Gesundheit : Nicht das Alter, sondern die Nähe zum Tod treibt Kosten

Rosemarie Stein

Soll man noch bis ins höchste Alter Anspruch auf alle lebensverlängernden Behandlungsmethoden aus dem Arsenal der modernen Medizin haben? Oder muss irgendwann Schluss sein, weil wir uns diesen Aufwand nicht leisten können? Diese Fragen standen im Zentrum eines medizin-ethischen Workshops, den die Evangelische und die Katholische Akademie in Berlin gemeinsam mit dem Sankt Joseph-Krankenhaus veranstalteten.

Keineswegs handelt es sich dabei um ein ausschließlich akademisches Problem. In anderen Ländern - England, Australien, Teilen der USA - gibt es schon Altersgrenzen für bestimmte teure Therapien, wenn auch eher versteckt als offen.

In Holland geht man noch weiter, nämlich von der passiven zur aktiven Sterbehilfe. Zur Ergänzung des am 1. Januar 2002 in Kraft tretenden Euthanasie-Gesetzes, das Tötung auf Verlangen unter bestimmten Umständen für Ärzte straffrei stellt, plant man eine gesetzliche Regelung, die Tötung auch ohne Verlangen ermöglicht - und zwar dann, wenn es sich um Schwerstkranke oder -behinderte handelt, die zur Willensäußerung nicht fähig sind. Das bestätigte Jaap J.F. Visser (Abt. Medizinethik des niederländischen Gesundheitsministeriums) kürzlich dem Tagesspiegel. Ökonomische Motive weisen die Holländer allerdings weit von sich.

Und Deutschland? Offiziell gibt es keinerlei Therapieverweigerung aus wirtschaftlichen Gründen, auch nicht im Alter. Befragungen von Krankenhauspersonal hätten jedoch ergeben, dass es auch bei uns üblich ist, alten Patienten bestimmte Therapien mit vorgeschobenen Gründen vorzuenthalten, sagte Hagen Kühn vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Dessen Arbeitsgruppe Public Health fand heraus, dass ökonomisches Denken die ärztlichen und pflegerischen Entscheidungen im Krankenhaus stark beeinflusst.

Kühn lehnt einen Verzicht auf teure Therapien bei alten Menschen strikt ab: die gestiegene Lebenserwartung trage weniger als vorausgesagt zur Kostensteigerung im Gesundheitswesen bei. Das bestätigte der Gesundheitsökonom Stefan Felder von der Universität Magdeburg: weniger das Alter als die zeitliche Nähe zum Tod gleich in welchem Lebensstadium trieben die Krankheitskosten in die Höhe.

Überdies sei eine Rationierung medizinischer Leistungen bei uns noch lange nicht nötig, weil bei weitem nicht alle Möglichkeiten der Rationalisierung ausgeschöpft seien. Dass es noch viele Organisationsmängel und Reibungsverluste gibt und dass noch viel Überflüssiges oder gar Schädliches einzusparen ist, darin waren sich die Wissenschaftler auf dem Podium und die mitdiskutierenden Teilnehmer im Plenum einig.

Was aber soll geschehen, wenn auch in unserem Gesundheitswesen rationiert werden muss? Felder hält dies für unvermeidlich; nicht wegen der demographischen Entwicklung, sondern wegen der ständig wachsenden medizinischen Möglichkeiten. Allerdings sollten die Kriterien transparent sein.

Das Alter hält der Gesundheitsökonom für ein objektives und gerechtes Kriterium. Gegen eine Alters-Rationierung medizinischer Leistungen hätte er nichts - stand damit allerdings ziemlich allein da. Nicht nur der Bochumer Theologe Peter Dabrock mahnte: "Wie wir mit den Schwächsten umgehen, daran erkennt man unsere Gesellschaft." Auch Hagen Kühn, der Sozialwissenschaftler, warnte davor, ausgerechnet an den Hilflosesten zu sparen.

Und Ruth Mattheis, in der Ärztekammer Berlin seit dreizehn Jahren Vorsitzende der Ethikkommission, sprach sich entschieden gegen starre Altersgrenzen aus. Das kalendarische und das biologische Alter seien nicht identisch, und auch sonst seien alte Menschen keine homogene Gruppe. Lebenswille und -freude seien von der sozialen Einbindung abhängig.

Im britischen Gesundheitswesen scheint Alters-Rationierung schon zum Alltag zu gehören, wenn dies auch offiziell dementiert wird. Der Londoner Publizist Stephen Pollard lieferte Belege für das, was man im Englischen "Ageism" nennt: Zwei von drei schwer Nierenkranken über Siebzig wird die Dialyse verweigert, ergab eine Untersuchung der Organisation "Age concern". Auch Herzoperationen, Krebstherapien und eine Rehabilitation nach Schlaganfall oder Herzinfarkt wird Älteren oft vorenthalten.

Wird es betagten Deutschen bald so gehen wie den englischen Patienten? Auch bei uns setzten Ärzte sich oft über den Willen alter Schwerkranker hinweg, hieß es in der Diskussion - meist aber gerade im umgekehrten Sinne: der Lebenserhaltung um jeden Preis.

Auch dahinter stünden zuweilen ökonomische Motive. Es würden oft Eingriffe gemacht, die nur für den Arzt sinnvoll sind, sagte Klaus Schaefer vom Sankt Joseph-Krankenhaus. Und die "Ärzte-Zeitung" schrieb unlängst, vor allem Privatpatienten würden häufig zum Objekt sinnloser lebensverlängernder Maßnahmen.

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