Gesundheit : Nostalgische Beißhemmung

Berlin braucht eine Medizinische Uni – doch es mangelt an Mut/Von George Turner

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Die Konsequenz aus dem Gutachten zur Hochschulmedizin in Berlin wäre die Herabstufung des Klinikums Rudolf Virchow zu einem normalen Krankenhaus. Mit einem solchen – unerwarteten – Vorschlag ist es den Experten gelungen, alle Bereiche der universitären Medizin zu beschädigen.

Doch die Axt angesetzt hat die rotrote Koalition mit der Vereinbarung, die Medizinische Fakultät der Freien Universität zu schließen. An diesem Beschluss war neben der sachlichen Problematik vor allem die Vorgehensweise empörend: Um ein vorgegebenes Sparziel (98 Millionen Euro) zu erreichen, sollte das Klinikum in Steglitz daran glauben. Es hätte auch genauso jeden anderen Standort oder eine andere Universitätseinrichtung treffen können. Unabhängig davon, ob das Klinikum Franklin noch einmal mit einem blauen Auge davonkommt, ist bereits eine Beschädigung durch die Verunsicherung der Beschäftigten, von Drittmittelgebern und neu zu berufenden Professoren eingetreten.

Der geharnischte Protest gebar die Expertenrunde und ein Ergebnis, das für das Virchow-Klinikum den gleichen Effekt erbringt wie zuvor für das Klinikum Franklin. Wer wird denn seine eigene Karriere oder Geld in das Klinikum investieren, wenn dessen „Downgrading“ bevorsteht. Im Übrigen fragt man sich, was Empfehlungen des Wissenschaftsrats wert sind. Der Wissenschaftsrat hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Virchow-Klinikum so konzipiert und in den letzten fünfzehn Jahren so gestaltet wurde, wie es sich jetzt darstellt, nämlich als eines der modernsten Universitätsklinika in Europa. Dabei sind die Standorte Mitte und Wedding insofern als Einheit zu sehen, als sie sich ergänzen sollen: Wedding mit dem Schwerpunkt der klinischen Forschung, Mitte mit überwiegend „theoretischen“ Fächern. Ihre Forschungsleistung muss zusammen gesehen und bewertet werden. Andernfalls vergleicht man Äpfel mit Birnen.

Aber auch der Standort Mitte leidet. Dort müssen erhebliche Investitionen vorgenommen werden, wenn tatsächlich aus dem Klinikum Franklin und der Charité, Standort Mitte, eine konkurrenzfähige Fakultät entstehen soll. Bei der Diskussion, die jetzt bevorsteht, mit eventuellen rechtlichen Auseinandersetzungen, werden entsprechende Ausgaben erst einmal nicht getätigt werden.

Wie stellt man sich im Übrigen eine Fakultät vor, an der zwei Universitäten beteiligt sind? Mit überflüssigem Verwaltungsaufwand hat man ja in Berlin Erfahrung. Dieses Model ist dann aber wirklich „Spitze“.

Wenn man an eine bessere Koordination innerhalb der Medizin denkt, hätte man einen Schritt weiter gehen, nämlich alle medizinischen Bereiche in einer Medizinischen Universität zusammenfassen sollen. An dem Mut hat es Mitte der neunziger Jahre gefehlt, als man das Virchow-Klinikum von der Freien zur Humboldt-Universität verlagerte. Heute sind die Einwände gegen eine solche Lösung gestiegen. Man fürchtet für einen solchen Fall noch gravierendere finanzielle Einschnitte durch pauschale Kürzungen.

Aber kann es eigentlich noch schlimmer kommen? Die Sparvorgabe der Koalitionsregierung mutet zufällig und willkürlich an. Letztlich ist das bei politischen Vorgaben nie zu vermeiden. Ist es dann nicht besser, die Betroffenen haben die Gelegenheit, in einem sicher sehr schmerzhaften und Wunden hinterlassenden Prozess selbst zu entscheiden, worauf verzichtet werden muss?

Es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie eine Lösung aussehen könnte, wenn die Medizin auf sich gestellt – also als organisatorische Einheit – genötigt wäre, die Sparauflage zu erfüllen. Die Standorte Steglitz und Wedding würden als Uniklinika erhalten. Auf den Standort Mitte würde die Vorklinik konzentriert, vor allem würden keine Investitionen mehr in das Hochhaus vorgenommen werden. Damit könnte auch erreicht werden, dass die Zahl der Betten im Universitätsbereich abgebaut wird. Das Problem der Überkapazität auf diesem Gebiet ist ja ebenfalls nicht gelöst.

Eine solche Entscheidung könnte selbstverständlich auch die Politik treffen (und hätte sie an Stelle des Beschlusses zum Nachteil des UKBF treffen können). Aber da herrscht eine nostalgische Beißhemmung, weil die Charité an ihrer historischen Wurzel berührt wäre. Soviel historische Rücksicht kennt man sonst von der aktuellen Berliner Politik nicht. Sollte da eine Rolle spielen, dass die PDS in jenem bezirklichen Bereich ein bestimmtes Wählerpotential hat?

Der Verfasser war von 1986 bis 1989 parteiloser Wissenschaftssenator in Berlin.

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