Gesundheit : Neue Schlachten schlagen

Peter Strohschneider erforscht Ritterromane. Jetzt muss er mit dem „Studentenberg“ fertig werden

Anja Kühne

Von Anja Kühne

Bis jetzt hat er sich mit mittelalterlichen Ritterromanen oder Minnelyrik beschäftigt. Jetzt ist Peter Strohschneider der Vorsitzende des wichtigsten Expertengremiums in Deutschland für die Wissenschaft. Der Wissenschaftsrat wählte den 50-jährigen Münchener Professor eines abseits der aktuellen Moden liegenden Faches, der Altgermanistik, am Freitag an seine Spitze. Ein Signal für die sich gerne in einer Krise wähnenden Geisteswissenschaften? Wird Strohschneider gar darauf hinwirken, den Exzellenz-Wettbewerb von Bund und Ländern so zu verändern, dass die jetzt auf breiter Front gescheiterten Kulturwissenschaften doch noch zum Zug kommen?

Strohschneider winkt ab. Am Wissenschaftsrat schätze er gerade, dass dieser die gesamte Hochschullandschaft im Blick habe, auch die Geisteswissenschaften. Eine Kurskorrektur sei also nicht nötig. Auch in der Exzellenz-Initiative nicht. Es werde bei der Auswahl keine „Proporze“ für vermeintlich „Entrechtete“ geben, sagt Strohschneider: für die Humboldt-Universität nicht, die TU Darmstadt nicht, den Osten und den Norden nicht und für die Geisteswissenschaften auch nicht. Die Wissenschaftler gingen nach nur einem Kriterium: der Exzellenz der Anträge. Für die „strukturpolitische Balance“ seien die Politiker zuständig.

Im Wissenschaftsrat, dem Strohschneider seit 2005 angehört, schätzt man ihn als „eloquent und kommunikativ“, wie ein Professor sagt. Der Germanist sei „ein interessanter Typ“. Das Gremium konnte sich ihn gut als Nachfolger des umtriebigen Berliner Neurologen Karl Max Einhäupl vorstellen, der fünf Jahre lang Pflöcke in die deutsche Wissenschaftslandschaft getrieben hat – oft gegen Widerstand und immer mit weithin vernehmbaren Hammerschlägen.

Einhäupls Lieblingsthema: mehr Leistung, überall. Schon als das Wort „Elite“ noch als Provokation galt, forderte er „drei oder vier Leuchttürme in der deutschen Hochschullandschaft“, „Adressen wie Harvard oder Yale“. Die Ärzte-Lobby erschreckte er mit seinem Vorstoß, Doktortitel nur noch an jene zu vergeben, die tatsächlich eine wissenschaftliche Arbeit von Gewicht vorweisen können. Unter mehr Druck wollte Einhäupl auch die Medizinprofessoren setzen. Sie sollten erstmalig nur für fünf bis sieben Jahre auf Probe berufen werden, damit Antriebsarme nicht „ein ganzes Arbeitsleben lang eine Stelle blockieren“.

In Einhäupls Amtszeit empfahl der Wissenschaftsrat Rankings, einen leistungsorientierten Wissenschaftstarifvertrag oder mehr Mitsprache der Unis bei der Auswahl der Studierenden. Während Einhäupls Kampf für Elite-Unis von Erfolg gekrönt war, konnte er den seiner Ansicht nach verhängnisvollen Ausstieg des Bundes aus der Förderung des Hochschulbaus nicht aufhalten. Und er hinterlässt Strohschneider ein anderes schwieriges Thema: den neuen Ansturm von Studierenden, dessen gewaltige finanzielle Herausforderung jedoch nicht alle Politiker wahrhaben wollen, wie sich nun herausstellt.

Strohschneider wird große Umbrüche des Wissenschaftssystems mitgestalten müssen. Als Beispiel nennt er den, wie er sagt, „sehr komplizierten und, ich vermute, notwendigen Prozess“ der „Ausdifferenzierung“: Innerhalb der Hochschulen wird es zu einer Konzentration von Geld und Stärken kommen, und zwischen den Unis auch. Eine andere Großbaustelle sind die neuen Studiengänge Bachelor und Master. Über diese Reform weichen seine privaten Auffassungen von denen des Wissenschaftsrats auch einmal ab, erklärt Strohschneider. Doch mache es keinen Sinn, „alte Schlachten zu schlagen“. Die Reform müsse „intelligent“ gestaltet werden, was mühsam genug sei.

Dabei wird Strohschneider auf seine Erfahrungen im Wissenschaftsmanagement zurückgreifen können, etwa aus den, wie er sagt, „wilden und interessanten Jahren“ in Dresden, wo er den Aufbau der Germanistik „vom ersten Schreibtisch an ernsthaft mitbetrieben“ hat. Strohschneider wurde Dekan, stellvertretender Sprecher des ersten geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereiches in den neuen Ländern und Vorsitzender des Kuratoriums der „Sächsischen Landesbibliothek Dresden“. In München, wo Strohschneider seit dreieinhalb Jahren lehrt, leitet er ein Doktorandenkolleg im Rahmen des bayerischen Elitenetzwerkes – eine Funktion, die er jetzt aufgibt. Trotz des neuen Amtes will er noch Zeit finden zu forschen, in die Berge zu gehen oder mit seinen drei Kindern über Harry Potter und Augustinus zu diskutieren.

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