Gesundheit : Nikolausmarsch und Hammelsprung

Berliner Studenten entscheiden sich weiterhin für den StreikAuf ihrer Vollversammlung an der Humboldt-Universität diskutierten Studenten am Freitag erstmal lang und breit, wie sie verlorene Scheine retten könnten.Die Furcht, ein Semester an den Nagel hängen zu müssen, so scheint es, dämpft inzwischen bei einigen die Streiklust.So mußten die Studenten schließlich - nach einer erregten Debatte - per Hammelsprung entscheiden, ob gestreikt werden soll oder nicht: 1988 stimmten dafür, 777 dagegen.Die HU-Studenten verabschiedeten außerdem einen Protestkatalog.Darin fordern sie den Senat erneut auf, über den Hochschulvertrag "konstruktiv" nachzuverhandeln und die Unabhängigkeit der Hochschulen zu garantieren.Außerdem lehnten sie die Einführung von Studiengebühren ab und verlangten die Rücknahme der Berliner Verwaltungsgebühr von 100 Mark pro Semester. An der Freien Universität stimmte die Mehrheit der versammelten Studenten für eine unbefristete Forsetzung des Streiks und eine Besetzung von Rost- und Silberlaube.Da jedoch nur 1800 Studenten anwesend waren, also nicht die für die Beschlußfähigkeit erforderlichen fünf Prozent, ist das Abstimmungsergebnis nicht bindend.Nach Ansicht der Streikwilligen finden an der FU immer noch zu viele Lehrveranstaltungen statt.Daher halten sie es für nötig - wie an der Humboldt-Universität - Gebäude zu besetzen. HU-Studenten, die - von dem inzwischen 10 Tage dauernden Streik gegen Bildungsabbau - erschöpft waren, konnten sich ausruhen: In der "Chill Lounge", die die "AG Lust" gleich vor dem Audimax eingerichtet hatte, ließen sich Aktivisten auf Matratzen fallen - bis zu 30 Streikende übernachteten in der Garderobe "und träumten sogar noch von Streikposten", wie eine Studentin erzählte. Unterdessen startete die FU zur Rettung der Hochschule eine "Aktion Institutspatenschaft".In einem offenen Brief appellierte FU-Präsident Johann Wilhelm Gerlach an die Unternehmen, sich an der Aktion zu beteiligen und für mindestens ein Jahr ein Institut ihrer Wahl finanziell zu unterstützen.Damit wäre auf Dauer ein wesentlich höheres Ausbildungsniveau der Studienabgänger und ihre bessere Einsatzfähigkeit in den Unternehmen garantiert. Dennoch beteiligten sich Berliner Studenten an Einzelaktionen.Psychologen zum Beispiel schockten, indem sie mit roter Farbe ihr Institut an der Oranienburger Straße "ausbluten" ließen, Historiker verteilten auf dem Alexanderplatz Luftballons an kleine "zukünftige Studierende" und Theaterwissenschaftler betrieben "Publikumsaufklärung" in Opern und Theatern,Theologen hielten "Streikandachten" im Berliner Dom, mit wohlwollender Unterstützung des Dompersonals. Gestern nachmittag begann am Brandenburger Tor ein bunter "Nikolaus-Umzug" zum Alexanderplatz.Jurastudenten hatten bereits am Vormittag am Joachimstaler Platz in Charlottenburg zu einem Streiksingen eingeladen.An der Fachhochschule für Wirtschaft (FJW) fand anstelle der Vorlesungen eine Podiumsdiskussion mit Professoren und Lehrbeamten statt. Inzwischen haben sich auch vier Berliner Fachhochschulen offiziell mit dem Vorlesungsboykott der Studenten solidarisch erklärt. In Potsdam überreichten Studenten derweil dem Brandenburgischen Ministerpräsident Manfred Stolpe zum Nikolaustag Schuhe mit ihren Wünschen wie "Denkt nicht an Studenten vorbei" und "Laßt uns unsere Professoren".Überdies forderte der Studienrat der Uni Potsdam in einem Schreiben den Rücktritt von Wissenschaftsminister Reiche. In Frankfurt sind bei erneuten Studentenprotesten sind Eier auf das Gebäude der Deutschen Bank und gegen Polizisten geflogen.Tausende Schüler und Studenten in Hessen gingen am Freitag wieder für bessere Bildung und mehr Lehrstellen auf die Straße.In Frankfurt demonstrierten rund 4000 junge Leute, in Gießen waren es 2500, in Kassel 1000 und in Bad Hersfeld 900.Die Polizei griff nicht ein, war aber mit einem massiven Aufgebot im Einsatz.Einige Beamte hatten vorsorglich schußsichere Westen an.Verletzt wurde bei den Protesten aber niemand. Nach Angaben der Frankfurter Streikstelle machten andernorts die Hochschüler ihrem Ärger durch sportliche Aktivitäten wie Marathonläufe Luft.Nach Angaben der Streikpressestelle in Frankfurt am Main treten weiterhin täglich neue Hochschulen den Protestaktionen bei.Neuesten Hochrechnungen zufolge protestierten derzeit zwischen 500 000 und 700 000 Studenten an etwa 100 deutschen Universitäten, hieß es.Eines hat der Streik in jedem Falle bewirkt: einen engeren Kontakt zwischen Studierenden."Die soziale Komponente ist nicht zu übersehen", lächelt Psychologie-Erstsemester Juliane mit Blick auf die ersten Streikpärchen: der "Lucky Streik" wurde so für einige auch zum ganz persönlichen Glück.

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