Gesundheit : Neue Professoren, neue Freiheiten

Uwe Schlicht

Die erste Regierungserklärung des Wowereit-Senats war für Hochschulen und Wissenschaft so dürftig ausgefallen, dass sich das nicht wiederholen sollte. Im Gegensatz zu dem liebevoll ausgeführten Schulkapitel - hier wurde Priorität verkündet -, fiel bei den Ausführungen zu Hochschulen und Wissenschaft nicht ins Auge, was in der Regierungserklärung gesagt wurde, sondern was fehlte und eigentlich hätte gesagt werden müssen. Deswegen melden sich die Hochschulpräsidenten jetzt, vor der neuen Regierungserklärung zu Wort.

Im Mittelpunkt steht nach wie vor die Sorge ums Geld: Wird es in Berlin reichen, um das große Programm zur Lehrstuhlerneuerung zu finanzieren? 500 Professoren müssen in den nächsten Jahren neu berufen werden, weil über die Hälfte der Berliner Hochschullehrer in den Ruhestand gehen. Es geht um die Zukunft des Wissenschaftsstandortes, und andere Länder im Süden Deutschlands wissen das. Bayern und Baden-Württemberg können die besten Nachwuchswissenschaftler damit ködern, dass sie für die Neuausstattung eines Naturwissenschaftlers, Mediziners oder Ingenieurs mit Laborgeräten 1,3 bis 3 Millionen Mark aufwenden. Berlin kann nur von einem Durchschnittssatz von 500 000 Mark pro Professor ausgehen. Das reicht für einen Geisteswissenschaftler oder Künstler, der mit 100 000 bis 300 000 Mark zu locken ist, aber nicht für die teuren Laborwissenschaften. Von deren Engagement erhofft sich die Stadt jedoch neue Arbeitsplätze.

Kein Ende des Generationenwechsels

In den Jahren 2003 bis 2005 stellt Berlin in den Hochschulverträgen jährlich 50 Millionen Mark zur Hochschulerneuerung bereit. Das sind 150 Millionen Mark in drei Jahren. 2005 ist jedoch kein Ende des Generationenwechsels bei den Professoren erreicht, das Erneuerungsprogramm muss daher für die gesamte Legislaturperiode weitergeführt werden. Jürgen Mlynek und Peter Gaehtgens, die Präsidenten der Humboldt- und der Freien Universität, fordern weitere 150 Millionen Mark bis Ende 2006: "Diese Investition ist entscheidend für die Zukunft, weil für die nächsten 20 bis 30 Jahre die Weichen gestellt werden."

Für die Technische Universität schätzt Vizepräsident Kurt Kutzler: "Bis zum Jahr 2005 haben wir gerade die Hälfte der Erneuerung unseres Lehrkörpers erreicht. Wenn Berlin für die Ausstattung einer Professur in den Natur- und Technikwissenschaften wenigstens 750 000 Mark bieten könnte, wären wir glücklich. Anderenfalls können wir nicht konkurrenzfähig bleiben." Nicht minder problematisch ist die Lage an der Universität der Künste (UdK), selbst wenn dort die Ausstattungskosten für neue Professuren wesentlich geringer sind. An der Kunstuni steht jährlich nur eine Million Mark für die Erneuerung zur Verfügung. Bei Kosten von 200 000 bis 300 000 Mark für eine neue Professur können mit dieser Summe jährlich nur drei neue Professoren berufen werden. "Nötig ist jedoch die Neuberufung von jährlich 10 bis 15 Professoren und damit das Dreifache der Summe", erklärt Kanzler Jürgen Schleicher. Nach jahrelanger Vertagung muss Berlin in dieser Legislaturperiode sein Hochschulgesetz ändern - schon allein wegen der Anpassung an das Hochschulrahmengesetz und das neue Dienstrecht.

In der Rangfolge ganz oben steht der Wunsch nach mehr Autonomie. Politische Lenkung wollen die Hochschulen höchstens als Rahmenvorgaben akzeptieren: durch Zielvereinbarungen und Hochschulverträge, die zwischen Wissenschaftssenator und Hochschulpräsidenten ausgehandelt werden. Eine darüber hinausgehende Fachaufsicht des Senators halten die Hochschulen für überholt. Den jetzigen Zustand, auf der einen Seite mehr Gestaltung über die Experimentierklausel zu gewähren und auf der anderen Seite auf einer Lenkung durch Einzelmaßnahmen zu bestehen, hält der Präsident der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, Helmut Schmidt, "für unerträglich".

Was verbirgt sich hinter der Experimentierklausel? In Berlin haben die Humboldt-Universität, die Freie Universität und die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft von der Chance der freien Gestaltung profitiert, die ihnen der Gesetzgeber in seiner Not eingeräumt hatte. Berlin sah sich während der großen Koalition von CDU und SPD nicht in der Lage, das Hochschulgesetz zu modernisieren. Deswegen wurde es jenen Hochschulen, die den Mut zu Radikalreformen aufbrachten, erlaubt, eigene Regelungen zu treffen. Diese Freiheit gilt jedoch nur auf Zeit.

Mehr Verantwortung

Wenn jetzt das Berliner Hochschulgesetz geändert wird, dann wollen die Hochschulen den einmal gewonnenen Zuwachs an Autonomie nicht wieder aufgeben. Den Staat, Partei- und Verbandsfunktionäre wollen die Hochschulen möglichst aus den Einzelentscheidungen heraushalten und lieber gemeinsam mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik selbst gestalten. Das ist in den neuen Kuratorien gelungen. So hat die Reformsatzung der Humboldt-Universität "bundesweiten Modellcharakter" bekommen, betont HU-Präsident Mlynek. Gaehtgens sieht es genauso: "Die Hochschulen brauchen mehr Freiheiten und mehr Verantwortung. Es gibt keinen anderen Weg als den Rückzug des Staates aus der Überregulierung der Hochschulen. In diese Freiheit zum Experimentieren muss endlich die Medizin einbezogen werden."

Überfällig ist in Berlin auch der Ausbau der Fachhochschulen. Die bisher in den Hochschulverträgen vorgesehene Verlagerung von jährlich fünf Millionen Mark von den Universitäten an die Fachhochschulen reicht nicht aus, um dem großen Nachholbedarf an Fachhochschulplätzen zu entsprechen, erläutert FHTW-Präsident Schmidt. 40 Prozent der Studienanfänger sollten eigentlich an den Fachhochschulen studieren: "Ich wäre froh, wenn am Ende der Legislaturperiode 35 Prozent der Studienplätze in Berlin von den Fachhochschulen angeboten werden könnten." Das setzt voraus, dass der neue Senat die Fachhochschulen ausbaut. Deswegen fordert Helmut Schmidt erneut: "Die Zersplitterung der FHTW auf fünf Standorte muss schnell beendet werden, indem der Senat den Standortausbau jetzt in die mittelfristige Finanzplanung aufnimmt."

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