspruch auf Objektivität und Allgemeingültigkeit hat diese Idee wenig zu tun, möchte man meinen - und liegt damit ziemlich falsch. Auf der Konferenz "Wissenschaft und Nation" des Zentrums für vergleichende Geschichte Europas ging es um die Verbindungslinien zwischen naturwissenschaftlicher Forschung und dem Selbstverständnis von Nationen. Vor allem eine Frage war den Historikern wichtig: Wenn die Nation in Andersons Sinne eine Konstruktion ist, welche Rolle haben Naturwissenschaftler dabei gehabt?

Naturwissenschaftliche Forschung hat immer wieder Mittel geliefert, um nationale Identitäten zu schaffen: Biologen haben versucht, Nationen über ihre evolutionäre Abstammung zu bestimmen, Statistiker haben die Bevölkerung quantifiziert, Geographen das nationale Terrain definiert.

Der Historiker David Gugerli der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich erzählte am Beispiel der Schweiz, wie Geographen eine einheitliche Nation miterschaffen können: Von 1832 bis 1864 wurde die Schweiz geographisch vermessen. Das Ergebnis war die "Dufour-Karte". Zum ersten Mal sahen die Schweizer ihre Nation in Papierform. "Die Karte erscheint wie aus einem Guss, soziale, regionale und politische Differenzen, wie zum Beispiel Gemeindegrenzen, verwischen darin", so Gugerli. "Nationale Einheit lässt sich kartographisch inszenieren", folgerte der Historiker, "die Karte funktioniert als Identifikations- und Selbstvergewisserungsmaschine".

Naturwissenschaftler sind als "Heroen der Wissenschaft" auch zu Symbolen der Nation gemacht worden - Lenné etwa, durch den die Botanik zu Schwedens Nationalwissenschaft wurde, oder Alexander von Humboldt, der für die Idee einer deutschen Identität in Anspruch genommen wurde.

Naturwissenschaftler haben sich aber auch ganz persönlich um die Idee der Nation bemüht. Rudolf Virchow versuchte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das naturwissenschaftliche Denken selbst zum nationalen Denkstil der Deutschen zu erklären. "Nationale Identität war für Virchow nicht Folge rassischer Homogenität, sondern beruhte auf einer gemeinsamen Kultur, deren Mittelpunkt der liberale Fortschrittsglaube bildet", sagte Constantin Goschler von der Humboldt-Universität. Virchow setzte sich für eine stärkere Vermittlung der Naturwissenschaften in den Schulen ein - ebenso, wie für das "deutsche Turnen". "Deutsche Wissenschaft und deutsches Turnen sollten einen wesentlichen Beitrag zu der Kultur leisten, die die deutsche nationale Identität ausmachte", so Goschler. Damit versuchte Virchow, die deutsche Wissenschaft vor allem gegen das katholische Frankreich abzugrenzen und benutzte die Idee eines naturwissenschaftlichen Denkstils dazu, die deutsche Wissenschaft dem anderen Denken der Franzosen gegenüber zu stellen.

"Wissenschaft sitzt heute im Herz einer jeden Gesellschaft", erinnerte Dominique Pestre, Physiker und Historiker aus Paris, zum Abschluss der Konferenz, "Computersysteme sind nötig, um einen Staat zu managen, und nicht zuletzt beruht im 20. Jahrhundert die militärische Macht einer Nation auf wissenschaftlicher Forschung". Die moderne Großforschung ist international, Naturwissenschaften sind ohne grenzüberschreitende Kooperationen nicht mehr denkbar. Zugleich aber ist Wissenschaft heute ein Wettbewerbssystem. Will die deutsche Genforschung zum Beispiel den Anschluss an die Weltspitze finden, werden Nobelpreisträger als Wissenschaftler in ihrer Nation verehrt. So werden Forschungsprojekte von "nationaler Bedeutung" genauso wie herausragende Wissenschaftler noch immer zu den Symbolen gemacht, mit denen Nationen sich erfinden.

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