Gesundheit : Neue Gefahren für die Riesen der Meere

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Von Wolfgang Hassenstein

Mit bis zu 50 Stundenkilometern schiebt der Seiwal seinen 30-Tonnen-Körper durch die Fluten. Seine Schnelligkeit bewahrte Balaenoptera borealis vor den Begehrlichkeiten des Menschen. Doch seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geriet die schlanke Art immer stärker ins Visier der Walfänger. In der Saison 1964/65 wurden weltweit 25 454 Tiere harpuniert. Kurzzeitig erbrachte die massive Ausbeutung hohe Gewinne, doch ihr Ende war vorhersehbar und einkalkuliert. Bald nach dem Spitzenjahr brachen die Fangzahlen ein, 1978/79 wurden nur noch 150 Tiere gefangen. Die Liste der Wale, deren Bestände zusammengebrochen waren und deren Nutzung nicht mehr lohnte, war um eine Art länger.

Doch nach zwei Jahrzehnten Schonzeit sollen im Sommer 2002 wieder Seiwale gejagt werden. Kürzlich kündigte Japans Regierung an, im Nordwestpazifik zu wissenschaftlichen Zwecken 50 Tiere töten lassen zu wollen. Es wäre die erste Zielart der japanischen Fangflotte, die auf der Roten Liste der bedrohten Arten als „gefährdet“, also in der zweithöchsten Bedrohungs-Kategorie, eingeordnet ist. Entsprechend groß ist die Empörung von Arten- und Meeresschützern.

Nach Ansicht von Japans Fischereibehörde rechtfertigt ein Anstieg der Population jedoch die Aufnahme der Art in das umstrittene Walforschungsprogramm, das Erkenntnisse über Ernährung, Wanderungen und Lebenszyklen der Wale im Nordpazifik bringen soll. Alljährlich fängt Japan deshalb in dem Meeresgebiet etwa 150 Minkewale sowie seit zwei Jahren auch Brydewale und Pottwale – ebenfalls Rote-Liste-Arten, wenn auch nicht so gefährdet wie der Seiwal. Hinzu kommen jährlich mehr als 400 Minkewale, die im antarktischen Walschutzgebiet geschossen werden.

Meeresschützer halten das Forschungsprogramm jedoch für eine Farce. Es wurde 1987 ins Leben gerufen, nachdem die Internationale Walfangkommission (IWC) im Jahr zuvor aufgrund der alarmierenden Bestandsentwicklungen ein Moratorium erlassen hatte, das die Jagd auf Großwale weltweit verbot.

Ausnahmen sollte es nur für den traditionellen Walfang in kleinem Maßstab geben – und für die Forschung. Nach Ansicht der Kritiker nutzt Japan – obwohl es das Moratorium im Gegensatz zu Norwegen offiziell anerkennt – das Schlupfloch für kommerzielle Zwecke. Denn etwa 2000 Tonnen Walfleisch landen jährlich im Handel und erzielen einen Kilopreis von bis zu 300 Mark. Das Fleisch dürfe nicht vergeudet werden, sagt die Regierung – und versucht , mit einer Werbekampagne die Nachfrage anzukurbeln.

Im Mai findet im japanischen Shimonoseki das Jahrestreffen der IWC statt. Umweltschutzorganisationen fürchten ein Aufweichen des Moratoriums (siehe Kasten), sie sehen das Überleben der letzten Großwale in Gefahr. Doch wie bedroht sind sie wirklich?

„Einige Arten erholen sich offenbar nicht oder nur sehr langsam“, sagt Hans-Konrad Nettmann, Zoologe an der Universität Bremen. „Das liegt zunächst einmal an der niedrigen Reproduktionsrate so großer Tiere.“ Am schlechtesten steht es um den Nördlichen Glattwal (Nordkaper), der über Jahrhunderte wichtigstes Beutetier der Walfänger war, weil er sehr langsam schwimmt und sich mit Ruderbooten und handgeworfenen Harpunen erlegen ließ. Im 20. Jahrhundert war die Zahl im Atlantik auf weniger als 100 Tiere geschrumpft, 1937 wurde die Jagd verboten. Aber mehr als 300 gibt es wohl noch immer nicht. Auch bei den verwandten Südlichen Glattwalen und Grönlandwalen ist die Lage kritisch.

„Als die langsamen Arten dezimiert waren und die Technik es zuließ, wurden die schnell schwimmenden Großwale gejagt. Und als es auch zu wenig Blau-, Finn- und Buckelwale gab, wich man auf kleinere Arten aus“, sagt Nettmann. „Die meisten Arten wurden auf ein Zehntel der ursprünglichen Zahl reduziert.“ So schwimmen nach Schätzungen weniger als 5000 Blauwale in den Weltmeeren – obwohl sie seit 1966 nicht mehr gejagt werden dürfen.

Dagegen erscheinen die Bestände der derzeit von den Japanern gefangenen Arten vergleichsweise groß: Takanori Ohashi, ein Vertreter der Fischereibehörde, führt neue Schätzungen an, nach denen die Zahl der Seiwale wieder auf etwa 100 000 gewachsen ist. Zudem soll es einige Zehntausend Brydewale und sogar bis zu einer Million Minkewale geben. Doch Meeresschützer und viele Wissenschaftler bezweifeln die Aussagekraft der auf Schätzungen. Erst kürzlich schlug der kanadische Walforscher Hal Whitehead vor, die geschätzte Zahl der Pottwale in den Weltmeeren auf etwa 360 000 zu korrigieren – fünf mal weniger, als zuvor angenommen.

Doch selbst wenn die höheren Zahlen stimmen, sehen Kritiker Gefahren: „Wahrscheinlich gab es und gibt es viele getrennte Populationen oder sogar Arten, von denen wir gar nichts wissen. Auf der Basis des Bekannten kann man die Nutzbarkeit der Bestände nicht verantwortlich berechnen“, sagt der Walforscher Nettmann.

Erst kürzlich haben neuseeländische Wissenschaftler durch genetische Untersuchungen eine neue Schnabelwalart entdeckt. Und auch beim Minkewal, der heute wichtigsten Zielart, gibt es wahrscheinlich in allen Fanggebieten genetisch voneinander getrennte, teilweise sehr kleine Untergruppen – sowohl im Nordatlantik und in der Antarktis, wo die Japaner jagen, als auch in den Fanggebieten der Norweger im Nordatlantik. Die Populationen sind beim Fang nicht zu unterscheiden, und teilweise verwechseln die Walfänger sogar die bekannten Arten.

Walschützer führen an, die Meeressäuger hätten inzwischen mit so vielfältigen Problemen zu kämpfen, dass die zusätzliche Belastung durch den Walfang nicht zu verantworten sei. Einen starken Einfluss hat auch die Überfischung der Meere. Doch wer wem etwas wegfischt, ist Ansichtssache: „Japan wird den Forschungswalfang intensivieren, um dringend notwendige Daten über die Konkurrenz zwischen Walen und Fischerei zu sammeln“, sagte kürzlich Seiji Ohsumi, der Direktor des Instituts für Walforschung in Tokio. „Sie konsumieren nach Schätzungen drei bis fünf mal mehr marine Ressourcen, als für den menschlichen Verzehr gefangen werden.“

Aus dem Hauptzweck der Forschung machen die Japaner also keinen Hehl. „Es geht ihnen in Wirklichkeit um die Verdrängung von Mitbewerbern um die schwindenden Ressourcen der Meere“, kommentiert Nettmann.

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