Gesundheit : Neuer Elan durch den Hochschulrat in Berlin

Uwe Schlicht

Wer andere um Rat bittet, muss sich nicht wundern, wenn dieser Rat kritisch ausfällt. Der Berliner Senat hat, nachdem er den Hochschulen die Rosskur einer Einsparung von nahezu einer Milliarde Mark verordnet hat, den Wissenschaftsrat gebeten, die daraus folgende Neuordnung der Berliner Hochschullandschaft zu bewerten. Der Wissenschaftsrat beschäftigt sich abschließend auf seiner heute in Mainz beginnenden Sitzung mit den Problemen Berlins. Einzelheiten aus dem zu erwartenden Gutachten sind bereits bekannt geworden.

Zwei Grundentscheidungen wird der Wissenschaftsrat den Berliner Politikern auf den Weg geben: Die Zahl von 85.000 Studienplätzen in der Stadt darf nicht mehr weiter unterschritten werden. Der Wissenschaftsrat erinnert daran, dass es 1993 noch 115.000 Studienplätze gegeben hat und betont: Eine noch weitergehende Reduktion der Zahl der Studienplätze wäre für die Hochschulen in Berlin "in hohem Maße abträglich". Deswegen müssen diese Studienplätze ausfinanziert werden. Würde die Zahl unterschritten, wäre eine angemessene Mischung von Landeskindern, deutschen Studenten aus anderen Bundesländern und Ausländern nicht mehr möglich. Auch eine tragfähige Verteilung zwischen Studenten der Ingenieur- und der Naturwissenschaften sowie der Geistes- und Sozialwissenschaften wäre dann in Frage gestellt.

Der Berliner Senat weiß, dass er die 85.000 Studienplätze nicht antasten darf. Als jetzt jedoch neue Sparauflagen über die Ressorts verteilt wurden, schlugen die Politiker bei den Investitionen zu. Deswegen ist die zweite Botschaft des Wissenschaftsrats für die Landespolitik wichtig: Die Investitionssumme, die jährlich für den Hochschulbau und die Geräteausstattung angemessen wäre, müßte beibei 250 Millionen Mark liegen. Berlin kann jedoch eine Jahresrate im Hochschulbau in Höhe von nur 191 Millionen Mark in diesem Jahr nicht aufbringen. Bisher plant der Berliner Senat eine Kürzung um 63 Millionen Mark bei den Landesmitteln - rechnet man die entsprechenden Kürzungen hinzu, die danach der Bund in derselben Höhe vornehmen wird, kommt man auf 126 Millionen Mark weniger für den Hochschulbau. Das hätte gravierende Folgen für den Ausbau der Charité, des Wissenschaftsparks Adlershof, für das FU-Klinikum Benjamin Franklin, die Bibliothek der Humboldt-Uni und das Naturkundemuseum.

Umverlagerung an Fachhochschulen

Die bisherige Behandlung der Fachhochschulen ist in der Sicht des Wissenschaftsrats problematisch, weil Berlin bei den Studienplätzen für die Fachhochschulen erheblich unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Immer noch gilt langfristig das Ziel, die Fachhochschulen so auszubauen, dass sie 40 Prozent der Studienplätze anbieten können. Im Bundesdurchschnitt lassen sich heute nahezu 29 Prozent der Studienanfänger an Fachhochschulen einschreiben, in Berlin sind es nur 22 Prozent. Von daher müssten Studienangebote von den Universitäten an die Fachhochschulen verlagert werden.

Herbe Kritik übt der Wissenschaftsrat an der Art, in der bisher in Berlin Entscheidungen getroffen werden. Wichtige Experten-Empfehlungen seien in der Vergangenheit nicht oder nur unzureichend umgesetzt worden. Die Selbststeuerung der Hochschulen nach Innen und Außen habe teilweise versagt. Die bisherigen Kuratorien, die nach Art des Rundfunkrats mit Politikern, Vertretern der Arbeitgeber und Gewerkschaften sowie Universitätsangehörigen besetzt sind, orientierten sich eher an gesellschaftlichen Interessen, aber nicht an dem Gesichtspunkt der höchstmöglichen Kompetenz in Hochschulangelegenheiten und der Wissenschaft. Diesen Mangel sieht der Wissenschaftsrat auch noch nicht durch die Kuratorien neuer Art beseitigt. An der Freien Universität, der Humboldt-Universität und der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft kommt in den neuen Kuratorien jetzt stärker der Einfluss herausragender Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zum Tragen. Das ist nicht eindeutig genug: Der Wissenschaftsrat empfiehlt eine klare Trennung der Kompetenzen - auf der einen Seite soll es Hochschulräte geben, die mit Vertretern der Universität und herausragenden Persönlichkeiten aus der Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft besetzt sind. Die Hochschulräte sollen die Aufgaben übernehmen, die bisher der Staat mit vielen Einzelanweisungen bewältigt hat: strategische Entscheidungen über die Ausstattung der Hochschulen, die Gliederung der Universitäten in Fakultäten und Institute, über Grundsätze der Hochschulentwicklung in Forschung und Lehre und damit auch über die Definition neu zu besetzender Professuren. Dabei müsste es über Vorschlags- und Entscheidungrechte zu einer engen Verklammerung des Hochschulrats mit dem Akademischen Senat kommen.

Außerdem ist eine bessere Abstimmung übergreifender Gesichtspunkte des Landes Berlin mit den drei Universitäten und den vier größten Fachhochschulen sowie den künstlerischen Hochschulen geboten. Dazu schlägt der Wissenschaftsrat die Gründung eines Landeshochschulrats vor. Dieser Landeshochschulrat - in Brandenburg gibt es bereits solch ein Gremium - könne auch die Abstimmung mit dem Nachbarland regeln. Dem Wissenschaftsrat schwebt ein 13köpfiges Gremium vor, zusammengesetzt mit acht Wissenschaftlern und fünf Persönlichkeiten, die hohen wissenschafts- und wirtschaftspolitischen Sachverstand besitzen. Nur Nichtberliner sollten in den Landeshochschulrat berufen werden.

Aus für drei Regionalinstitute?

Die Freie Universität und die Technische Universität haben die bisher bekannt gewordenen Empfehlungen mit Skepsis aufgenommen. Sorge bereitet dem TU-Präsidenten Hans Jürgen Ewers vor allem der vom Wissenschaftsrat angestrebte Abbau bei den Geisteswissenschaften an der Technischen Universität sowie die weitgehende Auflösung der Lehrerbildung. "Die TU wird von den Geisteswissenschaften nicht lassen", sagte Ewers gegenüber der deutschen Presseagentur. Auch bringe beispielsweise eine Auslagerung der Erziehungswissenschaften gar keine Kostenersparnis. Ein weitgehender Abbau der Lehrerbildung würde überdies Auslastungsprobleme im Kernbereich der TU, zu dem die Naturwissenschaften zählen, schaffen.

Der Präsident der Freien Universität, Peter Gaehtgens sagte mit Blick auf die zahlreichen Studienangebote in der Stadt: "Wir tun gut daran, zusammenzuarbeiten. Die Stärke Berlins liegt in den Möglichkeiten zur Kooperation." Allerdings müsse geprüft werden, ob die Vernetzung besonders der kleinen Fächer die ebenfalls gewünschte Profilbildung der Hochschulen behindern könne.

Ausgesprochen kritisch äußert sich der Wissenschaftsrat zu den Regionalinstituten. Das Osteuropa-Institut habe nach Auflösung der Ost-West-Konflikte und der politischen Blöcke die Chance zur Neuorientierung verpasst und sollte deshalb nicht mehr gefördert werden. Auch bei anderen Instituten, die nach der Wende vor allem in Dankbarkeit für das alliierte Engagement in Berlin geschaffen wurden, wie das Großbritannien-Zentrum an der Humboldt-Uni und das Frankreich-Zentrum an der TU, empfiehlt der Wissenschaftsrat deren Auflösung. Sie eigneten sich weder für eine Fachsystematik noch für den Aufbau grundständiger Studiengänge. Mit Nachdruck warnt das Gremium vor der Gründung weiterer regionalwissenschaftlicher Institute. Nur wenn Regionalinstitute in Forschung und Lehre eine schlüssige Konzeption hätten und in der besonderen Verbindung einzelner Disziplinen einen deutlich erkennbaren wissenschaftlichen Mehrwert erzeugten, seien sie gerechtfertigt.

Eine Schließungsempfehlung für das Osteuropa Institut an der FU lehnt Gaehtgens entschieden ab. "Das würde niemand verstehen. 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt wird in der neuen Bundeshauptstadt ein solches Institut für die Beratung der Politik, der Wirtschaft und der Rechtsinstitutionen gebraucht."

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