Gesundheit : Nichts für Warmduscher

Kalte Güsse sind gut für die Durchblutung und gegen Stress

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BERNHARD UEHLEKE leitet die Naturheilkunde der Berliner Charité im ImmanuelKrankenhaus. Zuvor arbeitete er an

einem Forschungsinstitut in Bad Wörishofen.Foto: privat

Welche Rolle spielt Pfarrer Kneipp in der modernen Naturheilkunde?

Wenn man Naturheilkunde im engeren Sinn versteht, dann ist sie praktisch deckungsgleich mit der Kneipp’schen Therapie, die sich auf die fünf Säulen Wasser, Bewegung, Heilpflanzen, Ernährung und Ordnungstherapie stützt. Das sind, erweitert um die Lichttherapie, auch die Hauptschwerpunkte an unserem Lehrstuhl, der seit 14 Jahren in Berlin besteht. Für mich als Naturwissenschaftler ist es besonders faszinierend, dass bei diesen Therapieprinzipien der klassischen Naturheilkunde die körperlichen Grundlagen so plausibel sind. Wir können uns gut erklären, was der Mensch davon hat, wenn er das regelmäßig anwendet. Kneipp ist neuen Umfragen zufolge übrigens erfreulich bekannt in der Bevölkerung.

Bei Kneipp denken die meisten zuerst an die Hydrotherapie.

Dabei wird oft übersehen, dass es ausschließlich Kneipp zu verdanken ist, dass die mild wirksamen Heilpflanzen in die Naturheilkunde eingeführt wurden.

Wassertreten, kalte Güsse, feuchte Wickel haben bei vielen heute ein eher altbackenes Image.

Das ist aber für die Beliebtheit kein Nachteil. Die Menschen besinnen sich heute auf Behandlungsformen mit langer Tradition, da können neumodische Begriffe wie „Wellness“ überhaupt nicht mithalten. Was echte Vorbeugung angeht, kann man mit nichts besser arbeiten als mit diesen fünf Säulen. Ein Vorteil speziell der Kneipp’schen Wasseranwendungen besteht auch darin, dass die Kniegüsse überall dieselben sind, ob sie nun vom Bademeister in Berlin oder in Bad Wörishofen verabreicht werden. Die Ausbildung ist streng. Die Kneippbewegung hat die Qualitätssicherung schon vor 100 Jahren eingeführt.

Für wen sind die Güsse, Bäder und Wickel besonders geeignet?

Die Palette der Anwendungsgebiete der Hydrotherapie ist so groß, dass manche schon deshalb denken, das Ganze müsse Schwindel sein. Ein wichtiges Gebiet ist der Wärmehaushalt des Körpers, die Durchblutung. Wasseranwendungen helfen bei kalten Füssen oder bei Neigung zu Blasenentzündungen, weil sie das Blut in die Extremitäten locken und die Durchblutungsregulation fördern. Sie stimulieren außerdem nachweislich das Immunsystem, und sie wirken vor allem gegen die negativen Auswirkungen von Stress. Ein kalter Wasserguss ist ein Stressreiz, auf den der Körper anfänglich mit dem erhöhten Ausstoß des Stresshormons Adrenalin reagiert. Der Körper gewöhnt sich allerdings daran und reagiert nach mehrfacher Anwendung nicht mehr so stark. Auch die Reaktion auf psychischen Stress wird dadurch schwächer. Güsse sind auch eine sehr zeitsparende Methode, denn ein kalter Guss am Morgen für einige Sekunden unter der Dusche reicht als Reiz schon aus. Und am Ende einer Kneippkur ist man gegen Ärger nachweislich besser gefeit.

Und das ist alles wissenschaftlich erwiesen?

Vieles weiß man aus Tierversuchen und kleineren Studien. Größere Studien zur Hydrotherapie fehlen leider noch, denn es gibt wenig finanzielle Unterstützung. Leider treten die Wasserwerke nicht als Sponsoren auf, wie die Arzneimittelhersteller das bei medikamentösen Therapien tun. Aber es gibt Studien, die zeigen, dass zu hoher und niedriger Blutdruck sich normalisieren, dass Erkältungskrankheiten gelindert werden können oder dass nach einer Krebserkrankung die Lebensqualität steigt.

Woran forschen Sie derzeit?

Wir führen eine Anwendungsbeobachtung bei Menschen mit leichter Depression und Burn-out-Syndrom durch. Wir planen auch eine Studie zur Hydrotherapie bei Patientinnen mit Beschwerden in den Wechseljahren.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.

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