Gesundheit : Nichts für Liebhaber leichter Lektüre

ANJA KÜHNE

Serie Studiengänge (6): Germanistik / Unis haben eigene Prägung: Familiär in Potsdam, breites Spektrum an FU / Oft unterschätztVON ANJA KÜHNE Maßlose Liebe, Ehebruch und schließlich der Liebestod - kann es einen Schriftsteller geben, dem es nicht gelingen würde, aus solchen Zutaten einen packenden Schmöker zu schmieden? Ja, es kann einen geben: Gottfried von Straßburg heißt er, und seinem Roman "Tristan und Isolde" aus den Anfängen des dreizehnten Jahrhunderts merkt man an, daß unsere Vorfahren von steilen Spannungsbögen nichts verstanden."Action bitte!", möchte man dem Verfasser zurufen, wenn er langatmig dutzende von Versen über die Goldstickerei im Outfit seines Helden reimt oder sich umständlich darüber ergeht, wie man einen Hirsch fachmännisch ausnimmt.Zwischendurch bildet er kleine Wortspiele in mittelhochdeutscher Sprache, die auf uns heute vor allem angestrengt wirken: Ir leben, ir tôt sint unser brôt / sus lebet ir leben, sus lebet ir tôt./ sus lebent si noch und sint doch tôt / und ist ir tôt der lebenden brôt. Man muß schon Germanist sein, um bei solcher Lektüre vor Aufregung rote Ohren zu bekommen.Und genauso verhält es sich oft auch mit nicht ganz so alten Texten.Wer also Germanistik studieren will, weil er oder sie hin und wieder einen flott geschriebenen Roman zu schätzen weiß oder aber in der Hoffnung "Deutsch kann jeder" ein "Laberfach" zu wählen glaubt, ist schief gewickelt. "Wir lesen nicht genüßlich konsumierend", erzählt Student Niklas Matthes, "sondern konzentriert und genau, auf der Suche nach Details." Und immer in der Auseinandersetzung mit Bergen von Forschungsliteratur: Ist zum Beispiel der Minnetrank, den Tristan und Isolde im Versroman trinken, wirklich die Ursache für die Liebe des Paares, wie manche Forscher meinen, oder nur ein Symbol für ihre Passion, wie andere glauben? Ein Dritter schreibt dagegen, die inhaltliche Aussage des Textes hänge überhaupt nicht an der Interpretation des Tranks.Ja, was denn nun? Verfährt man bei der Analyse positivistisch, sozialgeschichtlich oder lieber poststrukturalistisch? Was können die Bezugsdisziplinen wie Philosophie, Psychologie oder Geschichte zur Klärung beitragen? "Germanistik ist genauso hart wie andere Wissenschaften auch", meint Niklas Matthes, und Gert Mattenklott, Dekan am Fachbereich Germanistik an der FU, stimmt ihm zu: "Die Qualität der Examensarbeiten ist in den letzten 30 Jahren wegen des Konkurrenzdrucks markant gestiegen." Die Germanistik oder Deutsche Philologie wird meistens in drei Fächer unterteilt, die von Lehramtsstudenten zusammen als Fach Deutsch studiert werden, von Studierenden im Magisterstudiengang aber auch einzeln in Kombination mit einem nicht nah verwandten Fach (zum Beispiel Anglistik oder Kunstgeschichte) belegt werden können: Das Fach Ältere deutsche Literatur und Sprache befaßt sich mit mittelalterlichen Texten von den Anfängen bis ins 16.Jahrhundert, das Fach Neuere deutsche Literatur kümmert sich um Texte vom 16.Jahrhundert bis zur Gegenwart, und in der Linguistik oder Sprachwissenschaft geht es um Grammatik, Semantik oder Fragen der Kommunikation. An der FU sind fast 70 Prozent der Hauptfach-Immatrikulierten und über 20 Prozent der Professoren weiblich.Germanistik ist eindeutig ein Frauenfach, aber ist es auch ein Massenfach? Die FU hat den größten Fachbereich mit rund 6850 Immatrikulierten, die von jetzt noch 43 Professoren betreut werden.Die Professorenschaft soll jedoch in den nächsten sechs Jahren halbiert werden.Und Dekan Mattenklott gibt zu: "In Kursen mit attraktiven Themen oder Dozenten kann es trotz des Numerus clausus immer noch voll werden." Für ein Studium im Fachbereich der FU spricht dennoch die hervorragende Bibliothek und das besonders breite Spektrum des Kursangebotes.Dazu gehört der Ergänzungsstudiengang Editionswissenschaft, den die FU gemeinsam mit der HU durchführt.Eine weitere Besonderheit im Fachbereich ist die Möglichkeit, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL) als Hauptfach im Magisterstudiengang zu belegen.Hier liegt das besondere Gewicht auf dem Vergleich europäischer Literaturen sowie auf Fragen der Poetik und der Literaturtheorie.An der TU kann man AVL nur als Nebenfach belegen, an der Uni Potsdam ist das Gebiet mit einer Professur vertreten, ein Studiengang ist aber in Planung. Die Spezialität des Instituts für deutsche Literatur an der HU ist seine kulturwissenschaftliche Ausrichtung.Literatur wird hier besonders unter mentalitätsgeschichtlichen, ethnologischen oder medialen Gesichtspunkten gelesen.Für angehende Germanistikstudierende mag die HU einen besonderen Reiz ausüben, weil sich hier in früheren Jahren eine ganze Latte bedeutender Dichter und Denker in die Matrikel eintrugen: von Heinrich Heine über Walter Benjamin und Hilde Domin bis zu Wolf Biermann. Im kleinen Kreise studiert man das Fach in Potsdam: "Die Atmosphäre hier ist sehr angenehm, weil wir uns alle kennen.Und die Bibliothek ist, was die neueren Titel angeht, bestens ausgerüstet", lobt Christine Pfau das Institut, an dem sie wissenschaftliche Mitarbeiterin ist.Überschaubar ist der Fachbereich auch an der TU.Anders als an den anderen Unis müssen hier zur Zwischenprüfung Lateinkenntnisse nachgewiesen werden - eine Regel, die man jedoch demnächst abschaffen will. Germanisten werden nicht, wie ein weit verbreitetes Vorurteil lautet, Pizzalieferanten oder arbeitslos.Eine Studie des FB Germanistik der FU ergab, daß ein Großteil der Absolventen Berufe ergreift, die sich irgendwie mit ihrem Studium berühren.Prominente Beispiele für berufstätige Germanisten sind der habilitierte Fernseh-Moderator Roger Willemsen oder Gertrud Höhler, die neben ihrer Professur noch einen zweiten Job als Unternehmensberaterin hat. Bisher erschienen: Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (26.5.), Skandinavistik (9.6.), Politologie (1.7.), Kulturwissenschaft (17.7.) Maschinenbau (14.8.)

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