Gesundheit : Nüchtern im Chaos

Stand der Dinge (11): Der Politologe Klaus Segbers zur Osteuropa-Forschung und darüber, was der Westen aus ihr lernen kann

Klaus Segbers

In dieser Serie berichten renommierte Geistes- und Sozialwissenschaftler über den Forschungsstand ihrer Disziplin. Welche Aufgaben stellen sich die Forscher? Welcher Begriff hat Konjunktur, worüber wird diskutiert?

Osteuropa ist längst nicht mehr eindeutig zu fassen. Seine Grenzen variieren je nach dem, was man unter Europa in einem bestimmten Kontext verstehen will. EU-Europa, Nato- oder OSZE-Europa, Sport-Europa, geographisches Europa, Europa gegliedert in historische, religiöse, zivilisatorische Räume, Markt-Europa – all diese Varianten existieren, und sie lassen sich nicht (mehr) auf einen Nenner bringen. Dies ist auch ein Vorteil – konkurrierende und pragmatische Europa-Definitionen bieten Wissenschaftlerinnen, die sich für Osteuropa interessieren, ein breites Feld.

Was macht Osteuropa heute interessant? Die alten Erwartungen und Themen sind vergangen. Kalter Krieg, ideologische Konkurrenzen, stets mobilisierbare Feindbilder spielen keine große Rolle mehr. Die politische Nachfrage nach wertbezogener Interpretation des europäischen, realsozialistischen Ostens durch die Osteuropa-Forschung ist mit dem Ost-West-Konflikt vergangen. Damit entfielen auch viele einschlägige Finanzierungsquellen. Das ist eher ein Vorteil, weil der Verdacht politischer Indienstnahme damit schwächer wird.

Weltmärkte und Globalisierung

Was aber sind dann heute die wesentlichen Themen für Wissenschaft, die Osteuropa gilt? Ich sehe vor allem die folgenden: In Osteuropa liegen einige der vielversprechenden emerging markets. Dabei geht es zunehmend weniger um Transformationsverläufe bezogen auf die Zeit seit 1989/91 und immer mehr um Wandel vor dem Hintergrund von Weltmärkten, Globalisierung und internationalen Organisationen.

In Osteuropa, vor allem in Russland, liegen, zweitens, auch erhebliche Energievorräte, insbesondere Öl und Gas. Hier sind Westeuropa und vor allem Deutschland schon jetzt in einer strategischen Abnehmerlage. Daraus folgt zwingend ein hohes Interesse auch an politischer Stabilität in diesen Räumen.

Drittens: Osteuropa hat neben Ressourcen, Erfolgen und noch anstehenden Problemen mit Wandel und Integration vor allem regionale Konfliktpotenziale. Das gilt zunächst für den Balkanraum, für den Nord- und Transkaukasus sowie, wenn man sie zu Europa rechnet, für Teile Mittelasiens. Zwar gelang der große Wandel nach dem Kollaps der UdSSR alles in allem erstaunlich friedlich. Doch sind die oft inszenierten Konflikte nicht zu übersehen. Zu deren Verständnis und zu ihrer Regulierung bedarf es auch wissenschaftlicher Expertise.

Osteuropa ist, so seltsam es scheinen mag, in manchem ein Muster für neue Steuerungsformen – ein vierter Punkt. Die OECD-Welt, scheinbar die Folie fast aller Entwicklung in Osteuropa, hat wachsende Probleme mit der Effizienz und Legitimität ihrer politischen Steuerungen. In Osteuropa lässt sich beobachten, dass die Regionalisierung, Informalisierung und Privatisierung von Steuerung, teilweise auch von öffentlichen Gütern (Sicherheit, regionale Beziehungen), mehr sein kann als ein Defekt. Fünftens, zur Wirkung von ökonomischen, politischen und sozialen, auch kulturellen Institutionen – beziehungsweise Spielregeln – und Regimen lässt sich in Osteuropa ebenfalls etwas lernen. Das betrifft gerade die Phasen vor den Beitritten zur EU, zur Nato und zur World Trade Organization.

Und schließlich gehören zu Osteuropa die genannten Stereotypen. Ohne sie ist kaum eine Debatte, erst recht kaum eine Berichterstattung oder Meldung in den Medien, gerade den elektronischen, denkbar. Es ist noch immer eine wichtige Aufgabe, den handlichen Deutungen von Gefahr, Ineffizienz, Mafia und Korruption, steten Fehlreformen, notorischem Chaos etwas Nüchternes, Realistisches entgegenzusetzen – auch wenn der Erfolg begrenzt sein wird. Neue Medien, Magazinisierung und Infotainment sind keine Entwicklungen, die Komplexität der Darstellung gewogen sind.

Über Osteuropa arbeitende Historiker und Philologen werden teilweise andere Schwerpunkte setzen und auch die Besonderheiten ihrer Disziplinen wie auch des Raumes Osteuropa stärker akzentuieren. Sie heben stärker ab auf die Rolle von Sprache und Kultur, von Spezifik und Verstehen.

Alle sozial- und geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsrichtungen greifen auf osteuropäische Themen zu. Sie tun das zunehmend von ihren disziplinären Grundlagen aus. Das geht auch nicht anders: Eine Osteuropa-Wissenschaft gibt es nicht. Die deutsche Osteuropaforschung war zwischen den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts auch international führend. Die Hingabe eines Teils der deutschen „Ostkunde“ an die Nationalsozialisten, eine gewisse Lernresistenz nach 1945 und die dann folgende zunehmende Abkoppelung sowohl von den jeweiligen Disziplinen wie von internationalen Standards haben viele über Osteuropa arbeitende Experten in die Isolation geführt. Das begann sich erst in den 80er Jahren nachhaltig wieder zu ändern.

Gut ausgebildete Forscher

Heute verfügt Deutschland über eine hoffnungsvolle neue Wissenschaftler-Generation. Es gibt eine wachsende Zahl von jungen, gut und disziplinär wie über Disziplinen hinweg und auf Räume bezogen arbeitenden Forschern, die zum Teil schon mehr sind als Nachwuchs. Sie waren in aller Regel während eines Teils ihrer Ausbildung im Ausland, in der Regel in Osteuropa sowie in den USA oder in Großbritannien. Sie sind methodisch gut ausgebildet und längst nicht darauf fixiert, ständig und nur über Osteuropa zu arbeiten.

Muss auf Osteuropa bezogene Forschung institutionalisiert sein? Verschiedene Antworten sind möglich. Und sinnvoll. Teilweise sind Fachbereiche, Departments der geeignete Ort, um sich auch mit Osteuropa zu beschäftigen. Das geschieht in der Regel vergleichend, und meistens mit Gewinn. Es gibt aber auch gute Gründe dafür, zusätzlich ein Institut vorzuhalten. In Deutschland sind es zwei Orte, die transdisziplinär arbeiten: die Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und das Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin (OEI).

Nach mehreren Evaluierungen und manchen Unsicherheiten hat das OEI wieder Tritt gefasst. Professuren werden neu besetzt. Die Reputation ist gestärkt. Die Funktion eines Zentrums für Forschung, Lehre und Deutung (Beratung) wird gefestigt und ausgebaut. Dabei helfen die verschiedenen Homepages und die Praktikumsbörse.

Was sind die Beiträge und Leistungen von an und über Osteuropa arbeitenden Wissenschaftlern am OEI? Die bisherigen Stärken liegen im Bereich der ehemaligen UdSSR und in Südosteuropa. Der wissenschaftliche Nachwuchs wird dies ergänzen. Die Zahl der Projekte, damit auch der eingeworbenen Drittmittel steigt. Eine (seltene) Forschungsdozentur wurde eingeworben. Das Rahmenthema des OEI sind Konflikte und ihre Regulierung – etwa vergleichend in Mittelasien, im Kaukasus und im Balkanraum. Was ist die Rolle von Gewalt? Warum ist sie in östlichen Gesellschaften oft erfolgreicher, als der Westen es wünschen würde? Welche anderen Regulierungsformen sind denkbar?

Deutungsangebote an Medien, Wirtschaft und Politik spielen eine wichtiger werdende Rolle. Mediennachfragen sind allerdings konjunkturabhängig – wie zuletzt bei der Geiselnahme in Moskau. Solche Ereignisse produzieren eine plötzliche und große Nachfrage nach „Experten“. Auch hier ist die Tendenz zum Infotainment unverkennbar. Dennoch sollten die Medien-Nachfragen aufgenommen werden. Aber auch Teile der Wirtschaft, vor allem der mittelständigen, sind an Analysen interessiert. Die Bundespolitik wird – weniger die Landespolitik – mit Einschätzungen und gelegentlich mit Vorschlägen bedient. Und sie sind interessiert.

Abschließend eine Überlegung, die zeigen mag, wie nützlich vergleichende Perspektiven sind. Es gibt Hinweise darauf, dass die Veränderungen, die in den 90er Jahren in Osteuropa stattfanden, im wesentlichen erfolgreich waren – gemessen an den Erwartungen vieler Beobachter, an den Zerfallsbilanzen früherer Imperien und auch an den gegebenen Problemen. Nicht erfolgreich waren sie nur am wenig realitätstauglichen Maßstab bruchloser, gefälliger und unauffälliger Fundamentalreformen.

Wie erfolgreich sind heute nun die westeuropäischen Gesellschaften im Wandel, dem sie ausgesetzt sind? Viele Blockaden, viele Kommissionen, viel Genörgel, wenig Bewegung – gemessen an unseren Maßstäben, die wir an den Wandel in Osteuropa anlegten, eine mäßige Bilanz. Hier lohnt ein Blick in die 90er Jahre, nach Osten.

Klaus Segbers ist seit 1996 Professor für Politische Wissenschaft und Osteuropa-Politik am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Weiterführende Literatur zum Thema: Osteuropastudien im Umbruch. Berliner Osteuropa Info, hrsg. vom OEI, Nr. 18; C. Ross, M. Bowker (Hrsg.), Russia after the Cold War, London/ New York, 1999. Das OEI im Internet: www.oei.fu-berlin.de

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