Gesundheit : Nicht nur für Erwachsene

Psychische Erkrankungen kennen kein Alter – auch Kinder und Jugendliche können davon betroffen sein. Häufig spielt die Familie eine wichtige Rolle. Im Helios Klinikum in Buch kommen zwei Drittel der jungen Patienten freiwillig zur Therapie. Eine 13-Jährige erzählt.

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Zum Glück ist der Schal nicht mehr gefährlich. Noch vor kurzem hätte Lucy (Name geändert) auf keinen Fall einen um den Hals getragen. Zu groß war ihre Angst, sie könne jemanden damit erwürgen. Doch an diesem kalten Wintertag sitzt die 13-Jährige mit übereinandergeschlagenen Beinen da und spielt entspannt mit den langen Fransen des Schals – in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Helios Klinikum Buch. Lucy geht es schon fast wieder gut. Viereinhalb Monate ist sie stationär betreut worden, seit eineinhalb Monaten wird sie jeden Morgen von einem Fahrdienst in die Tagesklinik gebracht, wo sie zur Schule geht.

„Ich hab’ Zwangsgedanken, die mir Angst machen“, sagt das schlanke Mädchen. Und das seit der vierten Klasse. „Da hab’ ich was über Drogen gelesen und Angst bekommen, ich könnte die nehmen.“ Dann kamen immer mehr solcher Ideen, oft nachdem sie etwas zu bestimmten, aufwühlenden Themen im Fernsehen gesehen oder etwas dazu gelesen hatte: Meist fürchtete sie, sie könne sich oder anderen Menschen auf irgendeine Weise etwas antun – etwa jemanden mit Essbesteck angreifen. Deshalb konnte sie irgendwann nur noch allein in ihrem Zimmer essen und auch nur noch ohne Messer und Gabel. Sie blieb viel allein. „Viele meiner Ängste bezogen sich auf meine Familie“, sagt Lucy. Sie sah sich selbst als Täterin, dabei wirkt sie sehr verantwortungsbewusst – typisch für viele, die an einer sogenannten Zwangsstörung leiden. Doch es dauerte eine ganze Weile, bis diese Diagnose klar war – und bis klar war, dass sie Hilfe brauchte.

Wenn Kinder und Jugendliche psychisch erkranken, ist die Behandlung nicht nur eine Sache zwischen Patient und Arzt – dann spielen auch noch die Eltern eine Rolle. Ihr Vater sitzt ihr gerade im Helios Klinikum gegenüber und sagt: „Wir Eltern bekamen zwar bald mit, dass sie Probleme hatte, doch zunächst wirkten sie nicht sehr ernst.“ Sie habe zwar davon erzählt, die Zwangsgedanken aber lange etwas verharmlost. „Sorgen“ nannte sie es. Irgendwann gestand sie dann, dass sie eine Therapie anfangen wolle. Die Eltern stimmten gleich zu. Trotzdem sagt Lucys Vater heute: „Wir Eltern sind in eine Situation geraten, die so nicht vorgesehen war. Es ist eine große Hürde, sein Kind in eine Therapie zu bringen. Das hat für viele immer noch einen Makel. Man will einfach, dass sein Kind wieder normal wird.“

Zunächst versuchten sie es mit einer ambulanten Psychotherapie, bei der die Eltern mit einbezogen wurden. Doch die Therapie brachte nicht viel Besserung. „Und dann ist die Situation eskaliert. Ich hatte keine Lust und keine Kraft mehr“, sagt Lucy. Zu dieser Zeit besuchte sie ein sehr leistungsorientiertes Internat mit einem speziellen Schwerpunkt, die „Sorgen“ gab es aber schon vorher. „Dieses ganze Selbstständigsein und das Hin und Her zwischen dem Internat und Zuhause. Da war alles auf einmal so hoffnungslos.“

„Da haben wir sie nach Hause geholt“, sagt ihr Vater. Und sie gleich darauf in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie gebracht – das sei ein gemeinsamer Entschluss gewesen, sagen die beiden. Hier wurde nicht nur das Mädchen, sondern auch die Eltern „intensiv betreut“. Lucys Vater sagt: „Wir mussten ja verstehen, was da vorgeht.“

Eine Familienanamnese steht am Anfang der Behandlung. Etwa bei der Hälfte der Patienten würden sie sehr viel mit den Eltern arbeiten, sagt Rüdiger Stier, Chefarzt der Klinik in Buch. Bei Kindern sei der Auslöser für eine Störung häufig in der Familie zu finden. Bei Jugendlichen sind es auch oft Schule oder Freunde. Bei Lucy jedoch seien die Ärzte im sozialen Bereich nicht groß fündig geworden, sagt Stier. Da müsse man wohl von einer ungeklärten Ursache sprechen. Auch das ist nicht selten. Dennoch war die Arbeit mit der Familie auch hier wichtig: Die Eltern bekamen Ratschläge, wie sie in bestimmten Situationen mit der Tochter umgehen sollten, etwa wenn sie sich wieder zu oft in ihr Zimmer zurückzieht. „Ich musste einsehen, dass ich auch Fehler gemacht habe“, sagt Lucys Vater. „Schon sehr früh hat mir der Kinderarzt gesagt, dass ich Lucys Ehrgeiz nicht zu sehr unterstützen darf.“ Jetzt habe er sich belehren lassen, dass er es unbewusst doch getan hat: „Sie hat immer das Gefühl, sie müsse es mir recht machen.“

Wie Lucy kämen zwei Drittel der jungen Patienten freiwillig in seine Klinik oder hätten zumindest nichts gegen eine Therapie, sagt Stier. Aber auch zu den jungen Patienten, die auf Druck der Eltern oder des Jugendamts kommen, fänden die Therapeuten oft nach einiger Zeit Zugang – wenn man sie zunächst in Ruhe lasse. Zur Einzelpsychotherapie kommt Kunst-, Musik- und Gruppentherapie. Bei Jugendlichen sei der therapeutische Bezug zur betreuten und geleiteten Gruppe oft sehr entscheidend. „Jugendliche orientieren sich viel an Gleichaltrigen“, so Stier.

Da die jungen Patienten, die in seine Klinik kommen, alle eine schwere Störung haben, bekommen sie zusätzlich zur Psychotherapie oft auch Medikamente. Auch Lucy nimmt welche, die allerdings demnächst abgesetzt werden sollen. Aber auch eine intensive Psychotherapie bewirkt Veränderungen auf neuronaler Ebene – ebenso wie ein Medikament.

Vor 20 oder 30 Jahren wäre Lucy vielleicht nicht schon als Dreizehnjährige behandelt worden. Heute kommt es häufiger vor, dass psychisch Erkrankten schon früh geholfen wird. Zwangsstörungen würden oft schon bei Jugendlichen und Depressionen in der Kindheit beginnen, sagt Stier. Bei Depressionen und Störungen des Sozialverhaltens könne man sogar schon bei Kleinkindern ansetzen.

Diesen Ansatz vertritt auch Christiane Ludwig-Körner. Die Psychotherapeutin leitet eine neue „Fortbildung zur Eltern-, Säuglings- und Kleinkindpsychotherapie“. Dabei lernen Therapeuten, wie sie Familien helfen können, „eine tragfähige Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen“. So könne man verhindern, dass sich „früh Störungen entwickeln oder verfestigen“ und die Entwicklung des Kindes darunter leidet. Lucy hätte so eine frühe Intervention vielleicht nicht geholfen. Dafür aber die aktuelle Therapie: „Früher wollte ich ein perfekter Mensch sein. Das will ich jetzt nicht mehr – nur noch ein netter.“

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