Gesundheit : Neue Bildungskatastrophe: Der Mangel an Physikern in Schulen und Hochschulen wird zum Problem

Peter Glotz

Gelegentlich fragt man sich, ob unser föderalistisches Bildungssystem in der Lage ist, rasch und wirkungsvoll auf eindeutige Tatbestände zu reagieren. Ein Beispiel könnte das für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes hochproblematische Defizit an Physikern und Physikerinnen sein. Eigentlich dürfte es keinen Streit darum geben, dass es sinnvoll wäre, dem Arbeitsmarkt die Zahl der Physiker zu liefern, die er braucht. Warum hört man aber nirgends einen Aufschrei, wenigstens einen steilen Appell?

Die Zahlen sind eindeutig. 1999/2000 legen rund 1400 Studentinnen und Studenten das Vordiplom in Physik ab. Von ihnen werden in vier Jahren rund 90 Prozent, also 1260 das Diplom erreichen. Nach den Erhebungen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft benötigt die deutsche Wirtschaft aber jährlich 3000 Physiker und Physikerinnen . Dazu kommt noch ein Bedarf in der Forschung von ca. 2000 bis 3000 Wissenschaftlern. Auch der Physiklehrerbedarf ist grösser als das Angebot. Auf deutsch bahnt sich hier eine mittlere Katastrophe an.

Das Problem hat auch eine internationale Vergleichsstudie ("TIMS") gezeigt. Die Deutschen liegen international mit ihren Leistungen in Physik und Mathematik im unteren Mittelfeld. Der Grund liegt offenbar in der schlechten Vermittlung dieser Fächer in der Schule. Nur 26 Prozent aller Schüler der Jahrgangsstufe 11 wählen einen Grundkurs in Physik, 12 Prozent einen Leistungskurs. Das bedeutet, dass zwei Drittel aller Schüler zum frühest möglichen Termin das Fach Physik abwählen. Oft entscheiden sich an einer Schule so wenige Schüler für einen Grund- oder Leistungskurs, dass ein solcher Kurs gar nicht zustande kommt. Besonders frustriert werden offenbar Mädchen. Der Frauenanteil im Fach Physik liegt bei 9.1 Prozent. Es ist natürlich Quatsch, so zu tun, als ob das in den Genen läge. In Ungarn beträgt der Anteil 47 Prozent, in Portugal 34 Prozent.

Was wäre zu tun? Massive Bildungswerbung, die Schaffung einer größeren Zahl naturwissenschaftlich profilierter Gymnasien, eine spürbare Initiative zur Physik- und Mathematikdidaktik. Und es ist eine Debatte um die frühe Abwählbarkeit der Physik in der Oberstufe der Gymnasien zu führen. Nicht eine einzelne dieser Maßnahmen könnte greifen, sondern nur das Bündel. Aber ist der Apparat der Kultusministerkonferenz dazu beweglich genug? Und genügt es, wenn man darauf hofft, dass beispielhafte Initiativen einzelner Länder andere mitziehen?

Deutschland, einst die Großmacht der Physik par excellence, braucht mehr Physiker: in der Software, dem Consulting, der Forschung, der Dienstleistung und in der Schule. Vom Bundeskanzler kann man bei dieser originären Aufgabe der Länder weiß Gott nicht verlangen, dass er das Problem anpackt; auch nicht von seinem schwerbepackten Kulturbeauftragten. Wie wäre es, wenn die Ministerpräsidenten vors Brett gingen und ein Zehn-Punkte-Programm initiierten? Irgendwann hat einer mit solch einem Dekalog doch sogar die Wiedervereinigung in Gang gebracht?

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