Gesundheit : Neuzüchtungen: Nenn nie Acapella nur Kartoffel

Siegbert Schütt

Es gibt kaum eine Frucht, die mit so vielen unterschiedlichen Gesichtern daherkommt wie die Kartoffel. Die Vielfalt der gegenwärtig in Deutschland 183 zugelassenen Sorten erschöpft sich keineswegs nur in der Frage: Mehlig oder fest kochend? Für die Verarbeitungsindustrie, die Kartoffeln zu Chips, Pommes frites und Trockenpüree veredelt oder aus ihnen Stärke gewinnt, sind Inhaltsstoffe oder Lagerfähigkeit ebenso wichtig wie für den Landwirt der Ertrag.

In diesem Jahr hat das Bundessortenamt fünf Neuzüchtungen des mecklenburgischen Züchtungsbetriebes Norika Groß Lüsewitz als neue Kartoffelsorten zugelassen: Hinter den klangvollen Namen Acapella, Beluga, Pirol, Sonate und Apart verbergen sich Sorten mit unterschiedlichen Merkmalen.

Acapella ist beispielsweise eine sehr frühe Speisekartoffel mit gutem Geschmack, schöner Form und einem auffallend hohen Trockensubstanzgehalt. Mit ihr steht der Verarbeitungsindustrie, wie die Züchter meinen, eine Rohware der geforderten Qualität zu einem früheren Zeitpunkt als bisher zur Verfügung.

Kreuzung mit 400 Eltern

Das 1990 gegründete Unternehmen hat auf dem Fundament des ehemaligen Kartoffelzüchtungsinstitutes der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR aufbauen können. "Zehn Jahre sind notwendig, um nach den Kreuzungen mit rund 400 Eltern durch Selektion aus 120 000 verschiedenen Genotypen den gewünschten Typ herauszufinden und nach zweijähriger Wertprüfung durch das Bundessortenamt als neue Sorte zugelassen zu bekommen", beschreibt Holger Junghans, Leiter für Züchtung und Forschung, den langen Weg einer Neuzüchtung.

In Groß Lüsewitz wird an Kartoffeln auch gentechnisch gearbeitet. Wissenschaftler der dort ansässigen Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen richten das Augenmerk besonders auf Krankheitsresistenz gegenüber den Erregern der Kraut- und Braunfäule, der Knollennassfäule und Viren.

"Den Pflanzen wird ein Gen des Krankheitserregers eingepflanzt, um sie immun gegen diesen Erreger zu machen. Oder es wird zur Übertragung von Resistenzgenen das ganze Genom einer Wildart mit dem der Kulturkartoffel biotechnologisch verschmolzen", erklärt Institutsleiter Professor Peter Wehling. Der praktische Nutzen sei spürbar: Es komme weniger Chemie auf den Acker, weil die Bauern weniger gegen die gefürchtete Krautfäule oder auch gegen Blattläuse als Virusüberträger spritzen müssen.

Dass durch den Gentransfer allergene Proteine übertragen werden können, kann der Wissenschaftler nicht völlig ausschließen: "Jede Forschung birgt ein gewisses Maß an Unvorhersehbarem." Dieses sei bei Veränderung einzelner Gene aber viel kleiner als landläufig angenommen. Zum Vergleich führt er an: "Wenn ein Mitteleuropäer exotische Früchte isst, nimmt er eine Vielfalt von Inhaltsstoffen auf, an die er nicht gewöhnt ist." Das Allergierisiko bei der Veränderung eines einzelnen Gens einer ansonsten bekannten Pflanze sei dagegen viel besser überschaubar.

Außerdem müssten neuartige Lebensmittel vor der Markteinführung eine strenge Prüfung auf gesundheitliche Unbedenklichkeit nach der Novel-Food-Verordnung durchlaufen. "Hätte es diese Verordnung schon zu Zeiten des Alten Fritz gegeben, gäbe es heute in der EU wohl keine Kartoffeln zu essen, weil sie als neuartige Früchte die Unbedenklichkeitsprüfung nur schwer hätten bestehen können", gibt Wehling zu bedenken. Mit der Anmeldung transgener Kartoffelsorten rechnen Züchter und Wissenschaftler allerdings erst in einigen Jahren.

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