Gesundheit : Nur im Schrebergarten sind wir frei

Thema in Cambridge: Familien im Osten

Markus Hesselmann[Cambridge]

Das Pembroke College in Cambridge hat eine Ehrfurcht gebietende Tradition. Seit 1347 wird hier geforscht und gelehrt – fast vier Jahrzehnte länger als an Deutschlands ältester Universität in Heidelberg. Am Wochenende ging es an dem ehrwürdigen englischen College um eine aktuelle deutsche Debatte. Thomas Lindenberger vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Tagesspiegel-Redakteur Robert Ide setzten sich mit Generationenkonflikten in Ostdeutschland auseinander.

Anlass der Vorträge, veranstaltet vom Germanistischen Institut der Universität Cambridge, war Ides Buch „Geteilte Träume. Meine Eltern, die Wende und ich“ (Luchterhand Literaturverlag). Lindenberger nannte das Buch eine „wichtige Intervention“ in die gegenwärtigen Debatten. In autobiografischen Reportagen beschreibt Ide nicht die sonst oft bemühte „Mauer in den Köpfen“ zwischen Ost und West, sondern einen Riss, der durch den Osten selbst geht.

In Cambridge sprach Ide vom „Schweigen, das nicht zu überhören ist“ in den ostdeutschen Familien – zwischen Eltern, die sich nach der Wende desillusioniert zurückzogen, und ihren Kindern, die die Chancen der neuen Freiheit nutzten. Ide, der zur Wendezeit 14 Jahre alt war, berichtete aber auch von Annäherungen. Sie würden möglich durch offene Gespräche über die unterschiedlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen in der DDR und im vereinigten Deutschland.

Wie homogen war die DDR? Bei der Auseinandersetzung mit dieser Frage sei das Buch hilfreich, sagte Lindenberger. Die DDR sei keine „graue Masse unter der Kuratel der SED“ gewesen. „Gruppen und Generationen“ zu analysieren könne helfen, ein schärferes Bild zu bekommen. Die Familie, der Schrebergarten, der Lesezirkel rückten ins Blickfeld.

Daran knüpfe sich die Frage: Wie viel Freiheit gab es im Kleinen, wie viel Widerstand war möglich in den viel beschworenen Nischen? Daraus wiederum könne sich Aufschluss ergeben über das wichtige Thema, wie Diktatur funktioniert und woran sie scheitert. Lindenberger sieht hier noch viel Raum für Forschung und plädiert für mehr „mikrohistorische Untersuchungsgegenstände“. Der DDR-Alltag müsse – wie in Ides Buch – auch in der Wissenschaft stärker in den Blick rücken. Beim Thema Stasi etwa werde hauptsächlich die Beziehung des MfS zu seiner „politischen Kundschaft“ analysiert. Wie das Spitzelsystem im Kleinen gewirkt hat – in den Betrieben, in den Familien, auf den Schulhöfen – sei aber ein wichtiges Thema.

Der einseitige Blick auf die Stasi werde auch durch den Film „Das Leben der Anderen“ verstärkt. Lindenberger hält die Oscar-prämierte Geschichte vom geläuterten Stasi-Offizier „erinnerungskulturell“ für fatal. Für Lindenberger, selbst aufgewachsen in West-Berlin, ist der Film der Versuch einer „historischen Versöhnung“ vom Westen her. „Was war denn die Stasi außerhalb der Intelligenzia?“ Diese Frage werde ausgeblendet, sei aber entscheidend, um die SED-Diktatur zu verstehen.

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