Gesundheit : Neue Werte

Konservative wenden sich der Ganztagsschule zu

Heiko Schwarzburger

Ist die Ganztagsschule der neue Star der konservativen Schulpolitik? Jahrzehntelang galt es in der Union als selbstverständlich, dass die Kinder der Familie und nicht dem Staat gehören. Doch bei einer Tagung von Altstipendiaten der Adenauer-Stiftung in Berlin waren jetzt ganz andere Töne zu hören. „Ich sehe einen Trend weg von der Vormittagsschule hin zur Ganztagsschule“, bekannte etwa Annette Schavan, die profilierteste Schulexpertin der Union und Kultusministerin in Baden-Württemberg, vor rund 200 ehemaligen Stipendiaten der CDU-nahen Stiftung. „Allerdings zwingt uns dies zu höherer Qualität, denn schlechter Unterricht einen ganzen Tag lang ist schlimmer als schlechter Unterricht nur am Vormittag.“ Vom Bund, der ein Milliardenprogramm zum Ausbau der Ganztagsschulen aufgelegt hat, will Schavan dabei aber trotzdem keine Hilfe. Die Bundesregierung solle sich gänzlich aus der Bildungsreform heraushalten: „Bildung liegt in der Kulturhoheit der Länder. Der Bund muss zur Forschungsförderung zurückkehren.“

Unterstützung für die Ganztagsschule kam auch von Paul Nolte, Berater des Bundespräsidenten und Professor an der International University in Bremen. Er forderte sogar die Opposition im Bundestag auf, die Ganztagsschulen nicht einfach abzulehnen, sondern endlich eigene Reformkonzepte auf den Tisch zu legen. Die Probleme seien drängend. Der Abstand zwischen den Bildungsschichten nehme weiter zu, sagte Nolte. So steige die Zahl der Hauptschüler ohne Abschluss. Mehr als ein Viertel der Studenten breche das Studium ab, „meistens Jugendliche aus Arbeiterfamilien, die den sozialen Aufstieg schaffen wollten“, warnte er: „Die Ressourcenärmsten bleiben auf der Strecke.“ Nolte schlug vor, mehr Betreuer an die Schulen zu schicken, „die sich um das kümmern, was über die Vermittlung des Wissens hinausgeht“. Kitas und zweijährige Vorschule könnten zu einer Frühschule zusammengefasst werden. Anschließend sollten für alle zwölf Jahre Schule und ein soziales Pflichtjahr folgen. Denn: „Was nützen uns 18-jährige Abiturienten oder 21-jährige Bachelorabsolventen, wenn sie keine Werte haben?“, fragte Nolte.

Hans-Peter Klös, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, analysierte die Investitionen der öffentlichen Hand und der Wirtschaft in das „Humankapital“: Das gegenwärtige Wirtschaftswachstum in Deutschland entstehe nur aus der Erhöhung der Stundenproduktivität derer, die noch im Arbeitsprozess stehen, sagte er mit Blick auf fünf Millionen Arbeitslose. Bildung jedoch sei in Deutschland nicht unterfinanziert, sondern lediglich ineffizient angelegt. Während andere Industrienationen rund 90000 Euro aufwendeten, um einen Akademiker auszubilden, brauche Deutschland 114 000 Euro. Auch sei der Anteil der staatlichen Finanzierung in Kitas und Grundschulen viel zu gering. Doch wenn man in der ersten Jahren den Faden zur Bildung nicht knüpfe, entstünden später enorme Kosten für die Gesellschaft an anderer Stelle.

Klös plädierte dafür, das Bildungsangebot in Kitas und Grundschulen auszubauen und den Eltern durch Gutscheine schmackhaft zu machen. „Das oberste Ziel einer Bildungsreform muss es sein, mehr bildungsferne Familien zu erreichen“, sagte er. „Die Kinder aus bildungsnahen Schichten gehen ohnehin ihren Weg.“ In den Hochschulen solle der Staat hingegen mehr privates Engagement zulassen, „denn derzeit werden die Akademiker von Nichtakademikern finanziert“.

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