Gesundheit : Nationalsozialismus: Gut versichert in die Saalschlacht

Heinz Höfl

Müsste der Schauspieler Mario Adorf als Werbe-Mafioso für die "Aachener und Münchener-Versicherung" mal die brutalen Schläger der SA und SS in der Nazizeit bewerten, dann würde er wie in seinen TV-Werbespots vielleicht auch resigniert flüstern: "Diese Kerle sind zu gut versichert."

In der Tat konnten nämlich die NS-Rabauken bei ihren Saalschlachten und Straßen-kämpfen besonders ungeniert und rücksichtslos auf ihre Gegner und Widersacher eindreschen. Denn die meisten der uniformierten Hitler-Anhänger hatten eine Art Kasko-Versicherung für Leib und Leben. Bei Blessuren bis hin zu Bagatell-Wehwehchen wie der Heiserkeit von Gaurednern gab es Schmerzens- und Krankentagegelder. Voll-Invalidität oder Tod wurden in einer Summe bis zu 5000 Reichsmark abgegolten. Vom Hitlerputsch in München bis zur Machtergreifung 1933 registrierte die NS-Statistik über 20 000 Unfälle und über 300 Tote.

Laut dem Berliner Historiker Stefan Laube ist diese für NS-Raufbolde stimulierende Absicherung aus der Hitler-Zeit "bisher weitgehend im Dunkeln geblieben". Nach Durchsicht der einschlägigen Akten des Bundesarchivs in Berlin bringt Laube in der zweimal jährlich erscheinenden "Zeitschrift für Unternehmensgeschichte" nun Licht in dieses bisher unbeachtete Phänomen einer organisierten Gewalt-Politik.

Hitler ließ sich informieren

Der "randalierende Antimarxismus und Antisemitismus" der Nazi-Schläger konnte sich, so die Schlussfolgerung des Berliner Historikers, nicht zuletzt "auch deswegen entfalten, weil die Täter versichert waren". Die Unfallstatistiken und Auszahlungen der 1926 als "SA-Versicherung" gegründeten Einrichtung korrelierten über die Jahre derart exakt mit den Wahlerfolgen und dem Aufstieg der NSDAP, dass Adolf Hitler den Versicherungsschutz seiner Gefolgsleute zur Chefsache erklärte und sich monatlich über die Versichertenquote informieren ließ.

In den Anfangsjahren bauten die Nazis noch auf private Versicherungsgesellschaften wie die "Stuttgart-Berliner Versicherungs AG" oder die "Albingia Versicherungs AG" und den "Deutschen Ring". Bei den Versicherungen stellten sich die SA-Führer freilich nicht als paramilitärische "Sturmabteilung", sondern harmlos als "Sportabteilung" vor.

Doch die Privatversicherer sahen sich bald außerstande, die erheblichen Schäden infolge der Gewalttätigkeiten aus den bescheidenen Prämien von 20 Pfennig pro Monat und Mann zu decken. Nach der Kündigung der "Albingia" drohte der oberste SA-Führer Franz Salomon von Pfeffer eine massive Pressekampagne und "andere Radaumittel" gegen diese "wirklichen Halsabschneider" an. Die NS-Presse, allen voran der "Völkische Beobachter", prangerten fortan die "Krisis im Versicherungswesen" und das hinter ihm stehende "jüdische Finanzkapital" an. Un-deutsch klingende Namen in den Vorständen der Versicherungen wurden in Check-Listen mit Fragezeichen versehen. Sogar die "Bayerische Beamtenversicherungsanstalt", die sich selber als "für jeden Nationalsozialisten das einzig richtige Versicherungsunternehmen" anpries, klang in NS-Ohren verdächtig.

Nachdem 1929 als letzte Privatversicherung auch der "Deutsche Ring" wegen hoher Verluste den Vertrag mit der NSDAP gekündigt hatte, schrieb sogar der "Führer" im Völkischen Beobachter über die Aufkündigung der Rückversicherung "gegen politischen Mord" in ungewohntem Jammerton: "So sieht es heute in Deutschland aus! Das ist der Zustand der Freiheit, Schönheit und Würde, unter der wir alle leben."

Die parteieigene "Hilfskasse"

Martin Bormann, rechte Hand Hitlers und seit November 1928 für die Versicherungsfragen der Partei zuständig, propagierte die "Nationalsozialisierung" der Versicherungsidee. Bald gab es denn auch allerlei nationale Kranken- und Feuerversicherungen und über allem eine "Nationalsozialistische Versicherungshilfe" (NSVH). Am 1. September 1930 wurde eine parteieigene NS-"Hilfskasse" ins Leben gerufen. Schon der Name "Versicherung" war ähnlich wie die verhassten "System"-Parteien der Weimarer Zeit aus NS-Sicht obsolet geworden.

Und unter der Nazi-Führung ging es tatsächlich aufwärts: die Prämien wurden flugs um 50 Prozent angehoben, in die Hilfskasse wurden auch gewöhnliche Parteimitglieder, die SS, der NS-Studentenbund, der NS-Kraftfahrerkorps, die Hitlerjugend (HJ), der Bund deutscher Mädel (BDM) und das Deutsche Jungvolk gescheucht, und die Aufsicht staatlicher Behörden und Steuerzahlungen wurden kurzerhand abgelehnt. So vervielfachten sich die Mitgliederzahlen binnen weniger Jahre, die Einnahmen stiegen zwischen 1930 und 1933 von 400 000 auf über acht Millionen Reichsmark.

Das bis Kriegsende betriebene NS-Unter-nehmen stellte großzügige Darlehen an Parteigliederungen zur Verfügung, und es finanzierte mit Millionensummen die Reichs-parteitage in Nürnberg. "Die Hilfskasse", so das Resümee des Historikers Laube, "ent-wickelte sich in ein florierendes Parteiunter-nehmen und eine kaum versiegende Geld-quelle". Auch die einst als jüdisch-kapitalistisch verpönte Bezeichnung "Versicherung" wurde nun zwischen Parteidienststellen ungeniert wieder gebraucht.

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