Gesundheit : Nobelpreis-Schmiede wird 100: Chemiker der Berliner Universität zogen 1900 in den Neubau

Gideon Heimann

Eigentlich feiert man ja erst nach dem Umzug, aber die Chemiker der Humboldt-Universität werden erst im nächsten Jahr nach Adlershof ziehen. Da bietet doch ein 100. Jahrestag einen guten Anlass für eine Feier. Also: am 14. Juli 1900 (genau vor 100 Jahren minus einem Monat) wurden die Chemie-Laboratorien an der Hessischen Straße 1 eröffnet. Zum Gedenken an diesen Tag findet am heutigen Mittwoch im Emil-Fischer-Saal eine Feierstunde statt, in der nicht nur der Vergangenheit gedacht, sondern auch die Zukunft in Adlershof dargestellt wird.

Um die Jahrhundertwende herrschte zwar die die Wilhelminische Großmannssucht, gegen die es sehr viel einzuwenden gibt, gerade wenn man an die schlimmen Folgen denkt. Aber für die Wissenschaften war es eine Zeit der starken staatlichen Förderung. Davon profitierten nicht nur der Schiffbau und die Metallurgie, sondern auch jene, die für neue Techniken und Anwendungen erst die Grundlage schufen (und heute noch schaffen), darunter eben die Chemie.

Gerade die Organische Chemie hatte in den vorangegangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Es galt Naturstoffe zu ersetzen, die in den industriellen Zeiten mengenmäßig nicht mehr ausreichten. Andererseits mussten Reste verwertet werden. Ein (hier vereinfacht dargestellter) Weg begann etwa mit der Steinkohleverkokung. Da waren unter anderem die Phenole übrig geblieben, über diese wurden synthetische Farben entwickelt und aus diesen wiederum kamen die Wissenschaftler (über das Färben von Gewebsschnitten) zu Arzneimitteln.

In der Georgenstraße begonnen

An der Berliner Universität begann die Geschichte der Chemie mit der Berufung von August Wilhelm Hofmann, 1869 wurde das Institut in der Georgenstraße eröffnet. Dies reichte jedoch bald nicht mehr aus, Räume in der Bunsenstraße kamen hinzu, dann, 1897, begann der Neubau an der Hessischen Straße. Zu Hofmanns Nachfolger wurde 1892 Emil Fischer berufen, der sich bereits mit seiner Forschung an Zucker, Eiweißen und Fetten einen Namen gemacht hatte.

Seine Arbeit führte hin bis zu den Purinen, darunter Adenin und Guanin, zwei jener vier Moleküle, aus denen die Gene zusammengesetzt sind. Fischer erhielt 1902 den Nobelpreis für Chemie, er wird sogar als Begründer der Biochemie angesehen. Aus seiner strengen, nüchternen und kritischen Schule ging eine ganze Reihe von Nobelpreisträgern hervor, Adolf Windaus (Forschung u.a.: Cholesterin und Vitamine, Nobelpreis 1928), Otto Warburg (Atmungsenzyme, Atmungskette, Stoffwechsel der Tumoren, Photosynthese, Nobelpreis 1931), Hans Fischer (Bilirubin/Gallenfarbstoffe, Chlorophyll, Nobelpreis 1930) und Otto Diels (Kohlenwasserstoffe, 1928 Entdeckung der Synthese von Ringverbindungen mit zwei Doppelbindungen: Diene, Nobelpreis 1950).

Weltruf auch ohne Preis

Weltruf erlangten aber auch jene Berliner Forscher, denen der Nobelpreis nicht vergönnt war, etwa Emil Abderhalden (Physiologische Chemie, Ernährungsforschung), Franz Fischer (Mitentwicklung des Fischer-Tropsch-Verfahrens zur Benzinsynthese) oder Karl Freudenberg (Pflanzenbestandteile: Tannine, Cellulose, Lignin), Wilhelm Traube (Stickstoffverbindungen, Komplexsalze).

Aber auch unter den "Anorganikern" findet man herausragende Namen, etwa Otto Hahn, der (von 1906 bis 1913) hier gemeinsam mit der Physikerin Lise Meitner Experimente mit radioaktiven Isotopen vornahm und 1944 den Nobelpreis erhielt. Friedrich Adolf Paneth befasste sich mit Edelgasen, Erich Tiede mit der Chemie der Leuchtstoffe.

Nazizeit und Krieg würgten diese Entwicklung ab - danach galt es zunächst, Trümmer zu beseitigen. Erich Thilo, der sich zum Beispiel mit seinen Silicat-Forschungen einen internationalen Ruf erarbeitet hatte, wurde zum Institutsleiter bestellt. 1952/53 war der Wiederaufbau in großen Zügen abgeschlossen, Thilo schuf zwei gleichberechtigte Lehrstühle jeweils für Organik und Anorganik. Wieder gab es einen Aderlass an Mitarbeitern, wieder aus politischen Gründen. Aber in den 60er und den Folgejahren gelang es, etwa die Syntheseforschung an phosphor- und siliciumorganischen Verbindungen voranzutreiben, aber auch Syntheseverfahren für Pharmakologie und Photochemie.

Und die Zukunft, angesichts dreier Unis und dreier Chemie-Institute in Berlin? Die HU-Chemiker wollen sich vorrangig auf die Analytische und die Umweltchemie konzentrieren. Schon wegen der Synergie-Effekte in Zusammenarbeit mit den neuen Nachbarn in Adlershof, mit Bessy II und der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, war dies eine sicher Früchte tragende Entscheidung - wenn erst einmal der Umzug gelaufen ist.

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