Gesundheit : Neu entdeckte Tierarten: Die unsichtbaren Arten

Matthias Glaubrecht

Selbst in scheinbar gut bekannten, ja sogar dicht besiedelten Regionen der Erde gelingt es Zoologen mitunter, neue Tierarten zu entdecken. Nicht verwunderlich ist das angesichts des millionenfachen Heeres von wirbellosen Tieren, umso mehr aber bei höher entwickelten Säugetieren. So entdeckte jetzt ein Team um den Zoologen Jörg Ganzhorn von der Universität Hamburg gleich drei neue Primatenarten auf Madagaskar.

Durch den Vergleich bestimmter Abschnitte aus dem Erbgut von Maus-Lemuren erkannten die Forscher, dass sie die Artenzahl bei diesen nachtaktiven Halbaffen bisher unterschätzt haben. Die Erbgut-Analyse zeigt, dass es bei den auf Madagaskar weit verbreiteten Lemuren Microcebus bislang "kryptische" Arten gibt. Äußerlich kaum von den bereits bekannten Arten zu unterscheiden, belegt erst die Molekulargenetik, dass diese "Neulinge" biologisch eigenständig sind.

Da die neu entdeckten Lemurenarten jeweils in nur einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet leben, ist ihr Überleben in den von Holzeinschlag bedrohten Regenwäldern Madagaskars sehr fraglich. Wie in diesem jüngsten Fall liefern molekulargenetische Studien immer häufiger nicht nur der Biosystematik neue Erkenntnisse, sondern weisen auch dem Artenschutz neue Wege.

Erst kürzlich hatten Wissenschaftler um den amerikanischen Zoologen Joel Cracraft vom American Museum of Natural History in New York herausgefunden, dass auf der indonesischen Insel Sumatra eine eigene Tiger-Art lebt. Zuvor waren Zoologen davon ausgegangen, dass die verschiedenen in Asien lebenden Populationen dieser größten Katze der Welt zu einer einzigen Art - Panthera tigris - zählen.

Einst waren Tiger über weite Teile des asiatischen Kontinents vom Kaukasus bis zum Amur-Gebiet sowie auf den indonesischen Inseln Sumatra, Java und Bali verbreitet. Heute ist ihr Lebensraum dort auf isolierte Reste zusammengeschrumpft. Seit der vorletzten Jahrhundertwende ist der Bestand dieser mächtigen, fast vier Meter langen Raubkatze nicht zuletzt durch die Wilderei um mehr als 95 Prozent gesunken.

Die meisten Tiger, rund 4000 Tiere, leben noch immer in Indien, wo 21 Reservate speziell für den Erhalt des "Königs-" oder Bengaltigers Panthera tigris tigris geschaffen wurden, nachdem er in den 1960er Jahren bereits kurz vor der Ausrottung stand. Erst dank des 1970 vom World Wide Fund for Nature (WWF) gestarteten Rettungsprogramms "Operation Tiger" - einer der erfolgreichsten Schutzaktionen des Naturschutzes, bei der neben dem Ausweisen von Schutzgebieten auch Tigerjagd und Ausfuhr von Fellen verboten wurde - erholte sich der Bestand von seinem Tiefststand mit 318 Tieren im Jahre 1972 wieder.

Während auch in Indochina schätzungsweise noch zwischen 800 und 1400 Tiere leben, sind mehrere Tiger-Populationen inzwischen unwiederbringlich ausgestorben. Bereits in den 1940er Jahren verschwand der Tiger zuerst auf der vergleichsweise kleinen Insel Bali, in den 1970er Jahren folgte der Kaspische Tiger; spätestens seit den 80er Jahren gelten auch die Tiger auf Java als ausgestorben.

Vom Chinesischen Tiger, dessen Population in den 1960er Jahren noch aus rund 4000 Tieren bestand, haben nur schätzungsweise 30 bis 80 überlebt. Vom Sibirischen Tiger, den der WWF seit Mitte der 1990er Jahre in einer groß angelegten Schutzkampagne ähnlich wie einst den Bengaltiger zu retten versucht, dürften vermutlich weniger als 200 Tiere den Jahrtausendwechsel überdauert haben.

Bislang fassten Biosystematiker sämtliche acht geographisch getrennte Populationen des Tigers lediglich als Unterarten auf. So bitter der Verlust jeder dieser Unterarten ist, aus genetischer Sicht handelt es sich bei diesen Beständen um vergleichsweise wenig abweichende Teile des Genpools nur einer Art, die anderswo überdauert.

Mit dieser zweifelhaften Beruhigung angesichts des unverminderten Tigersterbens haben die Forscher um Joel Cracraft allerdings aufgeräumt. Ihre Studien an der Erbsubstanz der Mitochondrien - jenen Zellbestandteilen, deren DNS in systematischer Hinsicht besonders aussagekräftig ist - ergaben beim Sumatra-Tiger erhebliche genetische Unterschiede gegenüber den Tigern des asiatischen Festlandes. Demnach handelt es sich bei den letzten überlebenden indonesischen Tigern tatsächlich um eine eigenständige Art Panthera sumatrae.

Zoologen waren in der Vergangenheit zwar äußere Unterschiede beim Sumatratiger aufgefallen, so etwa eine leuchtendere Grundfarbe und ein dichteres Streifenmuster als etwa beim Tiger der benachbarten Insel Java. Doch derartige Unterschiede wurden bislang damit erklärt, dass Inselpopulationen sehr häufig im Körperbau von der Festlandspopulation abweichen.

Die genetischen Befunde lassen vermuten, dass der Sumatra-Tiger entstand, nachdem der steigende Meeresspiegel vor 12000 bis 6000 Jahren diese Region zu einer Insel gemacht hatte. So konnten sich die Tiger des Festlandes weiter mischen, während die auf Sumatra isolierten Tiger ihre genetischen Unterschiede entwickelten.

Bedeutend sind die neuen Befunde nun auch für den Schutz der verbliebenen Tiger in den Reservaten auf Sumatra wie auch für die Zuchtprogramme der Zoos rund um den Globus. Denn um ihre abweichende Erbsubstanz zu bewahren, müssen nun reinrassige Sumatratiger nachgezüchtet werden. Dabei dürfen sie nicht mit Tigern der genetisch abweichenden asiatischen Populationen eingekreuzt werden.

Auf Sumatra, so wird geschätzt, könnten noch zwischen 400 bis 600 dieser Großkatzen überlebt haben. Sie sind meist in nur fünf Reservaten auf der Insel zu finden, wo ihr Schutz derzeit indes aufgrund der Abgeschiedenheit der unwegsamen Waldgebiete schwer zu kontrollieren ist. Wilderer haben hier oft leichtes Spiel. Der Nachweis einer zweiten überlebenden Tiger-Art in Indonesien sollte jetzt neuer Ansporn für die Regierung wie auch für Naturschutzorganisationen sein, das Überleben des südostasiatischen Tigers auch im Freiland zu sichern.

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