Gesundheit : Nothilfe für Sitzenbleiber

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Von Bärbel Schubert

Schulpolitische Diskussionen haben Konjunktur. Das überrascht nicht angesichts der bedenklichen Befunde bei der Pisa-Untersuchung des deutschen Schulsystems. Jeden Tag drei Mal nehme sie zurzeit an einer Pisa-Diskussion teil, berichtete Baden-Württembergs Schulministerin Annette Schavan (CDU) in einer sehr harmonischen Debatte mit der schlagfertigen, schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) am Mittwochabend in Berlin. Auch Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) konnte sich mit dem früheren Berliner Wissenschafts-Senator George Turner bei einem „Zeit“-Forum“ am selben Tag leicht darauf verständigen, dass bei der Schulreform auch „heilige Kühe geschlachtet“ werden müssen.

Mehr Verantwortung für die Eltern

Doch was die Politiker unterschiedlicher Parteien in diesen Diskussionen zur Verbesserung des deutschen Schulsystems vorschlagen, überzeugt ihr Publikum wenig. Dabei sind die meisten Vorschläge an sich sehr nützlich: So will Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) die Eltern für die Schulleistungen ihrer Kinder stärker in die Verantwortung nehmen. Nur 15 Prozent der befragten Schüler haben bei Pisa angegeben, dass ihre Eltern sich beispielsweise dafür interessieren, was ihre Kinder lesen. Angesichts der relativ schwachen Lesefertigkeiten der 15-Jährigen offensichtlich nicht ausreichend. Auch andere Befunde hat man vor Pisa so nicht gekannt. Sie schäme sich für die hohe „Sitzenbleiber-Quote“ in ihrem Land, deren pädagogischer Nutzen sehr zweifelhaft sei, sagte Simonis. Die Finnen beispielsweise lehnten das Wiederholen von Klassen ab, weil es „das Kind kränkt“ – das Gegenteil einer Motivation.

Ihre ersten drei Vorhaben zur Verbesserung der Schulen konnten beide Politikerinnen ganz konkret benennen: Schavan will jede dritte freie Lehrerstelle von den Schulen selbst besetzen lassen. Das Schulsystem soll künftig durch einheitliche Standards und anschließende Leistungskontrolle besteuert werden statt durch umfangreiche Lehrpläne – „Wer kein Kerncurriculum mehr will, bekommt auch das genehmigt.“ – und frühe Sprachförderung soll mehr Kinder erreíchen, um Defizite besser zu beheben als bisher.

Trotz ihrer sonstigen politischen Distanz voneinander unterscheiden sich die Vorhaben von Schavan und Simonis kaum: Simonis möchte die Schulen künftig selbst über ihre Budgets entscheiden lassen, Schulprofile einfordern und die Schulen über einen Leistungskatalog plus Controlling steuern statt über Detailvorgaben. Auch über mehr frühe Sprachförderung sind sich alle einig. Eine große Koalition für die Bildung?

Doch zu den drängenden Problemen, die Pisa aufgezeigt hat, gehört auch, dass in Deutschland fast jedem vierten Jugendlichen eine berufliche Perspektive durch seine Lesedefizite versperrt ist.

Wie man den leistungsschwachen Jugendlichen helfen kann, die in den kommenden ein bis zwei Jahren die Schule verlassen, spielt indes bei den Diskussionen bisher keine Rolle. Für solche „Nothilfen“ brachte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, einen Vorschlag mit: Für den zusätzlichen Unterricht dieser lernschwachen Schüler sollten Frühpensionäre gewonnen werden. Sie könnten mit ihrer Hilfe den Schülern doch noch einen Abschluss ermöglichen. Andernfalls ist absehbar, dass sie auf dem angespannten Lehrstellenmarkt keine Chance haben werden. Gleichzeitig werden den Betrieben Auszubildende fehlen, besonders wenn in den nächsten Jahren immer weniger Jugendliche die Schulen verlassen werden. Damit sprach Braun eine zentrale Herausforderung für die deutsche Bildungspolitik der nächsten Jahrzehnte an: Immer mehr Jugendliche erheblich besser auszubilden als das bisher geschieht. Nach Pisa läuft das auf eine doppelte Herausforderung für alle, die mit Schule zu tun haben, heraus.

Neue Kürzungen drohen

Dazu hat es aus der Bildungspolitik in den vergangenen Monaten noch keinerlei Ideen oder gar Initiative gegeben. Vielmehr schwebt über allen Diskussionen noch immer das Damoklesschwert weiterer Kürzungen. Die Ankündigung der Finanzminister, den anstehenden Schülerrückgang für Kürzungen zu nutzen, ist auch von der letzten Ministerpräsidentenkonferenz nicht zurückgenommen, sondern kommentarlos durchgewunken worden. International dagegen hat sich längst die Überzeugung durchgesetzt, dass Bevölkerungsentwicklung und Investitionen in Bildung nicht gekoppelt sein sollen, wie bei der OECD in Paris zu erfahren ist.

Um so weniger können die bisher vorgeschlagenen Schulreformen überzeugen. Bildung im Kindergarten, frühe Sprachförderung, mehr Ganztagsschulen und die überfällige Reform der Lehrerausbildung – das wären natürlich Verbesserungen. Doch dass sie ausreichen, um die deutsche Bildungsmisere zu beseitigen – das glaubt eigentlich niemand.

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