Gesundheit : Neue Nationen suchen alte Symbole

MARTINA KRETSCHMANN

Vor dem Seminarraum entspannt sich eine angeregte Unterhaltung: "Wie lange habt Ihr denn gestern noch gefeiert?" "Ich kann mich nicht erinnern...".Man scheint sich ewig zu kennen, die Stimmung ist gut, die Teilnehmerzahl klein - das Graduiertenkolleg "Das neue Europa" tagt.Trotz der Nachwirkungen des gemeinsamen Sommerfestes hören alle aufmerksam zu.

Es geht um europäische Sicherheitspolitik nach dem Ende der Blockkonfrontation.Die Ausgangsthese: Die gegenwärtige Situation in Europa sei nicht gekennzeichnet durch das Ende des Ost-West-Konfliktes, sondern vielmehr durch das Ende der Bipolarität.Konfliktpotential gebe es weiterhin genug, nur keine zwei Lager mehr, denen einzelne Akteure eindeutig zuzuordnen seien.Sind die sogenannten "Großtheorien", die sich vor allem an der Konfrontation der Großmächte orientierten, damit tot? Und wenn ja, was hat die Politikwissenschaft seitdem an neuen Theorien zur Erklärung internationaler Beziehungen zu bieten?

Sabine Schwarz geht das in ihrer Doktorarbeit ganz pragmatisch an: "Ich gucke, welche theoretischen Ansätze für mein Thema auf dem Markt sind und arbeite mich an denen ab".Theorien "mittlerer Reichweite" erscheinen ihr am ehesten praktikabel, um "Wege zu einer integrierten europäischen Umweltpolitik" zu erforschen.So lautet das Thema, das sie die nächsten drei Jahre beschäftigen wird.Dabei interessiert sie die Praxis mehr als die Theorie, nämlich inwieweit marktwirtschaftliche Instrumente wie Steuern oder Zertifikate - zum Beispiel die EU-Öko-Auditverordnung - zu einer europaweiten Umweltpolitik beitragen können.

Das Graduiertenkolleg "Das neue Europa" an der Humboldt-Uni hat im April begonnen und ist bereits das zweite der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu diesem Thema.Das erste war an der FU angesiedelt.Im Mittelpunkt steht die europäische Integration nach Maastricht und die Probleme der Osterweiterung der Europäischen Union (EU).Werden die osteuropäischen Staaten zu Demokratien mit funktionsfähiger Marktwirtschaft nach westeuropäischem Vorbild? Ist die "nachholende Modernisierung" in den postkommunistischen Transformationsgesellschaften schnell genug für den europäischen Einigungsprozeß?

Diese und andere übergreifende Fragen sind Themen des wöchentlichen Seminars, an dem außer den 14 regulären Stipendiaten noch vier Doktoranden aus dem vorherigen Kolleg sowie zwei Promovenden ohne Stipendium teilnehmen.Betreut werden sie von insgesamt neun Hochschullehrern von Humboldt-Uni und Freier Universität: außer zwei Historikern und einem Juristen alle Sozialwissenschaftler.

"Eine solide Beschäftigung mit Osteuropa ist in der Politikwissenschaft nach wie vor selten", erläutert Gert-Joachim Glaeßner, Professor für Politikwissenschaft an der HU, die Bedeutung des Kollegs."Vor der Wende war das ein Randthema, das unter dem Etikett Systemvergleich abgehandelt wurde.Und nach 1989 wurde die politologische Osteuropa-Forschung absurderweise erst einmal abgebaut." Das Potential von in der DDR sozialisierten und ausgebildeten Studierenden, die über die entsprechenden Sprachkenntnisse verfügten, müsse genutzt werden, solange es noch vorhanden sei.

Astrid Lorenz spricht Russisch und Polnisch und kann auch ein bißchen Weißrussisch, das Elemente aus beiden Sprachen enthält.Sie untersucht den "Wandel politischer Institutionen in Belarus seit 1991", als das Land unabhängig wurde."Bis 1994 entwickelte sich alles sehr positiv: man gab sich eine Verfassung nach westlichem Vorbild, Parteien und demokratische Institutionen etablierten sich.Aber seitdem befürchten manche gar, daß Weißrußland zu einem autoritären System übergehen wird."

Die Politologin untersucht die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der ehemaligen Sowjetrepublik: "Auffällig ist, daß das Land keine starke Unabhängigkeitsbewegung hatte.Die eigene Identität ist nicht sehr stark, es mangelt an nationalen Symbolen.Zum Beispiel die Sprache: Alle sprechen Russisch - das Weißrussische unterscheidet sich nicht sehr davon.Vielleicht sehen die Weißrussen ihren Präsidenten Lukaschenko mit seiner eigenwilligen Vorgehensweise als das Symbol für einen eigenständigen Weg ihres Landes?"

Die Identität spielt auch in Wilfried Jilges Arbeit über die Ukraine eine zentrale Rolle."Politische Verfahren allein reichen nicht aus, um eine neue Staats- und Gesellschaftsordnung zu begründen", ist der Osteuropa-Historiker überzeugt."In den postkommunistischen Staaten spielt die alte, neue nationale Identität eine wichtige Rolle für die weitere Entwicklung der Länder." Und was ist das spezifisch Ukrainische? Um das herauszufinden beziehungsweise wissenschaftlich zu begründen, habe die Regierung eine Historiker-Kommission eingesetzt, die unter anderem ein ukrainisches Staatswappen entwerfen sollte.

Neben dem Wappen will Wilfried Jilge auch Geldscheine und Orden untersuchen.Er beschränkt sich aber nicht nur auf die nationalen Symbole, sondern wird gezielt die neu gedruckten Schulbücher des jungen Staates analysieren."Wie wird die Geschichte der Ukraine dort dargestellt, wie grenzt man sich ab vom ehemaligen übermächtigen Bruder Sowjetunion und dem heutigen Rußland und wem ordnet man sich zu: Asien oder Europa?" Für Interviews und Nachforschungen vor Ort büffelt er gerade Ukrainisch, obwohl er mit seinen Russisch- und Polnisch-Kenntnissen wahrscheinlich so durchkommen würde.Der Forschungsaufenthalt ist Bestandteil des Kollegs und wird von der DFG bezuschußt.

Bernd Schürmann wird für seine Recherchen nach Taiwan, Estland und Finnland reisen.Was diese drei Länder verbindet? "Sie haben keine starke Armee und sind nicht Mitglied einer militärischen Allianz, sehen sich aber dennoch einer signifikanten Bedrohung gegenüber", erklärt der Politologe.Was für Taiwan die Volksrepublik China sei für die baltischen Staaten Rußland."Nachdem ihnen im letzten Sommer der Nato-Beitritt verwehrt wurde, streben die baltischen Länder vor allem aus sicherheitpolitischen Erwägungen in die EU." Dadurch bekomme die Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft eine neue Funktion."Ich will zeigen, unter welchen Bedingungen solche sicherheitspolitischen Kompensationsstrategien erfolgreich sind - nicht nur in Europa."

Bernd Schürmann findet das Graduiertenkolleg "die optimale Möglichkeit, eine Dissertation zu schreiben".Die Kommunikation unter den Doktoranden und Doktorandinnen werde gezielt gefördert.Gleich zu Beginn des Kollegs fuhren die Stipendiaten gemeinsam nach Prag, um sich mit EU-Forschern der Karls-Universität auszutauschen.In Pankow stehen den Nachwuchswissenschaftlern in einem Gebäude der HU Arbeitsräume mit PC, Telefon und Kopierer zu Verfügung.Dort könne man auch einfach mal jemanden zum Quatschen treffen und so der Isolation am eigenen Schreibtisch entfliehen.Allerdings, betont Bernd Schürmann, um Mißverständnissen vorzubeugen, steige durchaus nicht jeden Tag eine Party.

Bereits erschienen: Körper-Inszenierungen (11.August), Demokratie in den USA (18.August), Codierung der Gewalt im medialen Wandel (25.August), Das Standardmodell der Elementarteilchen (1.September).

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