Gesundheit : Nitrofen: Wie groß ist die Gefahr?

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Von Hartmut Wewetzer

Wie gefährlich ist Nitrofen? Das verbotene Pflanzenschutzmittel, das nun in Öko-Weizen und in Bio-Geflügel gefunden wurde, hat sich in Tierversuchen als krebserregend herausgestellt und soll Missbildungen hervorrufen. „Nitrofen ist eine sehr kritische Substanz“, sagt Irene Lukassowitz, Sprecherin des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz in Berlin. „Für den Verbraucher besteht nur ein kleines Risiko. Aber dieses Restrisiko lässt sich nicht wegdiskutieren.“

Im Vordergrund steht das gut erforschte Risiko von Fehlbildungen. Anlass zur Sorge ist nach Ansicht des Bundesinstituts, dass die gefundenen Nitrofen-Mengen immerhin so hoch sind, dass es keinen einigermaßen beruhigenden „Sicherheitsabstand“ zu jenen Dosen gibt, bei denen sich im Tierversuch Schäden herausstellten.

Beläuft sich dieser Abstand auf das 500- bis 1000-fache, kann die Gefahr eher relativiert werden. Im Falle des Herbizids Nitrofens ist der Unterschied aber längst nicht so groß.

Ein Beispiel: Die höchste gemessene Konzentration im Putenfleisch betrug 0,8 Milligramm Nitrofen pro Kilogramm. Beim einmaligen Verzehr von 300 Gramm Putenfleisch hätte ein 60 Kilogramm schwerer Mensch also etwa 0,004 Milligramm Nitrofen pro Kilogramm seines Körpergewichts aufgenommen.

Bei neugeborenen Ratten sollen Fehlbildungen schon aufgetreten sein, wenn die Muttertiere unter der Schwangerschaft täglich 0,3 Milligramm Nitrofen gefressen hatten (bezogen auf Kilogramm ihres eigenen Körpergewichts). Der Sicherheitsabstand (0,004 Milligramm zu 0,3 Milligramm) beträgt in diesem Fall also weniger als das 100-fache. Das Wissen über Nitrofen beschränkt sich allerdings auf Tierversuche.

„Nitrofen ist für die Wissenschaft inzwischen so etwas wie eine ,Modellsubstanz’, um das Entstehen von Fehlbildungen zu studieren“, sagt der Toxikologe Ralf Stahlmann von der Freien Universität Berlin. „Es ruft Fehlbildungen an Herz, Lunge und Nieren hervor, aber auch Gaumenspalten.“ Beim Menschen sind Fälle aber bisher nicht bekannt geworden. Warum Nitrofen die Entwicklung der Organe durcheinanderbringt, ist noch nicht endgültig geklärt.

Deutlich geringer scheint dagegen das Krebsrisiko zu sein, auch wenn es in der Berichterstattung der Medien dominiert. Bestimmte Stämme von Mäusen erkranken an verschiedenen Formen von Lebertumoren oder an Gefäßtumoren, bei Ratten trat Krebs der Bauchspeicheldrüse auf. Allerdings bekamen die Tiere rund 2000 Milligramm bis 5000 Milligramm Nitrofen pro Kilogramm Futter – eine sehr hohe Dosis –, und das über viele Monate. Solchen extremen Bedingungen waren die Verbraucher durch den „Gift-Weizen“ sicher nicht ausgesetzt.

Irene Lukassowitz vom Bundesinstitut für Verbraucherschutz vermutet, dass es sich bei der Nitrofen-Verschmutzung aller Wahrscheinlichkeit nach um ein einmaliges Ereignis gehandelt hat. „Wir gehen von einem begrenzten Schaden aus.“

Allerdings entsprechen die Studien nicht mehr neuen wissenschaftlichen Maßstäben, wie Rudolf Pfeil vom Bundesinstitut für Verbraucherschutz zu bedenken gibt. So ist nicht ausreichend geklärt, ab welcher Nitrofen-Menge „nach unten“ kein Krebs mehr auftritt. „Wir wissen nicht, welche Dosis ohne krebserregnde Wirkung ist“, erläutert Pfeil. Für heutige Mittel wären entsprechende Tests vorgeschrieben. Falls Nitrofen die Erbsubstanz schädigt (Genotoxizität), dann würde sehr wenig Herbizid genügen, um Tumorwachstum loszutreten.

Nitrofen ist eigentlich ein „Oldtimer“ unter den Herbiziden und wegen seiner Gesundheitsrisiken im Pflanzenschutz längst obsolet. Es wurde 1964 von dem amerikanischen Hersteller Rohm und Haas auf den Markt gebracht und hauptsächlich bei Winterweizen nach dem Einbringen der Saat eingesetzt („Vorlaufverfahren“). Es sollte dann das keimende Unkraut vernichten und so dem Weizen freie Bahn verschaffen.

Unter Lichteinfluss zerfällt Nitrofen ziemlich schnell, so dass die Substanz bei der Getreideernte „praktisch nicht mehr nachzuweisen“ war und „Rückstände keine Rolle spielen“, wie Wohlert Wohlers berichtet, Sprecher der Biologischen Bundesanstalt.

Aufgrund der alarmierenden Tierversuche nahm Rohm und Haas 1980 Nitrofen vom Markt. Seit diesem Jahr ist es in der Bundesrepublik verboten, seit 1988 in der gesamten EU und seit 1990 in den neuen Ländern. Die Quelle für den aktuellen Nitrofen-Zwischenfall könnten also entweder alte Bestände sein oder aber osteuropäische Länder. So soll Nitrofen in Polen noch eingesetzt werden. Weil das Mittel seit fast 20 Jahren in der Bundesrepublik nicht mehr gespritzt wird, testen die Behörden Lebensmittelproben nur noch sporadisch auf Nitrofen.

Wie aber lässt sich die vergleichsweise hohe Schadstoffdosis im Geflügel erklären? Darüber können die Experten bisher kaum mehr als Vermutungen anstellen. „Es ist hoffentlich ein einmaliges Versehen gewesen“, vermutet die Verbraucherinstituts-Sprecherin Lukassowitz. „Wer das getan hat, muss ein Idiot sein“, schimpft Wohlert Wohlers von der Biologischen Bundesanstalt. Von einem Anschlag wollen die Experten lieber nicht ausgehen.

Mehr im Internet unter:

www.bgvv.de

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