Gesundheit : Nicht alles, was heilt, wirkt

Alles nur Placebo? Die Diskussion um Hahnemanns Lehre hält an

Margit Mertens

Ihre Anhänger halten sie für eine nebenwirkungsfreie Alternative zur Schulmedizin, ihre Gegner für ein medizinisch wirkungsloses Glaubensbekenntnis: die Homöopathie. Vor 250 Jahren wurde Samuel Hahnemann, der Begründer dieser Behandlungsmethode, geboren. Ihren Namen leitete er aus dem griechischen homoion für ähnlich und pathos für Leiden her. Denn sie beruht auf dem Prinzip, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen: Der Kranke bekommt Substanzen, die bei Gesunden ähnliche Symptome verursachen, wie es die Krankheit tut.

Der Zentralverband der homöopathischen Ärzte hat 2005 zum Jahr der Homöopathie erklärt. Das wird Anfang Mai gleich doppelt gefeiert: mit einem Weltkongress in Berlin – mit voraussichtlich 1000 Teilnehmern – und einem Skeptiker-Kongress in Regensburg. Für die Anhänger der Lehre Hahnemanns kann Kaffee „das Mittel gegen Schlaflosigkeit sein und die Zwiebel einen Schnupfen heilen, bei dem die Augen tränen“, wie der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) erklärt. Dafür werden pflanzliche, tierische oder mineralische Substanzen an gesunden Menschen getestet und alle auftretenden Symptome notiert. Die Substanzen werden extrem verdünnt in fester oder flüssiger Form verabreicht. Typisch sind die Globuli, kleine Milchzuckerkügelchen, die mit dem Wirkstoff benetzt wurden.

Die Verdünnung der Wirkstoffe, die Potenzierung, folgt dabei der aufwändigen Methode, die der Arzt Hahnemann entwickelte. Die flüssige Urtinktur oder die trockene Ursubstanz werden immer stärker verdünnt und zwischendurch auf genau festgelegte Weise verschüttelt. „Rechnerisch ist kein Molekül des Ausgangsstoffs mehr zu finden“, räumt Christoph Trapp, Sprecher des DZBhÄ, ein. Flüssige Stoffe werden in Wasser oder Alkohol verdünnt, feste Präparate durch Verreiben mit Milchzucker. Nach Hahnemann ist die Heilkraft umso stärker, je höher die Verdünnung.

Etwas vom geistigen Wesen der nicht mehr vorhandenen Ursubstanz soll die Wasser- oder Zuckermoleküle derart verändern, dass das Medikament auch ohne Wirkstoff hilft, so die Theorie. Wissenschaftliche Beweise für diesen so genannten Memory-Effekt gibt es bisher nicht.

Wie soll etwas heilen, wo nichts drin ist? Kritiker sprechen der Homöopathie jeden wirkstofflichen Effekt ab. Denn: Nicht alles, was heilt, wirkt auch. Bisher lägen keine wiederholbaren Experimente vor, die eine Wirkung bewiesen hätten. Sie fordern placebo-kontrollierte Doppelblind-Studien, bei denen weder Teilnehmer noch Therapeuten wissen, welche Gruppe ein homöopathisches Präparat und welche ein wirkstofffreies Placebo erhält. Ein Beweis läge vor, wenn die Wirkung des Medikamentes deutlich über der des Placebos läge.

Die Befürworter verweisen auf eine Vielzahl von Fallbeschreibungen geheilter Patienten und halten Doppelblindstudien in der Homöopathie für schwer durchführbar, da sie nicht die einzelnen Symptome, sondern den Menschen als Ganzes behandele. „Die aktuellen Beschwerden, die gesamte Persönlichkeit des Patienten, sein Gemütszustand, seine Ess- und Trinkgewohnheiten, die früheren Krankheiten und die der Familie müssen genau erfragt werden“, erklärt Trapp. Keine Krankheit gleiche einer anderen, deshalb würde das geeignete Arzneimittel individuell für den Patienten gewählt. „Eine homöopathische Fallaufnahme braucht Zeit.“

Genau hierin sehen selbst die Kritiker den großen Vorteil der Homöopathie. „Im Gegensatz zur Wissenschaftsmedizin, wo der Patient oft auf die besserwisserische Arroganz der ,Götter in Weiß’ trifft, geht der Homöopath intensiv auf die psychische Befindlichkeit seiner Patienten ein“, erläutert Homöopathie-Skeptiker Jürgen Windeler von der Universität Heidelberg. „So fühlt sich der Patient verstanden, was den Placebo-Effekt ungemein steigert.“

Obwohl seit 50 Jahren intensiv erforscht, ist noch kaum bekannt, auf welche Weise der Placebo-Effekt den Krankheitsverlauf beeinflusst. „Man weiß aber, dass Placebo-Behandlungen auf das Immunsystem einwirken, körpereigene Opiate freisetzen können und es kaum placebo-resistente Erkrankungen gibt“, sagt Wolf. Hirnforscher konnten zeigen, dass Placebos das Endorphinsystem des Gehirns aktivieren. Auch in der konventionellen Schmerztherapie werden immer häufiger wirkstofffreie Pillen eingesetzt, seit Forscher festgestellt haben, dass Placebos bei über der Hälfte der Schmerzpatienten Linderung bringen.

Grundvoraussetzung für einen Placeboeffekt ist, dass beim Patienten bewusst die Erwartung einer Wirkung entsteht. Die Verarbeitung unseres Denkens und Fühlens erfolgt im limbischen System, das auch bei Stress- und Schmerzverarbeitung eine wesentliche Rolle spielen. Das erklärt, warum Ablenkung, Erwartungen, Suggestion, Stressfaktoren oder Entspannung auch das Empfinden verändern. Andererseits stehen diese Zentren in Verbindungen mit dem körpereigenen Drogensystem, das Botenstoffe wie die Endorphine, die Opiate des Körpers, produziert: Seelische Verarbeitung wird hier biochemisch umgewandelt.

Der Homöopath scheine den Placebo-Effekt besser einzusetzen als der Wissenschaftsmediziner, vermutet Mediziner Windeler. „Hier muss die Wissenschaftsmedizin Konsequenzen ziehen und sich ihren Patienten ähnlich intensiv zuwenden wie die Homöopathen.“ Denn der Placebo-Effekt, so Wolf, biete „eine wunderbare Chance, die körpereigenen Selbstheilungssysteme zu mobilisieren“.

Der Homöopathie-Kongress der DZVhÄ findet vom 4. bis zum 7. Mai im Berliner Congress Center am Alexanderplatz statt. Im Foyer stellen über 70 Hersteller ihre Homöopathie-Produkte aus. Infos unter www.liga2005.de und www.dzvhae.com.

Die Skeptiker tagen in Regensburg: Homöopathie-Kongress der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP): 5. bis 7. Mai 2005, www.gwup-org

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