Gesundheit : Nur ein leiser Satz

Das tschechische Usti nad Labem (Aussig) will seinen einstigen deutschen Bürgern ein Museum errichten

Richard Szklorz

Ein wenig sieht man Aussig oder Usti nad Labem, wie die Stadt an der Elbe auf Tschechisch heißt, immer noch an, dass sie einst bessere Zeiten erlebt hat. Etliche Jahrzehnte ist es her, seit 1938 die jüdischen Bewohner vor den Nazis ins Landesinnere flohen und später deportiert und ermordet wurden und nach dem Zweiten Weltkrieg die deutsche Bevölkerung enteignet und vertrieben wurde. Nach dem Willen des Oberbürgermeisters Petr Gandalovic soll es der vielfach gebeutelten Stadt bald wieder besser gehen – auch mit Hilfe der Erinnerung an die Deutschen.

Dazu bedarf es in Tschechien eines gewissen Mutes. Als Gandalovic auf der Edvard-Benes-Brücke am 31. Juli dieses Jahres eine deutsch-tschechische Gedenktafel anbringen ließ, erntete er seitens nationalistischer Kreise harsche Kritik. Dabei steht auf ihr nur der leise Satz: „Zum Gedenken an die Opfer der Gewalt vom 31.Juli 1945“. Jeder in Usti weiß, dass die nicht näher bezeichneten Opfer, eine unbekannte Zahl einheimischer deutscher Zivilisten – Frauen, Kinder, alte Menschen – vom tschechischen Mob massakriert und in die Elbe geworfen wurde.

„Collegium Bohemicum“ heißt das Projekt eines Museums der böhmischen Deutschen, das Gandalovic in Usti verwirklichen will. Ein erstaunliches Vorhaben für jeden, der in den letzten Jahren beobachten konnte, mit welcher Beharrlichkeit sich die tschechischen politischen Eliten dem deutschen Thema ihres Landes entzogen oder es gar populistisch in Wahlkampagnen verwendeten.

Die Pläne für einen grundlegenden Umbau des vorhandenen Stadtmuseums aus alter Zeit sind schon ausgearbeitet. Gandalovic, der nach der samtenen Revolution mehrere Jahre tschechischer Generalkonsul in New York war, will dafür einen Teil der EU-Gelder nutzen, die er für die Verbesserung der Infrastruktur der Stadt zugesichert bekam. Schon jetzt ist überall im Zentrum eine emsige Bautätigkeit zu spüren: Straßen werden erneuert, ganze Häuserzeilen rekonstruiert. Die durch den vernichtenden Fliegerangriff im April 1945 stark zerstörte und durch den lieblosen Wiederaufbau nach dem Krieg zerklüftete Stadt soll wieder ein mitteleuropäisches Gesicht bekommen.

Wissenschaftlich betreut wird das Museumsprojekt von Kristina Kaiserova, Historikerin an der „Abteilung für Germanisch-Slawische Studien“ der Aussiger Universität, und dem Direktor des Aussiger Stadtarchivs, Vladimir Kaiser. Beide erforschen seit Jahren die Vergangenheit der Stadt und die deutsch-tschechischen Verästelungen in den böhmischen Ländern. Es sind etliche wissenschaftliche Arbeiten zur deutsch-böhmischen Geschichte entstanden, Colloquien wurden abgehalten, weitere sind in Vorbereitung. Viele Kontakte zu Bohemisten in aller Welt sind geknüpft worden, und der Austausch mit einer Reihe von Stätten der Erinnerungskultur vertriebener Sudetendeutscher in Deutschland und Österreich kommt in Gang.

Die Wissenschaftler treibt der Erkenntnisdrang über den durch Krieg und seine Folgen untergegangenen Genius loci vieler böhmischer Städte und Landschaften um. Bürgermeister Gandalovic, den Pragmatiker im Rathaus, bewegt zuallererst die Frage: Wie kann das gesammelte Wissen über die großen Zeiten von damals der Stadt nutzen? Einig ist man sich darüber, dass das heutige Usti sich selbst erst dann besser verstehen wird, wenn es mehr darüber erfährt, was die Generationen der deutschsprachigen Bewohner – ob Christen oder Juden – in dieser Stadt geschaffen haben, als sie von der Mitte des 19. Jahrhunderts an aus einem eher unbedeutenden Ort am Elbfluss eines der wichtigen Wirtschaftszentren des Habsburgerreiches schufen.

Solange das Museum nicht Realität ist, sondern noch ein Projekt bleibt, sehen die Aussiger „Collegianer“ eine ihrer Aufgaben darin, den Meinungsaustausch zu fördern. Aussig soll ein Ort werden, an dem sich interessierte Personen und Institutionen in regelmäßigen Abständen treffen, um sich ohne politische Zwänge und Politikervorgaben über blinde Flecken in der böhmischen Geschichte zu unterhalten.

Nur wenige wissen heute etwas von der einstigen Bedeutung Aussigs als wichtiges Zentrum der Großindustrie und der unternehmerischen und technischen Innovation, das weit über die Region ausstrahlte. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wuchs eine neue Unternehmerelite in dieser Elbregion heran, die gewohnt war, in großen Maßstäben zu denken und zu operieren. Der Elbschiffsverkehr und die gerade entstandene Eisenbahnverbindung von Prag nach Berlin, die nahen Kohlevorkommen in Böhmen und der Erzimport aus dem nahen Sachsen schufen die Basis für eine internationale Verbandelung von Industriebeziehungen, die die Aussiger Bürgerschicht knüpfte und sich zunutze machte. Aussig wirkte tief in den Wirtschaftsgroßraum des Habsburgerreiches hinein und zugleich in die westliche Richtung – nach Sachsen, Hamburg und England.

Verschüttete Geschichte. Verschüttet durch nationalistische Mythen, die die jahrhundertealte Präsenz einer deutschsprachigen Zivilisation in den böhmischen Ländern ignorierte, überdeckt von ideologischen und sozialen Verwüstungen des Stalinismus. Verschüttet auch in den Köpfen, wie sich am vergangenen Wochenende beim Aussiger Symposium „Der Geist der Gründer“, dem zweiten dieser Art, zeigte. Sogar einige der historisch versierten Tagungsteilnehmer hörten Namen wie Adalbert Lanna oder Ferdinand Maresch zum ersten Mal. Dabei haben diese Männer die Entwicklung des Landes in bedeutender Weise bereichert – mit Nachwirkungen bis in die heutige Zeit hinein: Sie waren im 19. Jahrhundert Gründer großindustrieller Unternehmen, sie wirkten als Kunstsammler oder Mäzene wichtiger Museumsbauten und Sammlungen, sowie als Finanziers von Bildungsstätten in Prag und anderswo.

Jahrzehntelang durfte unter der kommunistischen Herrschaft nicht offen über die deutsche Vergangenheit eines ganzen Drittels des Territoriums der Tschechischen Republik gesprochen werden. Diese Abwehr behinderte eine wahre, mentale Annahme dieser Gebiete durch ihre neuen Bewohner. Nun wird etwas Überfälliges nachgeholt: Durch das Kennenlernen und Erfassen der durch die Vertreibung der ursprünglichen Bewohner zerstörten wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen wird eine zweite, diesmal geistige Inbesitznahme vollzogen. Das mag so manchen noch lebenden Angehörigen der „Erlebnisgeneration“ der Vertriebenen verbittern. Und doch scheint dies der Gang der Dinge zu sein. Dieser Prozess wird getragen von enthusiastischen, oft sehr jungen Aktivisten, und er verläuft an der etablierten tschechischen Politik vorbei, wenngleich dort das Treiben unten durchaus mit Interesse wahrgenommen wird.

Von den über drei Millionen Bewohnern deutscher Zunge leben heute in Tschechien nur etwa 40000. Wie viele noch in Aussig leben, hat noch niemand gezählt. Jahrzehnte wurden die Deutschen als Angehörige einer ungeliebten Minderheit diskriminiert, vielen von ihnen wurde der Zugang zu einer höheren Bildung verwehrt.

Wie viele Mitglieder die Jüdische Gemeinde von Usti heute hat, ist genau bekannt: achtzehn. Von ihnen stammen die wenigsten ursprünglich aus diesem ehemals deutschsprachigen Gebiet. Bis zum Anschluss des Sudetenlandes an das Dritte Reich lebten in Aussig 1250 Juden. Zum Abschluss der Veranstaltung wurde im Stadtpark, an einer Stelle, an der sich früher ein jüdischer Friedhof befand, ein Denkmal für die ermordeten Aussiger Juden feierlich enthüllt – eine Metallkonstruktion eines halb in die Erde versenkten Davidsterns.

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