Gesundheit : Neue Chance für die nationale Akademie

Die Gelehrten sollen die Politik beraten. Umstritten bleibt, wer die deutsche Forschung im Ausland vertritt

Uwe Schlicht

Es scheint so, dass der Hindernislauf zu einer nationalen Akademie nach über 15-jähriger Diskussion in den Endspurt übergeht. Die besten Wissenschaftler des Landes sollen den Konvent der nationalen Akademie für die Beratung der Gesellschaft und Politik bilden. Eine Zahl zwischen 120 und 200 Mitgliedern könnte dieser Gelehrtengesellschaft angehören. Das geht dem Vernehmen nach aus einem Satzungsentwurf für die „Deutsche Akademie der Wissenschaften“ hervor. Sekretariat und Geschäftsstelle der nationalen Akademie sollen in Berlin eingerichtet werden. Man denke an eine Unterbringung im künftigen Stadtschloss. Der Bundespräsident soll die Akademiemitglieder ernennen, und auch den Etat verwalten – die Rede ist von einem Betrag in einstelliger Millionenhöhe. Durch die Zuordnung zum Bundespräsidenten sollen Rang und Unabhängigkeit der Akademie betont werden.

Noch in diesem Jahr könnten sich Politiker und Wissenschaftsorganisationen auf die Gründung der nationalen Akademie einigen. Entsprechend äußerten sich der Präsident der Leopoldina, Volker ter Meulen, und der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie, Günter Stock, gegenüber dem Tagesspiegel.

Eine Konferenz der „Heiligen Allianz“, in der die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen vertreten sind, hat im Juni 2006 zu diesem Optimismus beigetragen. Nach der Sommerpause wird die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) nun über ein Konzept für eine nationale Akademie der Wissenschaften beraten.

„Politikberatung auf hohem Niveau ist ein Desiderat“, umreißt der Generalsekretär der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Reinhard Grunwald, die Haltung der „Heiligen Allianz“ zur nationalen Akademie. Die Helmholtz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft hätten zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie von Landes- und Bundespolitikern „als Lobbyisten der Forschung“ angesehen werden, wenn sie sich zu aktuellen Gesellschaftsfragen äußern.

Die nationale Akademie dagegen solle so unabhängig und selbstständig in der Wahl ihrer Themen sein, dass sie „als Stimme der gesamten Wissenschaft angesehen“ werden könne. Wenn die Stimme der Wissenschaft auf diese Weise zur Geltung komme, dann dürfe sie nicht nur auf die Forschung bezogen sein, sondern auf die Wissenschaft insgesamt, sagt Grunwald. Die nationale Akademie müsse autonom in der Wahl ihrer Themen sein. Denkbar seien Stellungnahmen zu Infektionskrankheiten, Klimawandel, Wasserversorgung, zum Umgang mit embryonalen Stammzellen – oder auch zu den Herausforderungen des bevorstehenden Studentenbergs. Die Akademie dem Bundespräsidenten zuzuordnen sei unverzichtbar, betont Grunwald. Nur so wäre eine Unabhängigkeit von politischen Einflüssen des Bundes und der Länder gewährleistet.

Auch die Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz, Christiane Ebel-Gabriel, bestätigt, dass die „Heilige Allianz“ die Gründung einer nationalen Akademie einhellig befürworte. Wenn es um die Politikberatung innerhalb Deutschlands geht, sei die Unterstützung für die nationale Akademie allerdings größer als bei der Frage, wer künftig die deutsche Wissenschaft im Ausland vertreten soll. Der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Jürgen Mlynek ist „optimistisch, dass wir die nationale Akademie bis zum Jahresende haben werden“. Die Diskussion gehe in die richtige Richtung. Die Stimme der Helmholtz-Gemeinschaft ist wichtig, weil ihre Institute der Großforschung zu 90 Prozent vom Bund finanziert werden.

Seit 1989 geht der Streit um die Frage, ob Deutschland eine nationale Akademie benötigt. Jürgen Rüttgers, der heutige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hatte damals die Gründung einer bundesweiten Gelehrtengesellschaft angeregt. Nicht nur die Parlamentarier, auch die Bundesregierung und die Gesellschaft brauchten den Rat unabhängiger Wissenschaftler zu wichtigen Fragen wie der Energiepolitik, der Migration, dem Klimawandel. Aber Politiker wünschten sich keinen Dschungel von einander widersprechender Gutachten, sagte Rüttgers damals. Eine solche Vielfalt lasse Öffentlichkeit und Politiker bei der Abwägung von Chancen und Risiken eher ratlos zurück.

Die nationale Akademie sollte die verschiedenen in Wissenschaft und Politik vorherrschenden Teilsichten auf der Suche nach einem Konsens zusammenfügen. Die bestehenden Akademien in Deutschland seien mit einer solchen Aufgabe überfordert. Deswegen sei die Gründung eines völlig neuen Akademietypus notwendig.

Bundeskanzler Helmut Kohl griff die Anregung in seiner Regierungserklärung auf. In West-Berlins Nobelviertel Grunewald war inzwischen eine Akademie neuen Typs gegründet worden. Die Linken liefen gegen diese Gründung Sturm. Ihr Argument lautete: Man wolle keine konservativen Mandarine, die bestimmten, was in der Wissenschaft richtig und falsch wäre. Von dem neuen rot-grünen Senat unter der Führung von Walter Momper wurde die Akademie geschlossen.

Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder lebte die Idee einer nationalen Akademie wieder auf. Im Juni 2004 rang sich der Wissenschaftsrat, das einflussreiche Beratungsgremium von Bund und Ländern, dazu durch eine nationale Akademie zu empfehlen. Doch das Ergebnis war ein Formelkompromiss. Das Schicksal der nationalen Akademie hing seit dieser Empfehlung davon ab, dass sich die sieben in der Union vertretenen regionalen Akademien sowie die Leopoldina und die Acatech der Ingenieure mit den großen Wissenschaftsorganisationen in der „Heiligen Allianz“ auf ein Konzept einigen.

Die Mitglieder der „Heiligen Allianz“ wollten der Union der Akademien nicht allein das Mandat für die fundierte Politikberatung und Außenvertretung Deutschlands in der Welt anvertrauen. Dazu hielten die stolzen Mitglieder der „Heiligen Allianz“ die Akademien für zu verstaubt, zu regional ausgerichtet, zu sehr am alten Klassendenken einer Honoratiorenakademie orientiert. Dabei ist ohnehin klar, dass eine Akademie keine Grundlagenforschung betreiben kann, für die in der Medizin, den Natur- und Ingenieurwissenschaften teure Labors und Werkstätten benötigt werden.

Prestige- und Interessenkämpfe setzten sich fort, nachdem die Union im September 2004 einen Vorschlag veröffentlicht hatte, den sie als Angebot an die „Heilige Allianz“ verstand. Er sah einen Konvent der deutschen Wissenschaftler vor, der 120 Mitglieder umfassen sollte, zusammengesetzt aus Vertretern der deutschen Akademien, Nobelpreisträgern, Leibnizpreisträgern und Zukunftspreisträgern der letzten vier Jahre und anderen Wissenschaftlern aus den Universitäten. Diesem Konvent wollte man die Beratung von Politik und Gesellschaft anvertrauen.

Für die Vertretung der deutschen Wissenschaft im Ausland war ein „Deutscher Forschungsrat“ vorgesehen. Ihm sollten neben dem Präsidenten der Deutschen Akademie der Wissenschaften auch die Präsidenten aller großen Forschungs- und Wissenschaftsorganisationen angehören. Mit DFG, Helmholtz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft, der Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz, Fraunhofer-Gesellschaft, Wissenschaftsrat und Hochschulrektorenkonferenz wäre die „Heilige Allianz“ mit im Boot gewesen.

Die neue Strategie des Jahres 2006 zeigt, dass man aus den Kontroversen gelernt hat. Man versucht es jetzt mit vagen Eckpunkten. Was im September der BLK zur Erörterung vorgelegt wird, unterscheidet sich von dem Konzept der Union im Grad der Offenheit. So soll die Außenvertretung der deutschen Wissenschaft nicht einer bestimmten Person wie dem gewählten Präsidenten der künftigen Akademie übertragen werden. Wer die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien vertritt, soll von Fall zu Fall entschieden werden. Entsenden könne man die Organisation, die am besten für die Artikulation eines bestimmten Themas geeignet sei, heißt es.

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