Gesundheit : Nicht jedem steht die Samurai-Perücke

MICHAEL GRAHE

Studieren im Ausland: Die Sophia Universität in Tokio VON MICHAEL GRAHE

"Die essen doch rohen Fisch mit Algen auf kaltem Reis? Wie eklig!" "Ja, dafür essen die Deutschen Tartar, was auch nichts anderes als zerhacktes kaltes Schwein ist!" Diese Szene zeigt exemplarisch, wie schwer es ist, Europäern Japan schmackhaft zu machen.Dennoch versuche ich es immer wieder, da mich dieses Land so wunderbar aufgenommen hat, als ich über ein Direktaustauschprogramm der Technischen Universität Berlin mit der Sophia Universität Tokio zwei Semester in Japan verbrachte. Ich studierte in einem MBA-Programm (Master of Business Administration) am englisch-sprachigen Campus, dessen Aufbau dem amerikanischen Pendant sehr ähnlich ist.Dies ist nicht typisch für Japan, da die meisten Studenten nur bis zum "bachelor" studieren, was etwa dem deutschen Vordiplom entspricht.Die Sophia Universität bietet all die Annehmlichkeiten einer Privatuniversität, zu denen eine erstklassige Bibliothek, ein dem neuesten Stand entsprechender Computerraum und Professoren gehören, deren Sprechzeit sich nicht auf eine Stunde pro Woche beschränkt.Desweiteren ist die Teilnehmerzahl pro Vorlesung auf maximal zwanzig Studenten begrenzt, sodaß die Veranstaltungen einer Gruppendiskussion ähneln.Das Ganze kostet die "normalen" Studenten allerdings etwa 15.000 DM pro Semester. Auch dieser hohen Kosten wegen herrscht dort eine extrem angenehme Studienatmosphäre.Jeder Student möchte lernen, und die Professoren unterstützen dies, so gut es geht.Dafür verlangen sie allerdings einiges: ein wöchentliches Lesepensum von 1000 Seiten pro Kurs ist keine Seltenheit.Hinzu kommt die Zeit für Präsentationen und Seminararbeiten, die häufig an die Stelle von Klausuren treten.Für mein Studium in Deutschland mußte ich jedenfalls noch nie so lange und so intensiv arbeiten.Dafür habe ich aber auch noch nie so viel in zwei Semestern gelernt. Auf dem japanisch-sprachigen Campus spielt sich das Hauptleben des universitären Daseins ab.Dort befinden sich der Buchladen, die Hauptbibliothek, die Mensen und die Sportclubs.Diese Clubs bilden den Hauptbestandteil des japanischen Studentenlebens.Von Geburt an werden japanische Kinder darauf trainiert, an die richtige Universität zu gelangen.Haben sie dieses Ziel erreicht, beginnen die "längsten Ferien" ihres Lebens.Ihre neugewonnene Freizeit genießen die japanischen Studenten hauptsächlich in den erwähnten Sportclubs.Dort wird so ziemlich alles angeboten, was die Sportvielfalt zu bieten hat.Neben den uns bekannten Sportarten sind alle asiatischen Varianten vertreten, wie zum Beispiel Kendo oder Sumo.Trainiert wird täglich, was nicht nur das außergewöhnlich hohe Niveau der Teilnehmer, sondern auch den großen Gruppenzusammenhalt erklärt. Durch die Sportclubs der Universität hatte ich kaum Probleme, schnell gleichaltrige Japaner kennenzulernen und Kontakt zur heimischen Bevölkerung zu knüpfen.Die Ausgehgewohnheiten japanischer Studenten führten mich zuerst in eine "Isakaja", was nichts anderes als eine Kneipe ist.Dort bezahlen Studenten in der Regel einen Festpreis und können dann zwei Stunden lang soviel trinken, wie sie wollen und können.Trinkfestigkeit ist für junge Japaner noch immer ein Synonym für Männlichkeit, und bei einer solchen Gelegenheit muß man dieselbe beweisen.Das führt naturgemäß dazu, daß manche über ihren Durst trinken, besonders wenn ein "Gaijin" (Ausländer) dabei ist.Die Japaner zeigen einem Deutschen gerne, daß auch sie dem Münchner Oktoberfest gewachsen sind. Die Japanerinnen stehen ihren männlichen Kommilitonen in nichts nach.Da ihr späteres Leben von stark patriarchalischen Zügen geprägt sein wird, genießen sie auf diese Weise ihre einstweilige Freiheit.Die Stellung der Frau in der japanischen Gesellschaft wird allerdings schon in diesem jugendlich-toleranten Rahmen deutlich: obwohl die Studentinnen gleichberechtigt mitfeiern, ist es selbstverständlich, daß sie die Getränke einschenken und das Essen reichen. Nach diesen ausgelassenen zwei Stunden geht man noch ein wenig zum Karaoke.Dies ist nicht immer das, was man hier in Deutschland darunter versteht.In Japan mieten sich sechs bis acht Personen eine Karaoke-Box.Das ist ein kleines Zimmer, in dem nichts anderes als ein Sofa, ein Tisch und eine Karaokemaschine stehen.Dort singt man sich Lieder vor und, wenn alle nicht mehr können, geht oder schwankt man schließlich nach Hause. Als europäischer Ausländer ist man in Japan immer etwas Besonderes.So besuchte ich einmal einen japanischen Vergnügungspark, die "Edo Mura".Dort gab es neben unzähligen Souvenir-Shops auch ein kleines traditionelles Theater.In der künstlich-altertümlichen Kulisse wurde ich - der einzige langnasige Ausländer im Publikum - auf die Bühne gedrängt und war mit einer unglaublich unpassenden Samurai-Perücke ein Objekt der allgemeinen Belustigung. Japan bedeutet allerdings nicht nur Alkohol und Spaß.Ich hatte auch andere Erlebnisse.An U-Bahn-Stationen in Tokio finden sich stets riesige Parkplätze für Fahrräder, weil die meisten Leute damit zur Station fahren.Neben diesen nur vorübergehend abgestellten Drahteseln gibt es auch eine Unzahl herrenloser Räder.Sobald etwas nicht mehr einwandfrei funktioniert oder nicht mehr dem letzten technischen Stand entspricht, werfen Japaner es weg und kaufen sich ein neues Modell.Was ist also das Naheliegende für einen Studenten mit langem Fußmarsch zur Station? Ich wurde Besitzer eines jener Fahrräder, reparierte es und hatte von da an immer eine beschwingte Fahrt zur Station. Eines Tages brach dann aber das japanische Gesetz über mich herein.Ein Zivilpolizist verhaftete mich beim Besteigen meines Fahrrades und, da meine Sprachkenntnisse noch sehr dürftig waren, verstand ich nicht einmal den Grund.In der Polizeiwache wurde ich sofort in einen Verhörraum verfrachtet, wo mich zwei Polizisten zwei Stunden lang verhörten.Ich verstand während dieser Zeit außer "Fahrrad" kein Wort.Nach zwei Stunden kam dann ein Dolmetscher und erklärte mir auf Englisch, daß die Polizei mich für einen Fahrraddieb gehalten hatte.Inzwischen hätten sie aber festgestellt, daß das Fahrrad schon vor zwei Jahren gestohlen wurde. Später sprach ich mit einem Ausländer, der schon lange in Japan wohnt, über dieses Erlebnis.Er aber erklärte mir, daß die japanische Polizei das immer so mit Ausländern macht.Man wird verhaftet und solange verhört, bis die Polizisten denken, daß man genug Angst hat.Dann darf man wieder gehen, hat aber solch einen Respekt vor der Polizei, daß man nie wieder etwas Ungesetzliches machen wird. Nach diesen Erlebnissen kann ich einen Aufenthalt an einer japanischen Universität jedem empfehlen, der weltoffen an einem Studium anderer Art interessiert ist.Dies beschränkt sich nicht nur auf den universitären Bereich, sondern erstreckt sich auch auf den japanischen Lebensstil.Vor allem habe ich dort festgestellt, daß ich Europäer bin.

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