Gesundheit : Niemand weiß, wer der Mann des Jahrtausends eigentlich war

Harald Martenstein

Einfahrt Mainz Hauptbahnhof. Nanu, Mainz Hauptbahnhof ist ja weg. Es steht nur noch eine leere Bahnhofshülle herum, Sandstein, frisch entkernt. In Mainz wird superfleißig gebaut. Auch das Theater steckt unter einem Gerüst, und weite Teile der Innenstadt wurden niedergelegt, jedenfalls in der Gegend am Kaufhof. Ausgerechnet im Gutenberg-Jahr, in dem die Stadt eine Million Besucher empfangen möchte, besteht Mainz aus Baustellen. Da haben sie sich zum Stadtumbau vermutlich den ungünstigsten Zeitpunkt der letzten fünfhundert Jahre ausgesucht.

Sogar das Gutenberg-Museum, das sich "Weltmuseum der Druckkunst" nennt, war bis in den April hinein geschlossen. Der neue Anbau, ein Viereck aus Glas und Metall, hat sich in der Fertigstellung verzögert. Eva-Maria Hanebutt-Benz, die junge Direktorin des Museums, sitzt zwischen Ikea-Regalen und einer Umzugskiste. Sie sagt: "Wir haben in Mainz ja eigentlich Baustopp. Da wurde lange diskutiert, ob das Museum trotzdem fertig gebaut werden darf." So sieht also eine Stadt mit Baustopp aus. Eva-Maria Hanebutt-Benz hat trotzdem gute Laune, weil man in Mainz meistens gute Laune hat, und sie sagt: "Mein Liebling unter den Gutenberg-Forschern heißt Severin Corsten. Er ist schon alt. Und je älter er wurde, desto skeptischer ist er geworden, skeptisch, ob er über Gutenberg überhaupt etwas weiß."

Man lernt zum Beispiel in der Schule, Gutenberg habe den Druck mit beweglichen Lettern erfunden, um 1450 herum. Dabei hat ein gewisser Bi Sheng schon 1040 bewegliche Stempel aus Keramik benutzt. Im Grunde heißt der Erfinder des modernen Druckwesens Bi Sheng. Aber in seiner Heimat, in China, bestand kein gesteigertes Interesse an Bi Shengs Erfindung. Die gesellschaftlichen Verhältnisse im alten China waren für das Druckwesen nicht günstig. Die Chinesen druckten jahrhundertelang mal dieses, mal jenes, aber die Sache kam einfach nicht in Schwung. Die chinesische Schrift hat außerdem viel zu viele Buchstaben, die Setzkästen hätten so groß sein müssen wie ein Billardtisch.

In Mainz stehen zwei Gutenberg-Denkmäler, und zwar recht eng beieinander. Das eine Denkmal stammt von dem Künstler Bertel Thorvaldsen und aus dem Jahre 1837. Das andere hat Wäinö Aaltonen gemacht, ein Finne, 1962. Das Komische ist, dass die beiden Gutenbergs sich kein bisschen ähnlich sehen. Obwohl beide Gutenbergs etwa gleichaltrig sind, Ende vierzig vielleicht, und obwohl beide Künstler sich um Realismus bemühen. Der 1837er Gutenberg erinnert sofort an den Autor Harry Rowohlt. Rundlich, sehr bärtig. Der schlanke, durchtrainierte 1962er Gutenberg dagegen geht eindeutig ins Reinhold-Messnermäßige.

Niemand weiß, wie Gutenberg wirklich ausgesehen hat. Man kennt nicht einmal sein Geburtsjahr. Gutenbergs mutmaßliche Heimatstadt hat es auf 1400 festgelegt, weil 1400 eine schöne, runde Zahl ist. Deshalb also wird in diesem Jahr der 600. Geburtstag gefeiert. Der Mann des Jahres: Gutenberg! Mister 2000. Eine Jury aus Journalisten hat ihn vor ein paar Monaten in den USA zum wichtigsten Mann des Millenniums gewählt. Auf den Plätzen zwei bis fünf: Kolumbus, Luther, Galilei, Shakespeare.

"Sie hatten ein Punktesystem", erzählt Eva-Maria Hanebutt-Benz. "Nur bei der Eigenschaft Charisma hat Gutenberg null Punkte bekommen. Beim Charisma haben natürlich Leute wie Napoleon stark aufgeholt."

Wie feiert man jemanden, über den man fast nichts weiß? In Mainz haben sie erst mal ein neues Gutenberg-Denkmal gebaut, nunmehr schon das dritte, diesmal aber ein abstraktes, aus Steinquadern mit Lettern und Werkzeugen darauf, gewissermaßen ein den ewigen Prinzipien der Druckkunst geweihtes Denkmal. Daneben wachsen in einem spätmittelalterlichen Kräutergärtlein Pflanzen, die Gutenberg möglicherweise gekannt hat - Ochsenzunge, Katzenminze, Haselwurz.

Was man sicher über Gutenberg weiß, steht in ein paar Akten, meistens Gerichtsakten. Ursprünglich nannte er sich Henne Gensfleisch. Henne, die Koseform seines Taufnamens, Johannes. Die ersten Spuren hinterlässt Gensfleisch/Gutenberg anno 1420, als er sich mit seinen Geschwistern vor Gericht um das Erbe streitet. 1434 verlässt er Mainz und gründet mit einigen Partnern in Straßburg eine Gesellschaft zur Herstellung von Pilgerspiegeln. Pilgerspiegel sind im späten Mittelalter ein begehrter Massenartikel. Man hält sie bei Prozessionen in die Höhe, wenn Reliquien herumgetragen werden, und fängt mit dem Pilgerspiegel die heilige Strahlung ein. Gutenberg erfindet in Straßburg ein neues Stanz-Verfahren, er revolutioniert das europäische Pilgerspiegelwesen. Davon hat heute niemand mehr was. Außerdem gründet er eine Geheimgesellschaft namens "Aventur und Kunst". Diese Gesellschaft befasst sich vermutlich mit der Erfindung des modernen Druckwesens.

Welchen Anteil hat Johann Fust? Welchen Anteil hat Peter Schöffer, Gutenbergs junger Gehilfe und Geschäftsführer? Sie sind jedenfalls zu dritt, drei Partner. Gutenberg geht in den 40er Jahren zurück nach Mainz, leiht sich dort von dem Kaufmann Fust ein hübsches Sümmchen Geld - man könnte auch sagen: einen Batzen -, und bald sind die beweglichen Lettern erfunden, und es werden Bibeln gedruckt. Die Druckmaschine ähnelt im Prinzip einer Weinpresse. Mainz und Wein, das sind beinahe Synonyme. Die Farbe wird mit einem Stempelballen aufgetragen, der meist mit Hundeleder bezogen ist. Hunde haben keine Poren, sie schwitzen aus dem Maul heraus, deswegen ist ihr Leder besonders gut geeignet.

Gutenberg verzichtet in seinen Bibeln auf Absätze, damit es billiger wird. Er denkt bereits wie ein echter Verleger. Trotzdem zahlt er seine Zinsen für den Batzen nicht pünktlich. Fust klagt, gewinnt und vertreibt Gutenberg aus seiner Werkstatt. Ein paar Jahre später stirbt Fust, der junge Schöffer heiratet Fusts Tochter, übernimmt die Werkstatt und wird der dritte Verleger sowie der erste reiche Verleger der Weltgeschichte.

Der alte Gutenberg aber murkelt in einer Kleinwerkstatt herum. Er druckt Ablassbriefe, in denen der Sünder nur noch handschriftlich seinen Namen, die Sünde und die geleistete Buße eintragen muss, und Aderlasskalender. Bis der Erzbischof sich erbarmt und ihm eine Rente bewilligt, sie besteht unter anderem aus fünf Litern Wein am Tag. Fünf Liter Wein täglich: Das überlebt Gutenberg nicht allzu lange.

Eva-Maria Hanebutt-Benz sagt: "Ich habe das mit dem Hundeleder auch zuerst für eine Legende gehalten. Aber es stimmt. Wir wissen nicht, woher sie das Leder hatten. Möglicherweise wurden Hunde damals als Nutztiere gehalten."

Man weiß es nicht?

"Nein. Es wäre ein schönes Thema für eine Promotion."

Im Vormärz wird Gutenberg als deutschnationaler Held verehrt. Die Romantik feiert ihn als verkanntes Genie. Weil über Gutenberg fast nichts bekannt ist, eignet er sich als Projektionsfläche für jeden Zeitgeist. Die Mainzer Gutenberg-Ausstellung ist auf fünf Museen verteilt, eine Koproduktion mit dem üblichen Begleitprogramm: Mittelalter-Spektakel, Marathonlauf, Marionettentheater, viele neue Bücher, von denen eines selbstverständlich den Titel trägt: "Von Gutenberg zum World Wide Web". Die Ausstellung macht aus der Not eine Tugend, sie zeigt sogar Spardosen und Ofenkacheln. Das Porträt einer Stadt an der Schwelle zur Neuzeit, ein allmählich entstehender Markt, der im Gegensatz zu China mit gedruckten Büchern etwas anfangen kann.

Der Untertitel der Ausstellung heißt: "Unternehmer, Ästhet, Techniker". Wieder ist Gutenberg Projektionsfläche. Verkörpert er nicht genau das, was den Deutschen von heute fehlt? Er ist flexibel, er arbeitet im Ausland, ein Technikfreak, ein Innovator. Ein Visionär. Mit seiner Erfindung macht er die Kopisten arbeitslos. Er führt das Serielle als neues Weltprinzip ein, die Industrie. Ein Buch sieht aus wie das andere. Er zerlegt die Schrift in ihre Einzelteile, sozusagen in Bits und Bytes. Die öffentliche Meinung und die Industrie entstehen aus der gleichen Wurzel, mit Hilfe der Schrift.

Am Rheinufer steht ein Pavillon, ein Beitrag der Mainzer Fachhochschule zum Jubiläumsjahr. Der Pavillon soll mit wechselnden Ausstellungen auf die Zukunft verweisen und originelle Ideen einbringen. Es hat deshalb sogar schon einmal das "Literarische Quartett" darin stattgefunden.

An diesem Tag ist im Pavillon Videokunst zu sehen. Apple-Computer stehen herum, an denen Kinder sitzen und "Pokémon" spielen. Ein großes Foto zeigt eine russische Familie, statt der Köpfe tragen sie Bildschirme auf den Schultern. Auf diesen Bildschirmen sieht man in Form kleiner Filme, was das betreffende Familienmitglied so macht oder möglicherweise denkt. Im Gästebuch steht: "Schön, mal so etwas Modernes in Mainz zu sehen." Oder, ein bisschen zweideutig: "Eine Erfahrung reicher." Die virtuelle Druckwerkstatt, die im Gästebuch besonders gelobt wird, ist leider kaputt.

Bei der Stadtführung auf Gutenbergs Spuren führt uns ein sehr dünner, großer Mann zu einem Turm. "Nach unbestätigter Überlieferung befand sich hier Gutenbergs erste Druckwerkstatt." Dann gehen wir zu einer Kirchenruine. "Hier stand möglicherweise Gutenbergs Taufkirche." Schließlich die Stelle, wo sich das Geburtshaus befand. Heute eine Apotheke, Baujahr zirka 1960. Ein leises Murren steigt aus der Gruppe auf. Dem dünnen, großen Mann ist es selber peinlich. "Es sind leider nur Bruchstücke, die wir besitzen", sagt er. Severin Corsten hat Recht: Je länger man sich mit Gutenbergs Biografie beschäftigt, desto skeptischer wird man.

0 Kommentare

Neuester Kommentar