Gesundheit : Noch mehr Strahlkraft

Wie Jutta Allmendinger das Wissenschaftszentrum Berlin verändern will

Anja Kühne

„Weiblicher“ soll das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) werden, mehr ausländische Wissenschaftler soll es anziehen und seine Nachwuchsförderung soll es „stringenter“ gestalten – so will es die neue Präsidentin von Europas größtem sozialwissenschaftlichen Institut, Jutta Allmendinger. Am Dienstag trat die 50-jährige Soziologin gemeinsam mit ihrem Vorgänger Jürgen Kocka zur Übergabe des Staffelstabs vor die Presse.

Einen fertigen Fahrplan für die nächsten sechs Jahre ihrer Amtszeit wollte Allmendinger dabei aber noch nicht vorlegen. Erst wenn ihre Gedanken über die zukünftige Strategie des WZB im Haus diskutiert wurden, werde sie Details bekannt geben.

Einige Linien zeichnen sich gleichwohl schon jetzt ab. Allmendinger will das 1969 gegründete Institut nicht „von oben“ führen, sondern gemeinsam mit den 140 hier forschenden Wissenschaftlern, zumal mit den traditionell starken Direktoren. Weniger hierarchisch wünscht sie sich auch das Verhältnis zum wissenschaftlichen Nachwuchs, was „konflikthafte“ Debatten aber nicht ausschließe. Etwa 40 Nachwuchswissenschaftler sind am WZB tätig. Allmendinger, die vorher das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg geleitet hat, will an der von ihrem Vorgänger erreichten größeren Sichtbarkeit des WZB weiter arbeiten, denn noch werde sie häufig gefragt: „Was ist das WZB?“ International ausstrahlen soll das Zentrum aber nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten. Von dort wünscht sie sich auch mehr Forscher.

Allmendinger übernimmt von Kocka „eine Institution in rascher Bewegung: intellektuell, thematisch und personell“, wie der bereits Ende vergangenen Jahres aus dem Amt geschiedene Historiker sagte. Die Sozialwissenschaften befänden sich inmitten eines Wandels, neue globale Herausforderungen hätten die Problemlagen verschoben. Das WZB selbst hat in den sechs Jahren der Amtszeit Kockas sein Profil verändert. Von den 2001 existierenden zehn Abteilungen ist nur noch eine übrig geblieben, die anderen wurden aufgelöst oder stark verändert und mit neuen Leitern fortgesetzt. Die jetzigen Schwerpunkte des Instituts liegen in den Bereichen „Zivilgesellschaft, Konflikte und Demokratie“, „Gesellschaft und wirtschaftliche Dynamik“, „Märkte und Politik“ sowie „Arbeit, Sozialstruktur und Sozialstaat“.

Kocka, der dem WZB in den nächsten drei Jahren als Forschungsprofessor für historische Sozialwissenschaften weiter zur Verfügung stehen wird, nimmt für sich in Anspruch, das WZB „intellektueller, sprechbereiter, deutungsstärker“ gemacht zu haben. Er hat die Rechts- und die Geschichtswissenschaften in das Institut geholt, um „etwas vom Zusammenhang der alten Staatswissenschaften wiederzugewinnen“. Und damit das WZB mehr ist als die Summe seiner Teile, hat Kocka zum Beispiel abteilungsübergreifende Forschungsprofessuren eingerichtet.

Allmendinger erwartet vom WZB nun, „dass es neue Themen früher als andere definiert“, also gesellschaftliche Probleme frühzeitig erkennt und so eine „Vorlauffunktion“ der Forschung wahrnimmt. Schließlich sei das Zentrum „multidisziplinär“ angelegt, das erlaube einen „breiteren Blick“ auf die Dinge. Etwa auf die Umbrüche in der Wissenschaftspolitik, in der sich gerade „unendlich viel verändert“, wie Allmendinger sagte. Jedoch fehle eine systematische Forschung über intendierte und nicht intendierte Effekte dieses Wandels. Das WZB soll sich dabei auch am erst in der Planungsphase steckenden großen nationalen Bildungspanel beteiligen.

Wenn das von Bund und Land finanzierte WZB auch gesellschaftliche Probleme angehen und in der Politikberatung wirken will: eine Wende hin zu mehr bezahlter Auftragsforschung zulasten der im WZB gepflegten „problemorientierten Grundlagenforschung“ schwebt Allmendinger nicht vor: „Die Themensetzung sollte vom WZB kommen, nicht umgekehrt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar