Gesundheit : Nicht nur der Muff von 150 Jahren

CHRISTIANE HABERMALZ

Die Humboldt-Universität lagert ihre Geschichte im Keller ein: Büsten von professoralen Würdenträgern, Medaillons und Talare.Eine Entdeckungsreise zum "Humboldt-Schatz"VON CHRISTIANE HABERMALZDie schwere Stahltür des ehemaligen Luftschutzkellers läßt sich nur mit Mühe öffnen.Ein paar Stufen führen herab, dann noch mehr Stahltüren, gewichtige Riegel."Der Bunker wurde in den 60er Jahren für die Universitätsleitung gebaut", erläutert Angelika Keune, während sie mit den Schlüsseln hantiert.Beim Eintreten stolpert man als erstes über den riesigen Bronzekopf von Karl Marx.Der ehemals vor dem Senatssaal postierte Hüne liegt mitten auf dem Fußboden.Drumherum sieht es aus wie in einem Feldlazarett: lebensgroße Figuren, von oben bis unten mit weißen Stoffbahnen einbandagiert, stehen in losen Gruppen herum, die Hände in den Himmel gereckt.Es sind Gipskopien von antiken Statuen aus dem Winckelmann-Institut für Archäologie, die aus Platzmangel hier gelandet sind. Angelika Keune hat einen etwas aus der Mode gekommenen Beruf: Sie hütet Schätze.Als Kustodin der Humboldt-Universität verwaltet und katalogisiert sie die über 1000 Kunstgegenstände, die sich im Besitz der Universität befinden: Über 100 Büsten von professoralen Würdenträgern, 189 Ölgemälde und 285 Zeichnungen der verschiedensten Kunstepochen und Stilrichtungen, sowie Medaillons und Urkunden gehören zum "Humboldt-Schatz".Sogar mit zwei güldenen Zeptern aus dem 15.Jahrhundert kann sich die Uni brüsten."Ursprünglich gehörten sie der Erfurter Universität, doch als die 1816 geschlossen wurde, kamen die Zepter nach Berlin", erzählt Angelika Keune.Bei feierlichen Anlässen wurden sie von zwei Universitätsdienern dem Rektor und der Professorenschar vorweggetragen.Eine herrschaftliche Symbolik, auf die auch die DDR nicht verzichtete: Das letzte Mal kamen die Zepter bei der Immatrikulation im Jahre 1967 zum Einsatz, ebenso die Talare."Doch dann hat die Studentenrevolte im Westen auch hier Früchte getragen", lacht die Kustodin. Jetzt hängen die Talare im Luftschutzkeller."Angestaubt", bedauert Keune.In langer Reihe hängen die Professorengewänder an einer Stange, nach Farben und Würden geordnet: Vorne der prachtvolle rote Rektorentalar, dahinter die der Professoren: Rot für Medizin, lila für die Theologie, blau für Philosophie, grün für Landwirtschaft. Die Namen der letzten Besitzer sind noch eingenäht: "Professor Hendler, Theologische Fakultät", verrät das Etikett eines knalligen lila Umhangs. Von den Kunstobjekten, die Keune betreut, ist nur ein Bruchteil hier im Luftschutzkeller gelagert.Die meisten Bilder, Büsten, Zeichnungen sind überall in der Universität verteilt, wie die Rektorenporträts in Öl vor dem Senatssaal oder die Porträtbüsten herausragender Wissenschaftler der Humboldt-Uni, die in den jeweiligen Fachbereichen aufgestellt sind.Hier im Depot steht nur, was restaurierungsbedürftig ist oder was zur Zeit niemand haben will.Landschaftsmalereien des 19.Jahrhunderts lehnen sich an Erzeugnisse des sozialistischen Realismus, blaue FDJler schauen zukunftsgewiß auf ernste Männer in Öl mit Kaiser-Wilhelm-Bart.Auch ein Honeckerporträt ist da, sehr modern, nur an seiner Brille ist er zu erkennen.Vom selben Maler hänge noch ein Marx-Porträt in der Universität, erzählt Keune."Das ist aber so abstrakt, daß wahrscheinlich noch niemand erkannt hat, wen es darstellt." Den Ruhm ihrer Wissenschaftler hat sich die Humboldt-Uni in der Vergangenheit einiges kosten lassen.Für die Professorenbüsten wurden zum Teil namhafte zeitgenössische Bildhauer beauftragt, von Christoph Daniel Rauch und Reinhold Begas im letzten Jahrhundert bis hin zu Georg Kolbe in den 20er Jahren und Fritz Cremer in den 50ern.Mindestens fünf Jahre mußte ein Professor tot sein, bevor der Senat der Universität darüber entschied, ob ihm zu Ehren eine Büste in Auftrag gegeben wurde.Die älteste Büste, 1833 von Rauch gefertigt, zeigt Christoph Wilhelm von Hufeland, Professor für Medizin an der Charité und königlicher Leibarzt, der jüngste Porträtkopf aus dem Jahr 1982 wurde von Karl-Heinz Schamal modelliert. Angesichts leerer Kassen werden heutzutage nur noch wenige neue Kunstwerke angekauft."Die Zeiten stehen nicht günstig für die Kunst", resümiert Angelika Keune.Als Kustodin muß sie sich neben den Kunstobjekten auch um den Bauschmuck und die Denkmäler kümmern, die zur Universität gehören.Außerdem ist sie Mitbetreiberin der "Kleinen Humboldt-Galerie" im Hauptgebäude, in der in wechselnden Ausstellungen studentische Kunst ausgestellt wird. Die letzte Kellertür wird geöffnet.Auf dem Fußboden steht eine Gruppe steinerner und bronzener Köpfe: Mit leerem Blick schauen der Sprachwissenschaftler Franz Bopp und der Altphilologe Moritz Haupt aneinander vorbei, umringt von anderen herausragenden Köpfen der Wissenschaft."Das sind meine Sorgenkinder", gesteht Keune.Während die anderen Professoren-Büsten in den jeweiligen Instituten stehen, müssen Bopp und Co.noch auf ihre Restaurierung warten.Die Mittel dafür kann Keune nur nach und nach zusammenbringen.Doch da steht noch ein anderes seltsames "Objekt" im Raum: Genau in der Mitte ist eine Apparatur aufgebaut, die entfernt an die ersten Flugmaschinen mit Pedalantrieb erinnert: Zwei Fahrradhinterteile, an große blecherne Röhren geschweißt, die quer durch den Raum laufen und in der Wand verschwinden."Ach das", sagt Angelika Keune."Damit sollte Frischluft zugeführt werden, im Bunker." Ob sich die Universitätsleitung selbst in die Pedale geschwungen hätte, oder ob sie für diese Aufgabe eine Riege professioneller Radsportler in den Keller und damit in die Zeit nach dem Atomgau mitgenommen hätte? Man wird es wohl nie erfahren.Jetzt sieht der verwaiste Frischluftgenerator aus wie ein weiteres Kunstobjekt der Humboldt-Sammlung. Der Rundgang durch die Schatzkammern endet in Keunes Büro in der Baracke, im Hof der "Kommode".Das Telefon klingelt, ein Notruf von Fachbereich für Landwirtschaft: Das Albrecht-Thaer-Bild ist von der Wand gefallen, der gerade erst restaurierte Rahmen zersplittert.Die Kustodin seufzt: Das wird wohl wieder teuer.Die Zeiten stehen nicht günstig für die Kunst.

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