Gesundheit : Noch überwiegt Ablehnung beim Verbraucher - Deutschland ist die genfoodfreie Zone in der EU

Heiko Schwarzburger

Mit Wut im Bauch habe er gesehen, "wie sich am Rhein das Genfood bereits in riesigen Hallen stapelt", wetterte Karl-Heinz Florenz, Geschäftsführer der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, über die Importe gentechnisch veränderter Lebensmittel aus Amerika. Wenn sich in Kürze die Vertreter der EU und der Welthandelsorganisation in Seattle treffen, werde es vor allem um Tonnagen, Importlimits und Zölle für diese Gruppe der Nahrungsmittel gehen. Der baden-württembergische Landwirt und Gentechnik-Kritiker sprach auf dem diesjährigen Berliner Novartis-Forum. Das Forum des Pharma- und Saatgutherstellers widmete sich der "grünen" Pflanzen-Gentechnik. Florenz prophezeite bei dieser Gelegenheit schwierige Zeiten für die europäischen Bauern und Verbraucher.

Doch die Verbraucher, namentlich die deutschen, haben ihre Barrikaden schon errichtet. Auf Grund von Protesten kündigten die acht größten deutschen Handelsketten kürzlich an, gentechnisch veränderte Lebensmittel aus ihren Regalen zu nehmen. Innerhalb der EU gilt Deutschland damit als "genfoodfreie Zone". Brüssel hat dieser Abstimmung mit dem Geldbeutel zwar entsprochen und beschlossen, die entsprechende Lebensmittel zu kennzeichnen.

Die Verhandlungen darüber, welche veränderten Gene ab welchem Grenzwert auf den Etiketten auszuweisen sind, stecken jedoch fest. Karl-Heinz Florenz, der zugleich Vorsitzender des zuständigen EU-Parlamentsausschusses ist, bekannte: "Wir haben mehr Fragen als Antworten. Auch wird der Streit mit den Amerikanern um die in den USA bereits breit eingesetzte Gentechnik nicht allein durch die Etikettierung zu entschärfen sein.

Philip Freiherr von dem Bussche, der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, sieht den "Angriff" der Amerikaner gelassener. Für ihn "macht die Biotechnologie mehr Umweltschutz und Natur möglich". Darin könnte die Gentechnik einen ähnlich wirksamen Beitrag leisten wie in der Medizin, "wo sie heute bereits uneingeschränkt akzeptiert wird". Er forderte die Lebensmittelhersteller auf, den Nutzen von genetischen Veränderungen für die biologische Vielfalt und die nachhaltige Landwirtschaft stärker heraus zu stellen.

"Wer nur damit wirbt, dass resistente Pflanzen durch Genveränderungen auch dann überleben, wenn um sie herum alles andere totgespritzt wurde, zeichnet ein falsches Bild von der Landwirtschaft", kritisierte er. "Diese Argumentation widerspricht dem Naturschutz und verunsichert die Verbraucher." Tatsächlich seien durch genetisch verändertes Saatgut in den letzten Jahren immer weniger Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger notwendig geworden.

Nach von dem Bussches Auffassung hat die Ablehnung der Gentechnik in Deutschland ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Er verwies auf die Diskussion zur Kernkraft. "Die Betreiber der Kraftwerke haben die Debatte um die ethisch-moralischen Grenzen dieser Technik nicht ausreichend offensiv geführt, deshalb diskutieren wir jetzt nur noch ihre Risiken." Mittelfristig sei Gentechnik in der Landwirtschaft jedoch ein Mittel, um die Angebotspalette erheblich zu verbreitern. "Warum sollen nicht Ökoprodukte und regionale Spezialitäten neben funktionalen Lebensmitteln in den Regalen stehen?" fragte er. "Die moderne Gentechnik ist durchaus in der Lage, spezielle Nahrungsmittel zur Förderung der Gesundheit zu entwickeln. In der dritten Welt könnten Erblindungen durch Vitamin-A-Mangel der Vergangenheit angehören."

Durch den Einsatz neuer, Dürre aushaltender Getreidesorten könne sich Indien heute selbst versorgen, obwohl sich seine Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten vervierfachte. Um die Gräben zu den Verbrauchern zu schließen, empfahl der Landwirtschaftsexperte den Unternehmen, sich freiwillig einem Ehrenkodex zu unterwerfen und ihre Forschungen streng am moralisch-ethischen Konsens mit der Gesellschaft zu orientieren. Auch mit seinen eigenen Leuten ging er hart ins Gericht: "Die Bauern müssen in Zukunft mehr Verantwortung für die Natur und die Artenvielfalt übernehmen", forderte er. "Das machtvoll demonstrierte Selbstmitleid vieler meiner Kollegen ist keine zukunftsorientierte Kommunikation."

Maritta Koch-Weser von der Internationalen Vereinigung zum Schutz der Natur sah die Menschheit mitten in einem Ausrottungsfeldzug gegen andere Arten. "Die Biotechnologie gibt uns eine Chance, unsere Ressourcen nachhaltig zu schützen", sagte sie, warnte aber sogleich vor der Ausbreitung neuer Organismen hinweg.

Sie forderte einen internationalen Gerichtshof für Umweltfragen ähnlich dem Tribunal für Menschenrechte. "Falls ein Konsens fehl schlägt, könnte dieses Gremium strittige Fragen der Gentechnik entscheiden." Dieter Wißler, Präsident von Novartis Deutschland, unterstützte diese Idee: "Damit ließen sich die brennenden Fragen zwischen den verschiedenen Interessensverbänden im Umweltsektor verbindlich lösen", sagte er. "Die Debatten würden sich dann nicht länger im Kreis drehen."

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