Gesundheit : Neue Qualifikationsstufe: Kritik am "Juniorprofessor"

Dorothee Nolte

Edelgard Bulmahn verspricht sich viel vom Juniorprofessor. Er oder sie soll schon mit 32 bis 35 Jahren eigenständig forschen und lehren, ohne Habilitationspflicht, dafür mit eigenem Budget und Prüfungsberechtigung. Nach drei Jahren kann die Stelle um weitere drei Jahre verlängert werden, in denensollen sich die ehrgeizigen Nachwuchswissenschaftler um eine Lebenszeitprofessur bewerben. Mit der neuen Qualifikationsstufe, die im Rahmen der Dienstrechtsreform eingeführt werden soll, will die Bundesbildungsministerin die Probleme des wissenschaftlichen Nachwuchses lösen, der im Durchschnitt erst mit 41 Jahren, nach vielen Jahren der Habilitation, die Lehrbefugnis erhält.

Weniger begeistert von Bulmahns Vorschlägen sind viele derjenigen, die die Reform direkt angeht. Drei junge Berliner Wissenschaftlerinnen haben einen offenen Brief formuliert und innerhalb von drei Monaten 2000 Unterschriften von Wissenschaftlern gesammelt, die sie Ende November an die Ministerin übergeben wollen. "Wir begrüßen grundsätzlich die Einführung der Juniorprofessur", sagt Teresa Kulawik, eine der Initiatorinnen, die sich in Politischer Wissenschaft habilitiert. "Die Reform, wie sie jetzt geplant ist, ist aber unzureichend."

Die Kritik der Wissenschaftlerinnen richtet sich vor allem gegen die geplanten Altersgrenzen: "Das Leitbild Bulmahns sieht so aus: Studienabschluss mit spätestens 24 bis 26 Jahren, Promotion mit 27 bis 29 Jahren und Ende der Juniorprofessur mit 35 bis 37 Jahren. Das setzt voraus, dass man sich hundertfünfzigprozentig um seine wissenschaftliche Karriere kümmert. Das ist nicht nur schwierig für Frauen und Männer, die Kinder erziehen, es schließt auch jeden beruflichen Umweg aus", so Kulawik. Dabei sei es längst erwiesen, dass berufspraktische Erfahrungen in Wirtschaft, Kultur oder Politik und Auslandsaufenthalte befruchtend auf die akademische Forschung und Lehre wirkten. Altersgrenzen sollten im Hochschuldienstrecht abgeschafft werden, meinen Kulawak, ihre Mit-Initiatorinnen Birgit Sauer (bisher FU, jetzt Universität Wien) und Sabine Lang (John F. Kennedy-Institut der FU) und die 2000 Unterzeichner.

Die Juniorprofessur werde zudem mit Leistungsanforderungen überfrachtet, die international keineswegs üblich seien. Ein Juniorprofessor soll Drittmittel einwerben, Prüfungen abnehmen, bis zu acht Stunden unterrichten und nebenbei forschen: "Das ist unrealistisch." Besser wäre es, wenn es, wie in den USA, auch unterhalb der Professorenebene dauerhafte und unabhängige Tätigkeiten in Forschung und Lehre gäbe, etwa über sogenannte Lectureships oder in eigenständiger Drittmittelforschung."

Zu den Erstunterzeichnern der Resolution gehören Professoren und Professorinnen wie Ute Gerhard (Frankfurt), Rebecca Habermas (Göttingen), Wolf-Dieter Narr (FU Berlin) und Karin Hausen (TU Berlin). Unter den 2000 Unterschriften finden sich zahlreiche andere Professoren sowie wissenschaftliche Mitarbeiter unterschiedlicher Disziplinen.

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