Gesundheit : Nobelpreise: Höchstpreise

Thomas de Padova

Als vor 100 Jahren in Schweden zum ersten Mal die Nobelpreise verliehen wurden, saß Guglielmo Marconi weit im Abseits: in Neufundland. Er hatte seine Kopfhörer aufgesetzt und wollte ein paar Radiosignale empfangen, die von England her über den Atlantik kamen. 3600 Kilometer weit. Zur damaligen Zeit war das Radio etwas ganz und gar Unerhörtes. Die Gesetze der Physik - und von ihnen sprachen alle berühmten Forscher jener Epoche - besagten unzweifelhaft, dass sich einmal ausgesandte Radiowellen spätestens nach 300 Kilometern im Raum verlieren würden. Sie konnten der Krümmung der Erde nicht folgen und daher niemals den Atlantik passieren. Trotzdem erreichten den italienischen Funktechniker die verabredeten Signale aus England. Die Erdatmosphäre stand dem Tüchtigen bei und warf die Radiowellen wie ein Spiegel zum Boden zurück.

Genau acht Jahre später bekam Guglielmo Marconi eine Einladung nach Schweden. Dort nahm man den Querdenker in die Galerie jener Forscher auf, die "der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben". Spätestens jetzt, als Nobelpreisträger, genoss Marconi in der Öffentlichkeit sowie in Wissenschaftlerkreisen jene Autorität, die vorab allein seinen Kritikern zugesprochen worden war.

Auch heute, in seinem Jubiläumsjahr, gilt der von dem Dynamitfabrikanten Alfred Nobel gestiftete Preis als höchste Auszeichnung, die ein Forscher erhalten kann. In dieser Woche geben die Schwedische Akademie der Wissenschaften, das Karolinische Institut und das Norwegische Nobelkomitee wieder einmal die Entscheidungen bekannt. Die Medizinpreisträger erfahren bereits am heutigen Montag von ihrem Glück.

Es sind die schönsten, es sind die schlimmsten Stunden des Forscherjahres. Die Trauben hängen hoch, nur wenigen sind sie zugedacht. Unter Hunderten von Nominierten wählen sechs Nobel-Komitees die Kandidaten in den Sparten Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Frieden und seit 1969 auch in den Wirtschaftswissenschaften aus. Sie holen das Votum von tausend Fachleuten aus dem In- und Ausland ein, erstellen Gutachten, beraten in geheimen Sitzungen.

Wie schwierig es ist, die Kreativität der Forscher und die Bedeutung ihrer Erkenntnisse zu beurteilen, zeigen einige Fehlentscheidungen aus den ersten Nobelpreis-Dekaden. So hat sich eine Therapie der Hauttuberkulose mit Hilfe von Lichtstrahlen, für die Niels Ryberg Finsen 1903 geehrt wurde, nicht als Segen für die betroffenen Patienten erwiesen. Auch der Nobelpreis des dänischen Pathologen Johannes Andreas Fibinger 1926, der meinte nachgewiesen zu haben, ein Wurm könne Krebs auslösen, erscheint im Nachhinein fragwürdig.

Die Nobel-Komitees sind mit den Jahren vorsichtiger geworden. Das drückt sich etwa im Durchschnittsalter der Nobelpreisträger aus. Es liegt nunmehr bei 63 Jahren. In diesem Alter haben viele Forscher ihre bahnbrechenden Arbeiten längst abgeschlossen. Die amerikanische Biochemikerin Barbara McClintock erhielt den Medizin-Nobelpreis mit 81 Jahren, 40 Jahre nach ihrer Entdeckung der "springenden Gene" des Mais. Der Pathologe Francis Peyton Rous, der Entdecker krebsauslösender Viren, wartete gar mehr als 50 Jahre auf die Trophäe. Wie Barbara McClintock gehört auch er zu jenen Wissenschaftlern, die lange Zeit um ihre Anerkennung kämpfen mussten.

Abweichler vom Schlage Marconis, der die Wissenschaft mit Antenne und Empfänger überraschend und für jeden hörbar voranbrachte, sind eher die Ausnahme. Aber auch in seinem Falle reihte sich über Jahre hinweg ein kleiner Erkenntnisfortschritt an den nächsten. Erst Hartnäckigkeit und Geschick verdichteten sich zu der gewagten Hypothese, die Radiowellen könnten um den halben Globus laufen. Inzwischen umschiffen die Experten die Klippen der Forschung zunehmend gemeinsam.

Während in der Physik in den Anfangsjahren in der Regel Einzelpersonen ausgezeichnet wurden, sind es jetzt vielfach Teams aus zwei oder drei Forschern. Sie kommen meist von Universitäten, mittlerweile aber auch häufiger von den zahlreichen Großforschungszentren oder aus der Industrie. Die Übermacht der amerikanischen Spitzenforschung mit 71 Nobelpreisträgern gegenüber 21 aus Deutschland und 20 aus Großbritannien ist dabei in der Physik fast ebenso deutlich wie in der Medizin. Lediglich die Liste der Literatur- und der Friedensnobelpreisträger vermittelt ein ausgewogeneres Bild.

Einige der Auserwählten, die sich in diesem Jahr über die begehrte Medaille und die in jeder Disziplin vorgesehenen 2,1 Millionen Mark Preisgeld freuen können, dürften sicherlich schon mitgekriegt haben, dass sie gut im Rennen liegen. Doch wie immer wird erst der offizielle Anruf aus Stockholm die endgültige Entscheidung verraten.

Beglücken wird sie nur wenige, denn bei den Gelehrten handelt es sich seit Wilhelm von Humboldts Zeiten um "die unbändigste und am schwersten zu befriedigende Menschenklasse - mit ihren ewig sich durchkreuzenden Interessen, ihrer Eifersucht, ihrem Neid, ihrer Lust zu regieren, ihren einseitigen Ansichten". Insbesondere "das System Universität scheint geradezu auf endemischem Neid zu basieren", schreibt der Sprachforscher Jürgen Trabant in der Zeitschrift "Gegenworte" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Im nächsten Heft antwortete die deutsche Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard aus der Warte einer Beneideten: "Nicht einmal ist mir von meinen Kollegen zu irgendetwas gratuliert worden. Als dann der Preis kam, war das für manche, als habe eine Bombe direkt neben ihnen eingeschlagen, und sie sind heut noch nicht drüber weg. Die Rache war, mich mit Ämtern und Verwaltung vollständig zuzumüllen", schreibt Nüsslein-Volhard. "Na ja, jedenfalls gab es in den letzten paar Jahren Zeiten, in denen ich meine eher mittelmäßigen Kollegen um ihre Unauffälligkeit und Normalität von Herzen beneidete."

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