Gesundheit : „Nofretete bleibt“

Die Leiterin des Ägyptischen Museums in Kairo widerruft den Anspruch auf die Büste der Königin – und hat Aussicht auf ein anderes Berliner Stück

Michael Zajonz

Nein, wegen Nofretete sei sie nicht hier. Dabei hatte Wafaa El Saddik, Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo, bereits kurz nach ihrem Amtsantritt im Februar 2004 für entsprechende Schlagzeilen gesorgt: In einem Interview erklärte sie, dass die 1912 von deutschen Archäologen entdeckte Büste der Königin illegal aus Ägypten ausgeführt worden sei. Die ägyptische Antikenverwaltung leitet daraus seit Jahren die Forderung ab, Nofretete in ihr Ursprungsland zurückzuholen.

Bei ihrem Berlin-Besuch vor wenigen Tagen tippte die 55-jährige Archäologin und Ägyptologin das heikle Thema charmant an. Natürlich verkörpere Nofretete für ihre Landsleute „die Ägypterin“. „Die Leute auf der Straße möchten sie zurückhaben. Wir wissen natürlich, dass sie nicht zurückkehren wird. Aber es wäre schön, wenn wir Nofretete für eine Ausstellung in Kairo haben könnten“, erklärt sie im Gespräch – und bekräftigt es beim öffentlichen Abendvortrag vor Dietrich Wildung, ihrem Berliner Amtskollegen. Das Publikum applaudiert.

Nach Berlin gekommen ist El Saddik wegen einer Ausstellung. Gemeinsam mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird ihr Museum in Kairo ab Ende Oktober das Lebenswerk von Richard Lepsius vorstellen. Lepsius gehört, neben dem Entzifferer der Hieroglyphen Jean- François Champollion, zu den ersten Europäern, die Geschichte und Kultur Altägyptens erforscht haben. 1842 brach der spätere Direktor des Berliner Ägyptischen Museums zu einer mehrjährigen Nil-Expedition auf, deren Resultate ihn zum Mitbegründer einer neuen Wissenschaft machen sollten: der Ägyptologie.

Lepsius’ Standardwerk „Denkmäler aus Ägypten und Äthiopien“ begleitete El Saddik während des Studiums. Promoviert wurde sie 1983 in Wien, danach lebte sie jahrelang in Köln. Keine gradlinige Karriere: Sie nahm an Grabungen teil, gründete einen Verein, der die museumspädagogische Arbeit mit Kindern in Deutschland und Ägypten organisiert, übersetzte Kinderbücher ins Arabische – und widmete sich ihrer Familie. Ihr ägyptischer Ehemann betrieb in Köln eine Apotheke. Nun ist er mit seiner Frau zurückgekehrt.

Mit Wafaa El Saddik leitet erstmals eine Frau die weltweit größte Sammlung ägyptischer Altertümer. Nach Kairo zurückgeholt hat sie Zahi Hawass, der mächtige Generalsekretär der staatlichen Antikenverwaltung. Ein mutiger Schritt, die ägyptische Museumslandschaft ist in Bewegung geraten: Landesweit entstehen Zweigmuseen, die das Kairoer Stammhaus mit Depotbeständen ausstattet. In Sichtweite der Pyramiden wird ein neues Zentral-Museum errichtet, an das Meisterwerke wie der weltberühmte Schatz des Tutanchamun abgegeben werden sollen. Doch Wafaa El Saddik kämpft entschlossen um ihre Glanzstücke.

Einer ihrer ersten Erfolge: Die Ägypter haben das ehrwürdige Museum, das endlich renoviert wird, wiederentdeckt: El Saddik konnte den Anteil einheimischer Besucher von zwei auf über 20 Prozent steigern. Darunter sind viele Kinder, die von in Deutschland ausgebildeten Museumspädagogen betreut werden.

Und dann geht es doch um Nofretete. Im Garten des Kairoer Museums verwittert seit Jahren der steinerne Prunksarkophag des Königs Echnaton. Oder besser das, was davon übrig geblieben ist: Die Nachfolger des Ketzerkönigs ließen ihn in der Grabkammer zerschlagen.

Ein besonders schönes Fragment mit der Darstellung der Königin Nofretete wird in Berlin aufbewahrt. Wafaa El Saddik bat wieder einmal um seine Rückgabe, sie will den Sarg restaurieren lassen und nach Amarna zurückgeben. Und das Wunder geschieht: Dietrich Wildung sagt nichts zu – und verspricht doch alles. Vielleicht könne die Stiftung Preußischer Kulturbesitz schon in wenigen Monaten abschließend über die Rückgabe des Fragments entscheiden. Sie wäre, so der Berliner Ägyptologe, „ein schönes Zeichen einer zeitgemäßen internationalen Kulturpolitik.“ Wafaa El Saddik strahlt über das ganze Gesicht.

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