Gesundheit : Neue Chance für die Freie Humboldt-Universität?

München plant, seine Hochschulen zu verschmelzen – auch den Berliner Unis würde ein gemeinsames Dach helfen, sagen Experten

Anja Kühne

Bayerns Überlegungen, die beiden Münchner Universitäten miteinander zu fusionieren (wir berichteten), beleben auch die alte Berliner Debatte um eine „University of Berlin“ neu. Detlev Ganten, der Vorstandsvorsitzende der Berliner Charité, hält die bayerischen Absichten für sinnvoll. Er plädiert dafür, auch in Berlin ein gemeinsames Dach einer „Freien Humboldt-Universität zu Berlin und Brandenburg“ zu schaffen, unter dem sich die Universitäten sowie die Forschungseinrichtungen der Region zusammentun sollten. „Wir brauchen eine Gesamtstrategie“, sagte Ganten dem Tagesspiegel. Man müsse die Kräfte bündeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben – Überlegungen, die FU-Präsident Dieter Lenzen „völlig unsinnig“ nennt.

In der SPD ist der Vorschlag umstritten. Der Hochschulexperte Christian Gaebler hält „nichts von einer neuen Fusionsdebatte“ in Berlin. Bert Flemming, der wissenschaftspolitische Sprecher der Berliner SPD-Fraktion, ist anderer Auffassung – sieht aber momentan keine Chance, die Unis zu einer so engen Kooperation zu bewegen. Zu groß sei ihr Wunsch nach Autonomie und ihr Konkurrenzdenken: „Sie können ja schon keine gemeinsame Sprachregelung finden, wenn es um die Nobelpreisträger geht“, sagte Flemming in Anspielung auf den aktuellen Streit, in dem die Humboldt-Uni das Erbe der alten Berliner Universität allein für sich beansprucht.

Die aktuellen Pläne Bayerns stammen aus der Kommission „Wissenschaftsland Bayern 2020“, die der Politik Vorschläge zur künftigen Ausrichtung der bayerischen Wissenschaft geben soll. Ihr gehören zwölf renommierte Mitglieder an, darunter Ernst-Ludwig Winnacker, der Präsident der DFG, Gerhard Caspar, der einstige Präsident der Universität Stanford, oder die Berliner Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte. Leiter der Gruppe ist der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß. Das Gremium schlägt vor, beide Unis mit einem gemeinsamen Dach, einer Holding, zu verklammern. Die Doppelangebote der Hochschulen würden zu gemeinsamen „Schools“ zusammengeführt. Damit soll München seine Kräfte konzentrieren. Die „University of Munich“ könnte international zu einer der zehn besten Unis aufsteigen, meint Mittelstraß. In dem umstrittenen Shanghai-Ranking der 500 weltbesten Unis gehören die beiden Münchener Unis zur deutschen Spitze (TU Platz 48, Uni München Rang 51). Während der Präsident der Ludwig-Maximilians-Uni, Bernd Huber, sich unter der Holding nur ein Abstimmungsgremium vorstellt, wünscht sich der Chef der TU München, Wolfgang Herrmann, sogar eine gemeinsame Uni-Neugründung, sagte er der „SZ“.

Herrmann begründet seinen Vorschlag auch mit dem Beispiel Berlins. In der Stadt gebe es drei Universitäten, „denen es an der Struktur gebenden Kraft fehlt. Dort läuft man stetig in den unterkritischen Bereich“, sagte er. Das heißt: Arbeiten zu wenig Forscher an einem Institut, hemmt das die Dynamik, es fehlt die „kritische Masse“ an Potenzial. Diese Gefahr drohe auch München.

Charité-Chef Ganten hält die Einschätzung Herrmanns für begründet. Die Berliner Hochschulmedizin von FU und HU sei durch die Fusion gestärkt worden – obwohl sie 98 Millionen Euro einsparen muss, sagt Ganten. Das Ende der Konkurrenz zwischen beiden medizinischen Fakultäten wirke sich positiv aus. Die Berliner Medizin solle lieber an ihren nationalen und internationalen Konkurrenten wachsen. Ganten will jedoch keine vollständige Fusion der drei großen Unis. Sie sollten unter dem gemeinsam Dach eigenständig bleiben, sonst würde die Einrichtung zu anonym: „Wissenschaft braucht persönliche Ansprache, sonst entsteht keine Begeisterung.“

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