Gesundheit : Neuer Roboter in der Charité ermöglicht zielgenaue Operationen

Adelheid Müller-Lissner

Bisher gab es in der Medizin zwei Sorten von Robotern, die Operateuren bei der Arbeit halfen: Per Joystick gesteuerte Handlanger auf der einen und vollautomatische Fräsmaschinen, auf deren Bewegungen der Operateur nach Beginn des Programms keinen Einfluss mehr hatte, auf der anderen Seite. Letztere, zum Beispiel der in Deutschland entwickelte CASPAR, kommen vor allem bei Hüftgelenksoperationen zum Einsatz. Zwischen beiden Konzepten klaffte eine Lücke, die ein neuer Robotertyp nun schließen könnte: Otto von Decke.

Das Gerät ist einfach anders: Das multifunktionale Robotersystem verdankt seinen sprechenden Namen zunächst der Tatsache, dass es an der Decke des Operationssaals befestigt ist. Ihm überhaupt einen Namen zu geben, darauf kamen Ärzte der Klinik für Mund-, Nasen-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Charité Campus Virchow-Klinikum wohl auch wegen seiner interaktiven Qualitäten. Nachdem Otto von Decke sich in den letzten Wochen bei zwei Operationen bewährt hatte, wurde der "intelligente Instrumentenführer" am Donnerstag der Presse vorgestellt. Der vielseitige neue Mitarbeiter kann fräsen, sägen, Haken halten, bohren und Gewinde schneiden. Vor allem aber hilft er, "die Instrumente exakt im dreidimensionalen Raum zu positionieren", wie Klinikdirektor Jürgen Bier erläuterte.

Wie in Science-Fiction-Filmen geht es dabei allerdings nicht zu: Der Operateur lässt sich das Werkzeug dafür nicht aus der Hand nehmen, sondern bewegt es scheinbar schwerelos an die gewünschte Stelle. Die aber ist durch die vorangegangene Planung der Arbeitsgänge am Bildschirm genau definiert. Ungenauigkeiten oder das versehentliche Berühren des Patienten mit dem Instrument können nicht passieren. "Der Mensch kann nicht auf Zehntel Millimeter genau arbeiten", so Tim Lüth, Leiter des Fachgebiets Navigation und Robotik an der Klinik. Was die Genauigkeit in der Praxis bringt, konnten die Journalisten in einem Film begutachten. Die erste Patientin, die mit Hilfe des weltweit ersten zugelassenen Roboters für Gesichtschirurgie operiert wurde, litt an einer angeborenen Fehlbildung der linken äußeren Ohrmuschel.

Schon länger ist es möglich, in solchen Fällen aus Silikon eine hautfarbene, täuschend echt aussehende Epithese anzufertigen. Sie hält dank zweier Implantate, die im Ohr gefestigt werden. Wenn ihre Platzierung nur von der ruhigen Hand der Chirurgen abhängt, kann jedoch die Anpassung der Epithese wegen kleiner Ungenauigkeiten erst nach der Operation erfolgen. Bei der 14jährigen Mandy Porth entfielen diese zeitraubenden Zwischenschritte. Schon einen Tag nach dem Eingriff hat sie mit der neuen Ohrepithese das Gästehaus der Klinik wieder verlassen können. Sie hat sich inzwischen, zwei Wochen nach dem Eingriff, gut an das künstliche Ohr gewöhnt.

Der Roboter soll jedoch nicht nur helfen, Zeit zu sparen. Er kann, wie Bier betonte, auch die Behandlungsqualität verbessern. Auf Grund der genauen Vorplanung mit bildgebenden Verfahren - ein beweglicher Computertomograf steht im Operationsraum - "weiß" Otto genau, wo Nerven und Gefäße verlaufen. "Ihm ist immer klar, was der Chirurg gerade tut" sagt Tim Lüth. Wird ein Nerv angefahren, dann hört er rechtzeitig auf zu arbeiten. Dass versehentlich Nerven getroffen werden können, ist bislang ein Problem etwa beim Einsetzen von Zahn-Implantaten in der Kieferchirurgie. Diesem Arbeitsgebiet gilt eine Zukunftsvision Biers: Ein Patient kommt mit einem völlig zahnlosen Oberkiefer morgens in die Klinik. Dort werden ihm mit Hilfe des Roboters mehrere Implantate eingesetzt. Die vorher schon vorbereitete Brücke lässt sich ohne Probleme gleich einsetzen und passt genau, weil die Implantate Präzisionsarbeit sind. "Lachend und vollbezahnt verlässt der Patient mittags die Klinik", schließt Bier seine Vision.

Nachdem Otto sich bei einem etwas einfacheren, aber seltenen Operationsgebiet bewährt hat, wird man sich mit seiner Hilfe nun auch solchen Eingriffen im Mund widmen, die für wesentlich mehr Menschen Bedeutung haben. Doch Otto kann auch in der Strahlentherapie eine Hohlnadel oder bei Wirbelsäulenoperationen eine Fräse platzieren. "Wir glauben, dass wir bei Medizin-Roboter-Systemen im Moment in der Weltspitze mitspielen", sagte Bier. Weltweit gebe es weniger als zehn Teams, die auf dem Gebiet der interaktiven medizinischen Robotertechnik forschen, betonte auch Lüth.

Insgesamt hat die Entwicklung des multifunktionalen Systems an der Charité während der letzten drei Jahre acht Millionen Mark gekostet. Gefördert wurde die Arbeit eines 18-köpfigen Teams aus Diplomingenieuren und Medizinern durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Deutsche Krebshilfe, die Berliner Sparkassenstiftung und erhebliche Spenden aus der Industrie. Zuletzt gab der mit einer Million Mark dotierte Förderpreis der Alfred-Krupp-zu-Bohlen-und-Halbach-Stiftung, der im letzten Jahr an den 34-jährigen Lüth ging, einen kräftigen Schub. Wenn Otto in Serie geht, wird er nach Lüths Schätzungen etwa eine Million kosten. Bier hält es für realistisch, dass sich große Klinika gemeinsam ein Gerät leisten, das verschiedene Fachdisziplinen im "Roboter-Sharing" nutzen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben