Gesundheit : NS-Rassenpolitik: Kaiser-Wilhelm-Forscher an Verbrechen beteiligt

Bärbel Schubert

Biowissenschaftler der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft - heute Max-Planck-Gesellschaft - haben wesentlich zur Legitimation der NS-Rassenpolitik beigetragen und in erheblich größerem Umfang Menschenversuche durchgeführt als bisher angenommen. Dies sind Ergebnisse der ersten Zwischenbilanz der Forschungen zur "Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus", die eine unabhängige Expertenkommission am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat.

"Anlass unserer Arbeit war die anhaltende Diskussion um die biowissenschaftlichen Forschungen an vier Kaiser-Wilhelm-Instituten (KWI)", berichtete die Leiterin dieses Forschungsprogramms, Carola Sachse. Dabei sei es immer wieder um die gleichen Institute gegangen, das KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem, das KWI für Hirnforschung in Berlin-Buch, die Deutsche Forschungsanstalt für Psychatrie in München und in jüngster Zeit das KWI für Biochemie in Berlin-Dahlem, das von dem Nobelpreisträger und späteren Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Adolf Butenandt, geleitet wurde.

Dabei reichten die Verbrechen der Wissenschaftler von der wissenschaftlichen Begründung der "rassenhygienischen und erbbiologischen Maßnahmen", wie Zwangssterilisationen, Zwangsabtreibungen bis hin zu den "Euthanasie"-Morden, berichtete Sachse. "Wissenschaftler wie Ernst Rüdin, Eugen Fischer und Fritz Lenz verhalfen der NS-Rassenpolitik zur Legitimation und halfen teils schon vor 1933, sie überhaupt denkbar zu machen". Institutsdirektor Rüdin war Mitautor des maßgeblichen Kommentars zum Zwangssterilisationsgesetz von 1933.

Anthropologen wie Otmar von Verschuer, Karin Magnussen und Eugen Fischer hätten etwa als Sachverständige in zahlreichen Kommissionen und mit Gutachten zur Legitimation antisemitischer Politik beigetragen, hieß es weiter aus den Forschungsberichten. Institutsdirektor Verschuer habe seit 1937 auch als Sachverständiger für die Forschungsabteilung Judenfragen im "Reichsinstitut für die Geschichte des Neuen Deutschland" fungiert, das sich mit der "Gesamtlösung der Judenfrage" beschäftigt habe. Rüdin und Verschuer hätten in Beiräten und Expertenstäben mitgearbeitet, die Maßnahmen der Rassenpolitik konzipiert haben, wie dem Sachverständigenrat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik" des Reichsinnenministeriums. Teils namentlich bekannte Wissenschaftler hätten hunderte von Gutachten für Erbgesundheitsgerichte, den Euthanasie-Apparat und das Reichssippenamt erstellt. Sachse: "Nicht zuletzt berieten sie rassenpolitisch relevante Ämterder NSDAP und der SS." Damit hätten sie zur Erfassung und rassenpolitischen Verfolgung von Juden, "Zigeunern", Homosexuellen und "erbkranken" Menschen beigetragen

Ganz am Anfang ihrer Forschungen steht die Kommission bei dem schwarzen Kapitel der Menschenversuche. Bekannt ist nach Sachses Worten bereits, dass es an der Deutschen Forschungsanstalt im Zusammenhang der Euthanasie Versuche an Kindern gegeben habe, deren anschließende Ermordung Teil der Versuchsanordnung gewesen sei. Ziel sei dabei der Vergleich klinischer und pathologischer Befunde gewesen. Bekannt seien auch die Versuche der Mitarbeiterin für Anthropologie, Karin Magnussen, an Zwillingskindern mit verschieden farbigen Augenpaaren. Nach der Ermordung der "Zigeuner"-Kinder bekam die Wissenschaftlerin die Augenpaare zur weiteren Untersuchung zugesandt.

Die Kommission arbeitet nun an der Frage, ob dies - wie in der Vergangenheit häufig angenommen - kriminelle Einzelfälle waren, oder ob sie "symptomatisch für eine sehr viel weitergehende verbrecherische Fehlentwicklung in den Biowissenschaften wärhend des Dritten Reiches" waren. Die Vermutung gehe nach der wachsenden Zahl der Einzelfälle dahin, dass die Biowissenschaft systematisch in die NS-Verbrechen verstrickt war. Sachse: "Besonders wenn man den Umgang mit den Menschen versuchen und den selbstverständlichen Zugriff der Wissenschaftler auf Menschenleben betrachtet, liegt dieser Verdacht nahe." Obendrein forschten die meisten die Betroffenen auch nach 1945 weiter.

Immer wieder waren in der Vergangenheit Verstrickungen einzelner Forscher und Institute der Max-Planck-Vorläuferorganisation in die "rassenhygienische" und antisemitische Mordpolitik des NS-Regimes bekannt geworden. Doch waren viele Vermutungen nicht beweisbar. Das soll die Expertenkommission nun ändern. MPG-Präsident Hubert Markl hatte anlässlich des 50. Jahrestages seiner Organisation 1998 wahrscheinliche Verstrickungen einzelner KWG-Wissenschaftler bereits öffentlich eingeräumt. Das Jubiläum war auch Anlass für den Auftrag an die Kommission. Das Vorhaben ist auf fünf Jahre angelegt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar