Gesundheit : Nietzsche: Ungeniert (Kommentar)

Caroline Fetscher

Jetzt haben wir aber genug über mich gesprochen, sagt der geniale Mann, und beugt sich vor in Richtung Frau. Kommen wir zu Ihnen: Was denken Sie über mich?

Diesen Scherz erzählt man sich gern in Amerika, wo die Erkenntnis über das Geniale und den Mann ein wenig fortgeschrittener ist als hier bei uns. Junge, was sind wir noch autoritätshörig. Man schaue sich nur an, wie jetzt wieder Nietzsche gefeiert wird. Gewiss, Nietzsche hatte neue Ideen, er hat sich an der Abschaffung Gottes die Zähne ausgebissen, und er ist Hand in Hand mit dem Übermenschen über die Wiesen des Geistes spaziert, im Engadin zum Beispiel.

Aber war Nietzsche nett? Nein, war er nicht. Zahlreiche Anekdoten und Briefe geben davon Zeugnis. Er war ja auch nicht absichtlich unnett, nein, das auch nicht. Nietzsche befand sich in anderen Dimensionen. Das zerstäubt alle sozialen Kriterien. Im Grunde ist das doch superinteressant! So kann man "Anders von Nietzsche lernen". Und auch wer nicht komplett und vollendet genial ist, mag wenigstens begreifen, wie man sich genial gibt.

Folgendes: Diese Tipps gelten für Männer, vor allem solche Männer, die sich im kreativen Bereich und an dessen Rändern aufhalten. Genial geht ungefähr so: Erstens, weg mit der Freundlichkeit. Weg mit dem intellektuellen Anstand, runter mit der sozialen Maske. Der Blick gilt dem Selbst. Das Gegenüber ist eine zu löschende Konstante, es sei denn, es ist von Nutzen. Es wird zwar immer wieder frech auftauchen, das ist so seine Art. Aber beharrliches Nachinnengucken vertreibt es. Üben! Kann einer nicht immer nach innen gucken, weil da so wenig ist, kann er nicht immer blicklos auf den Fremden, Anderen starren, hat einer keine düsteren Beethovenbrauen, dann muss er sich eben auf seine Schuhe oder Fingernägel konzentrieren. Der Eindruck von Zynismus, Verzweiflung - gute Attribute des Genies - entsteht von allein, und sei es nur im Ansatz. So viel zur inneren Grundhaltung.

Aber auch auf das Äußere kommt es an: Gähnen. Zuspätkommen. Aufdieuhrsehen. Ungekämmtsein. Ungefragt drauflosduzen. Auftauchen und unaufmerksam sein. Sich ankündigen und nicht auftauchen. Fragen überhören. Anweisungen ausgeben. Merke: Die Anderen sind stets Teil des eigenen Drehbuchs. Sagen sie ihre Sätze nicht auf, machen sie nicht die Drehungen, die vorgeschrieben werden, dann: ignorieren und verwerfen. Kryptische Dinge sagen. Unvermittelt beleidigen. Beleidigt unvermittelt sein. Undsoweiter.

Eines gilt immer und unbedingt: Nehmen, nehmen, nehmen, was man kriegt. Dem Genie steht alles zu, wie sonst nur dem Säugling. Hat man einmal das Prinzip begriffen, läuft das Stück bald von selbst.

Diese Ratschläge sind Wissen aus zweiter Hand, gesammelt bei der beobachtenden Feldforschung im urbanen Milieu. Nun noch ein Rat für die Praxis im Umgang mit dem Genie: schnell weg.

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