Gesundheit : Nur Lebendiges wird erinnert

Natur- und Geisteswissenschaftler streiten über kulturelles Gedächtnis

Tom Heithoff

Klingt doch ganz überzeugend: Das „kulturelle Gedächtnis“, wie es der Ägyptologe Jan Assmann versteht, beherbergt unsere gemeinsame Erinnerung und unsere gemeinsamen Werte. Es schafft eine verbindende Basis und stiftet Orientierung. Es speichert vor allem durch Schrift und bleibt lebendig durch soziale Interaktion. „Überzeugt mich nicht“, sagt dagegen der Hirnforscher Bernd Sabel (Magdeburg) im 3. Collegium Artium der Mart-Stam-Gesellschaft in der Kunsthochschule Weißensee und projiziert gleich seine erste Schautafel an die Wand. Sabel erklärt, wo im Gehirn was gespeichert wird und wie das Gehirn die Sinneswahrnehmungen auf Grund seiner Erfahrungen komplettiert und also „die Welt erst erzeugt“.

Das Publikum folgt Sabel weiter in die Tiefen des Hirns, wenn er erklärt, dass auch Gedächtnis durch den neurobiologischen Vorgang des Lernens entstehe, dass das „Gedächtnis vom Gehirn konstruiert“ wird, dass die Fähigkeit, sich zu erinnern also auf einer Gehirntätigkeit basiert. Gedächtnis sei „höchst subjektiv und kein kollektives Produkt“. Kulturelle Erzeugnisse würden zwar in Bibliotheken oder in Museen gesammelt und auch im Gehirn abgelegt, aber „es gibt keine Außendimension des menschlichen Gedächtnisses und demzufolge auch kein kulturelles Gedächtnis“. Unruhe im Kreis. „Sammeln heißt aber doch auch immer Interpretieren und Werten“, erwidert Rainer W. Ernst, Rektor der KHB und berührt damit zugleich die zentrale Frage, ob die Gesamtheit der Gehirne, die Kultur schaffen, archivieren oder diskutieren, nicht als „ein“ kulturelles Gehirn bezeichnet werden kann, das folglich auch ein kulturelles Gedächtnis besitzt.

Mit Leidenschaft

Der Hamburger Archäologe Rolf Hurschmann sieht das genauso. Als einer, der versucht, aus Bruchstücken ein Ganzes zu erschaffen, der „die geköpfte Kultur wieder auferstehen und ins kollektive Gedächtnis eingehen lassen will“, weiß er aber auch, dass man ein kulturelles Gedächtnis „nicht konstruieren“ kann. Es bildet sich, und zwar nur durch Leidenschaft – an der Sache selbst wie auch an der Vermittlung. Kultur könne nur ins kulturelle Gedächtnis eingehen, wenn der Weg dorthin freiwillig, „unter angenehmen Umständen“ gegangen werde. Zum Scheitern verurteilt sei daher auch jeder Versuch, Literatur per Kanon ins kulturelle Gedächtnis hineinzuhämmern. Dies sei der sicherste Weg, sie zu vergessen. „Kultur muss verlebendigt werden, um ins kulturelle Gedächtnis zu gelangen – auch wenn dieses immer bruchstückhaft bleiben wird.“

Wieder einmal zeigte sich, wie tief die Kluft zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften ist. Für Sabel ist das „kulturelle Gedächtnis“ gar nicht denkbar, weil er den Begriff nicht aus seinem „exakten“ neurobiologischen Umfeld lösen und als das verstehen will, was er für den Geisteswissenschaftler auch ist: eine Metapher.

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