Gesundheit : Neue Medien: Grashüpfer im Internet

Gerlinde Unverzagt

Vor dem Computer hockt ein älterer Mann, hinter ihm steht ein Jugendlicher. Beide starren voller Grauen auf den Monitor vor ihnen - der entblößt gefräßig ein Wolfsgebiss und schickt sich an, die beiden User zu verschlingen. Im wirklichen Leben geht es zwischen Mensch und Medien friedlicher zu. Dennoch wirkt der Cartoon, den Gavriel Salomon, Kommunikationswissenschaftler und Professor für pädagogische Psychologie an der Universität Haifa, seinem Vortrag vorausschickt, ein wenig wie das Menetekel an der Wand. Wie die neuen Medien, allen voran das Internet, die kindliche Entwicklung beeinflussen und die Struktur des Wissens, Wahrnehmens, Denkens und des Gedankenaustauschs grundlegend verändern, beschrieb er auf einer Tagung über Entwicklungspsychologie an der Universität Potsdam.

Hellgard Rauh, Entwicklungspsychologin in Potsdam, will mit der Veranstaltung darauf aufmerksam machen, dass das Verhältnis von Mensch und Computer auf der Forschungslandkarte noch viele weiße Flecken aufweist. Und das, obwohl "die neuen Medien überall in unseren Alltag eingreifen", wie Rauh sagt. So sei in Ländern mit großer Nutzung neuer Medien der Intelligenzquotient der Menschen gestiegen. Gleichzeitig klagten Lehrer aber über rasant abnehmende Leistungen in der Schule. Grund ist, dass das bildhafte, nicht-sprachliche Denken, wie es Intelligenztests messen, auf Kosten des sprachlichen Denkens, wie es die Schule fördert, zunimmt.

Alles verschwimmt

Die möglichen Folgen halten die Forscher für weitreichend: Die Fähigkeiten von Kindern, virtuelle von realen Welten zu unterscheiden, könnten verschwimmen; das Internet verändere Sozialkontakte älterer Menschen, aber auch die Kommunikation über Gefühle. "Wir wollen den jungen Wissenschaftlern sagen: Was immer ihr forscht, bezieht diesen Aspekt mit ein," betont Hellgard Rauh.

Der Auftritt neuer Medien hat schon immer zwei Antworten provoziert, sagt Gavriel Salomon: Verteufelung und Verheißung. So war es beim Buch und so ist es heute bei den neuen Medien. Salomon zitierte genüsslich eine Warnung vor dem Bücherlesen, aus der Zeit, als der Buchdruck bereits seit Hunderten von Jahren etabliert war. Da befürchtet ein Pädagoge im Jahre 1879, dass das Lesen aus Kindern keineswegs neue Denker, sondern eine Generation gedankenloser Träumer hervorbringen werde. Ähnlich beklagen heutige Kulturkritiker den Fluch der Vereinsamung vor dem Computer, während die Optimisten die Segnungen mühelosen Lernens und der total offenen Kommunikation preisen.

Salomon macht kein Geheimnis daraus, dass er etliche Befürchtungen für begründet hält. Trotzdem will er nicht zum multimedialen Bildersturm aufrufen. "Selbstverständlich braucht aufbauendes Lernen die neuen Technologien", sagt er. Es gelte jetzt aber, diese Entwicklung von modischen Zügen zu befreien und ihre Stärken und Schwächen offen zu legen. "Um gut zusammenzuarbeiten, brauchen wir viel mehr als das world wide web." Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht zwischen Lehrenden und Lernenden hält Salomon für unersetzbar. Für die konzentrierte Erörterung unter Wissenschaftlern, das Reden zwischen Eltern und Kindern gibt es keinen Ersatz - weder durch E-mails noch durch Online-chats.

Andererseits können wirksame Formen des Lernen durchaus mit Hilfe neuer Medien entstehen. Dazu müsse sich die Technologie aber so wandeln, dass sie Lernprozesse optimal unterstützt, statt sie zu unterlaufen. Die überbordende Fülle von Informationsbrocken im Internet und die Leichtigkeit des Zugangs machten andere kognitive Fähigkeiten notwendig, als der klassische Erwerb von Wissen nahe lege - beispielsweise die pointierte Frage. Nicht mehr das Sammeln und Sichten, sondern die Auswahl im Überfluss der Informationen stehe an erster Stelle. So ergebe die Stichwortsuche "Kinder" bei der "Suchmaschine google" 2,3 Millionen Websites: "Alles hängt davon ab, ob der Mensch vor dem Computer die Fähigkeit besitzen, die Spreu vom Weizen zu trennen", sagte Salomon.

Bislang war der Zugang zum Wissen auch eine Frage des Besitzes, der sich mehren, verlieren oder behalten ließ, in Bibliotheken und Archiven. Diese werden überflüssig. "Niemand muss mehr etwas behalten, man holt es sich einfach, wenn man es braucht - easy come, easy go - und vergisst es gleich wieder, wenn man es nicht mehr braucht." Welches Bild vom "Wissen" entsteht dabei wohl in den Köpfen surfender, chattender Kinder? Kinder bewegten sich in virtuellen Welten, ihr Interesse sei schnell geweckt und verfliege ebenso schnell. "Wie Grashüpfer springen sie von Icon zu Icon", sagt Salomon. "Das unsystematische Hopsen von Attraktion zu Attraktion löst innere logische Zusammenhänge auf."

Beim Chatten denken

Die Information, die die Kinder auf diesem Wege aufnehmen, ist nach Salomon keineswegs dasselbe wie "Wissen": Information steht zusammenhanglos für sich, Wissen muss erst im Kopf eines jeden konstruiert werden. Information braucht Klarheit, Wissen kann auch Mehrdeutigkeit zulassen. Information geht als Botschaft vom Sender zum Empfänger, Wissen baut sich im Austausch auf, im sorgsamen Abwägen und Gewichten. Vor allem setzt Wissen echte Gedankenarbeit voraus. 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die das Internet nutzen, tun das beim Chatten auf ihre Weise, zitiert Salomon eine kürzlich abgeschlossene amerikanische Untersuchung. "Sie reden über persönlichste Dinge, die sie im realen Gespräch niemals äußern würden." Sie spielten mit Identitäten - lange bevor sie ihre eigene klar herausgebildet hätten.

Bereichernd

Salomon hebt hervor, dass die Beziehung zwischen Kindern und neuen Medien keine Einbahnstraße ist. "Statt zu fragen, was die neuen Medien mit den Kindern tun, sollten wir darüber nachdenken, was die Kinder mit den neuen Medien tun." Erst dann lasse sich erkennen, ob die online-Kommunikation Ersatz oder Bereicherung sei. Salomon ist ambivalent: Depressionen und soziale Vereinsamung entstünden zwar nicht durch virtuelle Kommunikation, aber Einsamkeit sei ein Motiv, um Kontakte im online-chat zu finden. "Einsame Menschen finden einen Fluchtweg in das Medium, das ihre Einsamkeit noch verstärkt", meint Salomon. Der Einfluss der neuen Medien sei allerdings kurzfristig kaum zu ermessen. Auf lange Sicht betrachtet hält Salomon ihn aber für groß genug, um manchmal sogar Generationen zu verändern.

Auf die offenen Fragen gibt es noch keine hinreichenden Antworten. "Was hätte wohl Gutenberg gesagt, wenn man von ihm verlangt hätte, den Einfluss seines neuen Mediums auf künftige Generationen zu gewichten, während er gerade die ersten Ausgaben der Bibel druckte?", fragte der israelische Wissenschaftler.

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