Gesundheit : Neun Jahre in der Gemeinschaftsschule? Was Experten sagen

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Eine neue Runde der leidigen Diskussion um die Schulformen würde uns daran hindern, die gravierenden Mängel in der Schule selbst zu beheben. Zuerst brauchen wir eine veränderte, verbesserte Schule, dann können wir fragen, welche Berechtigung das dreigliedrige System hat. Bis heute ist der Zusammenhang zwischen Schulstruktur und der Benachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Familien nicht bewiesen. Dann hätten wir uns in SachsenAnhalt angesichts der angespannten sozialen Lage bei Pisa gar nicht verbessern können. Innerhalb unseres Schulsystems mit der jetzt vierjährigen Grundschule, der Sekundarschule und dem Gymnasium arbeiten wir konsequent an der Modernisierung des Unterrichts. Ein Beispiel: In der Grundschule haben wir die Lehrpläne auf die Grundkompetenzen Deutsch und Mathematik ausgerichtet. In ganz Deutschland und in allen Schulformen brauchen wir nachhaltige Impulse nach innen. Ich mache keine Strukturreform mit, ohne dass sie sich durch einen Anspruch auf eine innere Schulreform legitimiert.

Olaf Köller, Leiter des Instituts zur Qualitätssicherung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität: Eine spätere Differenzierung kann Vorteile haben, weil sie die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder nach der Grundschule in der falschen Schulart landen, verringert. Wir wissen aber auch: Länder wie Berlin und Brandenburg und früher Bremen, die die Kinder erst nach der sechsten Klasse auf die Schularten aufteilen, haben schlechtere Leistungen am Gymnasium. Die Leistungsstarken werden bislang nicht ausreichend gefördert. Das bedeutet: Wenn die äußere Differenzierung später einsetzt, muss die Binnendifferenzierung verstärkt werden. Will man die Schüler länger gemeinsam unterrichten, muss die Lehrerbildung vollkommen umgestellt werden: Die Studenten müssen lernen, die individuelle Leistungsfähigkeit der Kinder zu erkennen, mit ihrer Heterogenität umzugehen. Darauf ist aber die Lehrerbildung heute nicht eingestellt: Die Generation, die jetzt an die Schulen kommt, erwartet in Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen vor weitgehend homogenen Schülergruppen zu stehen. Und das, obwohl die demografische Entwicklung ohnehin gegen das dreigliedrige System steht. Bei sinkenden Schülerzahlen werden wir uns die drei Schularten ab der vierten oder sechsten Klasse nicht mehr leisten können.

Donate Kluxen-Pyta, Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände: Wie Frau Süssmuth darauf kommt, dass vor allem die Unternehmen gegen das dreigliedrige Schulsystem sind, ist mir nicht ganz klar. Die Unternehmen wollen ausbildungsfähige Schulabgänger. Welche Schulform die hervorbringt, ist für uns letztlich zweitrangig. Die Schulformdiskussion lenkt nach der Ansicht der meisten Unternehmen und Verbände von den wirklichen Problemen in den Schulen ab. Der Unterricht muss besser werden. Der starke Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg muss reduziert werden. Die Lehrer sollten weitergebildet werden, damit sie besser mit heterogenen Lerngruppen umgehen. Da in den letzten fünf Jahren das Niveau der Schulabgänger nochmals deutlich gesunken ist, müssen die Probleme dringend angepackt werden.

Heinz Elmar Tenorth, Erziehungswissenschaftler an der Humboldt-Universität : Frau Süssmuth sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Daten aus Pisa keinen zwingenden Zusammenhang zwischen einer längeren gemeinsamen Beschulung und besseren Leistungen herstellen. Die Debatte ist falsch. Das beweist Bayern, wo Hauptschüler gute Leistungen erbringen und auch gute Chancen haben, in weiterführenden Bildungsgängen weiter zu lernen, die Hauptschule also keine scharfe soziale Selektion bedeutet. Außerdem zeigt die neue Pisa-Studie ja, dass sich auch in dem jetzigen System etwas tut – die Lehrer haben dazu gelernt. Recht hat Frau Süssmuth aber damit, dass es an deutschen Schulen noch zu wenig methodische und didaktische Kompetenz gibt, um mit der Heterogenität der Schüler umzugehen. Gegen eine sechsjährige Grundschulzeit wäre prinzipiell nichts zu sagen, wenn das fünfte und sechste Schuljahr nicht so wenig fördernd gestaltet wird wie es in Berlin der Fall war.

Protokolle: -ry, tiw, akü; Fotos: ddp, Thilo Rückeis, BDA, Mike Wolff

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