Gesundheit : Neu Denken lernen – über die Grenzen hinaus

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Von Günter Nooke

Heute feiert Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker seinen 90. Geburtstag. Auch wenn es dem durchschnittlichen Menschen nicht möglich ist, die wirklich großen Denker der Menschheitsgeschichte zu verstehen, ist doch jeder gut beraten, sich wenigstens an ein oder zwei dieser Geistesheroen zu versuchen. Für mich gehört Carl Friedrich von Weizsäcker zu diesen ganz Großen. Wahrscheinlich ist er einer der wichtigsten lebenden Philosophen und Physiker und möglicherweise wird das erst zu einem späteren Zeitpunkt ins allgemeine Bewusstsein gelangen.

Carl Friedrich von Weizsäcker war für mich der große Denker, an dem ich versucht habe zu verstehen, was Denken, was Philosophieren – oder wie von Weizsäcker es nannte: „Weiterfragen“ – bedeuten. Mein Interesse an der Person Carl Friedrich von Weizsäcker war darüber hinaus begründet durch die verschiedenen Lebensbereiche, in denen von Weizsäcker agierte. Die unterschiedlichen Wirklichkeitserfahrungen in Physik, Politik, Religion und Philosophie waren Ausgangspunkte seines Denkens. Seine Philosophie ist der Versuch, die Einheit der drei ersten zu denken. Sein Leben ist gekennzeichnet von Grenzgängertum.

Als er 14 war, sagte ihm der Physiker Werner Heisenberg: „Wenn Du Philosophie verstehen willst, dann musst Du zuerst Physik verstehen.“ Er promovierte und habilitierte sich an der Universität Leipzig bei Heisenberg, ging 1936 nach Berlin-Dahlem ans Kaiser-Wilhelm-Institut und arbeitete den ganzen Krieg über am Atomprojekt der Nationalsozialisten mit. Von seiner Beschäftigung als Kernphysiker blieb die Behte-Weizsäckersche Massenformel. Er war Physikprofessor in Straßburg und Göttingen, Philosophie lehrte er in Hamburg und von 1970 bis 1980 leitete er in Starnberg gemeinsam mit Jürgen Habermas das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt.

Als Zwölfjähriger hatte die Bergpredigt seinen „Glaube an die Berechtigung der bürgerlichen Gesellschaft erschüttert“, wie er selbst schreibt. Er erlebte evangelikale Gemeinschaft von Christen und meditierte mit indischen Weisen. Damit die westliche Medizin, damit überhaupt unsere Wissenschaften die östlichen Erfahrungen denken lernen, ist nach seiner Auffassung der Weg über die Physik nötig.

Arbeit am Uran-Projekt

Carl Friedrich von Weizsäckers Zugang zur Politik führt über seinen Vater, der Diplomat und im Dritten Reich Staatssekretär im Auswärtigen Amt war. Weizsäcker selbst kannte wohl die Versuchung von Macht. Während der Arbeiten am Uran-Projekt hätte er kurze Zeit davon geträumt, welcher Einfluss für die Physiker mit dem Bau einer Atombombe verbunden wäre. Im Jahre 1979, eine Amtszeit vor seinem jüngeren Bruder Richard von Weizsäcker, wurde er von Willy Brandt gefragt, ob er sich für die Wahl zum Bundespräsidenten nominieren lasse, was aber wenig aussichtsreich war und von ihm abgelehnt wurde. Politisch ging es ihm um die Veränderung der Welt durch die Atombombe, die Überwindung der Institution des Krieges und die Verantwortung der Wissenschaft. Auf westdeutscher Seite hat er 1985 bis 1990 im „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ die Begegnung der verschiedenen christlichen Kirchen gefördert.

Was hat das alles mit Physik zu tun? So wie von Weizsäcker sie versteht – sehr viel. Sein Ansatz lautet: Um empirisch bleiben zu können, muss ein Begriff von Erfahrung vorausgesetzt werden. Erfahrung heißt von der Vergangenheit für die Zukunft lernen. Soweit die Erfahrung objektivierbar sein soll, unterliegt sie der Logik, der Unterscheidung von richtig und falsch. Im Sinne moderner Informationstheorien ist sie in entscheidbare Alternativen aufzugliedern.

Von der Mathematik zur Kernphysik

Weizsäckers genialer Ansatz bestand darin, aus der Entscheidbarkeit von einfachen Alternativen auf rein mathematischem Weg zu den bekannten, messbaren Elementarteilchen der Kernphysik zu gelangen. Der Versuch ist bisher unvollendet geblieben. Diesen Gedankengang finde ich faszinierend, weil plötzlich ganz unterschiedliche Bereiche aufeinander bezogen werden können. Die Grenzen exakter Wissenschaft werden deutlich, ohne dass damit darüber hinausgehendes „subjektives Wissen“ negiert wäre.

Denn: Nach Immanuel Kant formuliert Naturwissenschaft die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung. Carl Friedrich von Weizsäcker versuchte zu zeigen, dass die von Bohr und Heisenberg entwickelte Quantentheorie eben dieses leistet. Die Grundgesetze der Physik, die den harten Kern der Naturwissenschaft bildet, bestimmen die Art und Weise, in der begrifflich-empirisches Denken Wirklichkeit beschreiben kann. Von Weizsäcker spricht von der Quantentheorie als einer Theorie von Wahrscheinlichkeiten. Für ihn geht es dabei um Prognosen von möglichen, also zukünftigen Ereignissen. Diese Ereignisse sind Ergebnisse empirischer Wahrnehmung.

Die Kopenhagener Interpretation der Quantentheorie, auf die sich von Weizsäcker bezieht, beinhaltet die Erkenntnis, dass selbst in der Physik keine Erfahrung (Messung von Zustandsgrößen) mathematisch exakt beschrieben werden kann, ohne die Rolle des Beobachters mit zu diskutieren. Teilchen und Welle sind zwei klassische Beschreibungsweisen von Phänomenen, die beide durch die Erfahrung, etwa ein physikalisches Experiment, erzwungen sind und einander doch in strenger Anwendung ausschließen. Weizsäcker zeigte: Diese Komplementarität, dieser Welle-Teilchen-Dualismus ist ein abgeleitetes, kein fundamentales Faktum. Die anschaulichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit werden durch unsere Fragen, durch unsere in Experimenten erzwungenen Antworten, erschaffen.

Was wäre nicht schon alles gewonnen, wenn Wissenschaftler, Theologen und Politiker auf Grund eines gemeinsamen, über ihre Lebensbereiche hinaus gehenden philosophischen Zugangs eine neue Gesprächsbasis fänden. Wir könnten uns alle etwas weniger wichtig nehmen. Wir müssten neu denken lernen. Georg Picht, von dem Weizsäcker in einer Selbstdarstellung schreibt, er sei der einzige, der ihn auf dem Weg zu einem „transzendentalen Entwurf eines endlichen Subjekts“ immer begleitet habe, sagt: Wir handeln falsch, weil wir falsch denken. Könnte es nicht immer noch so sein, dass wir alle falsch handeln, weil wir alle falsch denken und deshalb meistens aneinander vorbei reden?

Ich weiß, solche Fragen stellt man besser nicht. Es sei denn, einer der großen Denker erinnert selbst Politiker daran, was alles noch von Bedeutung sein könnte . . . Im Grunde wären wir es ihm schuldig.

Der Autor ist Physiker und Mitglied der CDU-Bundestagsfraktion.

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