Gesundheit : Neros Spielchen

Roms Kaiser wollte sich in Olympia verewigen – ein verhängnisvolles Abenteuer

Michael Zick

Eine Grabung in Olympia – für einen klassischen Archäologen ist das die Königsdisziplin. Aber dort heute noch Neues zu entdecken, scheint eher unwahrscheinlich. Ulrich Sinn, Archäologie-Ordinarius an der Universität Würzburg, gelingt es nach jahrelangen Vorbereitungen trotzdem. Er stößt auf das Vereinsheim der griechischen Athleten. Sinn legt einen Mauerabschnitt frei, der in bester römischer Manier ausgeführt ist: Die flachen Ziegelsteine sind diagonal vermauert, so dass ein drahtzaunartiges Muster entsteht. Unvermittelt aber bricht dieses Mauerwerk ab. Die Handwerker hatten offenbar Kelle und Ziegel von einem Tag auf den anderen beiseite gelegt.

Auch das antike Olympia also kannte seine Bauskandale, und Ulrich Sinn glaubt den Urheber zu kennen. Hinter dem unvollendeten Vereinsheim, das er auf das erste Jahrhundert n. Chr. datiert, stecke niemand anderer als der römische Kaiser Nero (37 bis 68 n. Chr.). Nero habe Maurer der besten Bauhütte von Rom auf den Peloponnes beordert, um die Zentrale für den Dachverband der griechischen Athletengilden hochziehen zu lassen.

Im Norden des Heiligen Hains von Olympia gruben Archäologen außerdem einen Speisepavillon aus, dessen bleierne Wasserleitungen ebenfalls aus der Nero-Zeit stammen. Ein mit „Neronis Aug(usti)“ gestempeltes Stück Bleirohr an anderer Stelle belegt die Bautätigkeit des umstrittenen römischen Kaisers im olympischen Kultbereich.

Wie kam Nero dazu, in Olympia zu bauen? Der römische Kaiser ist bekannt als mutmaßlicher Mörder seines Stiefbruders und seiner Mutter, als Auslöser der Christenverfolgung – und für seine „geradezu ungezügelte Leidenschaft für alles Griechische“, wie Olympia-Ausgräber Sinn sagt. Der Kaiser sprach Griechisch, hatte griechische Berater und las Homer im Original. Und er wollte – nicht als erster römischer Herrscher – die Hauptstadt des Römischen Reiches in den hellenistischen Osten verlegen.

Die Begeisterung der Römer für alles, was griechisch war, ist hinlänglich belegt. So mancher kunstbeflissene römische Feldherr oder Kaufmann schmückte seinen Garten mit Statuen und Skulpturen aus Griechenland – teils als Kriegsbeute requiriert, teils von Händlern erworben. Ohne diesen Kulturtransfer von Ost- nach Mitteleuropa wären uns heute nur Bruchstücke des griechischen Denkens und Könnens bekannt.

Im Herbst des Jahres 66 n. Chr. tritt Nero eine Reise in den Osten an – getrieben von seiner griechischen Leidenschaft. In Korinth, der Hauptstadt der römischen Provinz Achaia (Mittelgriechenland und Peloponnes), entlässt er in einer feierlichen Proklamation die Provinz in die Unabhängigkeit: eine Provokation des römischen Senats, der diese Provinz verwaltet.

Die Griechen nehmen das Geschenk hocherfreut an und setzen es mit Verwaltungsvorschriften und Münzprägungen in die Tat um. Der kaiserliche Gönner wird von den griechischen Städten eingeladen, um sich ehren zu lassen, eine Station ist Olympia. Als Höhepunkt wird ihm zu Ehren eine außerplanmäßige Olympiade abgehalten – wie es auch schon für andere verdiente Männer geschehen war.

Über Neros Aufenthalt in Olympia liegen zahlreiche antike Nachrichten vor. Der überwiegende Teil schmäht sein Verhalten als Entweihung der heiligen Spiele, zumal er die Gastgeber gezwungen habe, die Wettkämpfe völlig unprogrammgemäß zwischen den „olympischen“ Jahren abzuhalten.

Der Geschichtsschreiber Sueton berichtet: „Als Wagenlenker trat er in Olympia sogar mit einem Zehngespann auf. Er wurde indessen dabei aus dem Wagen geschleudert; man hob ihn zwar wieder hinein, er konnte aber das Rennen doch nicht durchstehen, sondern gab vor Ende des Laufs auf – nichtsdestoweniger wurde er (als Sieger) gekrönt.“

Die Qualität solcher Meldungen und Geschichten allerdings schätzt der Archäologe Sinn verhalten ein: „Die antiken Autoren können keinesfalls als zuverlässig gelten.“ Sie waren keine Zeitzeugen, sondern griffen auf die Informationen älterer Berichterstatter zurück. Die aber, schreibt Sinn, „waren entweder Neros erbitterte politische Gegner oder aber Weggefährten, die, um ihren Kopf zu retten, nach seinem Tod um so vehementer gegen ihn vom Leder zogen.“ So scheint auch die Sueton-Suada in unzulässiger Weise skandalisiert worden zu sein, zumal man aus griechischen Berichten weiß, dass in Olympia die Wagenlenker bei den Gespannrennen nie die Besitzer selbst waren.

In seinen schön zu lesenden Büchern „Olympia“ und „Das antike Olympia“ (beides C.H. Beck Verlag) rückt Ulrich Sinn mit erhellenden Hintergrundinformationen die geschichtlichen Abläufe zurecht: „Die Annahme, Nero wäre wie im Wahn völlig zügellos von einem griechischen Wettkampfplatz zum nächsten gejagt, um sich an seinen im voraus schon festgelegten Siegen zu berauschen, lässt sich nicht länger aufrechterhalten.“

Nero aber musste sich im zweiten Jahr seiner Reise, die ihn noch nach Alexandria und Arabien hätte führen sollen, dem Druck aus Rom beugen, seine Tour abbrechen und nach Italien zurückkehren. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden auch die Maurer am Haus der Athleten ihre Sachen eingepackt haben.

Am 8. Juni des Jahres 68 wird Nero vom Senat zum „Feind“ erklärt, am nächsten Tag nimmt er sich das Leben. Die Provinz Achaia wird wieder ins römische Imperium eingegliedert. Den Bau des Vereinsheims der griechischen Athleten haben später andere Bauherren vollendet.

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