Gesundheit : Nur wenige Pianisten wagen sich in den nervenzerreißenden Schnabel-Wettbewerb der HdK

Jörg Königsdorf

Die Sitzreihen im Konzertsaal der Hochschule sind an diesem Morgen nicht einmal schütter gefüllt. Kaum ein halbes Dutzend Neugieriger ist zum zweiten Wettbewerbsdurchgang gekommen, ganz hinten sitzt eine alte Obdachlose umgeben von einem Kranz prallgefüllter Plastiktüten. Nicht gerade das Publikum, von dem ein Pianist träumt. Statt tosender Applauswogen erntet die Koreanerin Yun-Hee Jung, die als erste dran ist, nur ein müdes, schnell verhallendes Respektklatschen. Keiner will als erster spielen, selbst wenn du gut warst, heißt es, haben die Preisrichter dich abends bei der Abstimmung schon längst wieder vergessen. Die Japanerin Morikawa, die in der ersten Runde das Lospech hatte, als erste aufs Podium zu müssen, war prompt herausgeflogen, und mehr als ein Achtungserfolg ist auch für Jung nicht drin.

Jung ist als einzige der elf Teilnehmer schon zum zweiten Mal dabei. Die meisten, erklärt der Organisator Klaus Hellwig, Dekan der HdK-Klavierabteilung, sähen die Hochschulveranstaltung als einmaligen Testlauf vor der Teilnahme an den größeren, internationalen Wettbewerben. Denn erst dort, in Warschau, Moskau, Brüssel und Leeds, wird entschieden, wer von den abertausend Studenten mit Hauptfach Klavier das Zeug zu einer Solokarriere besitzt, wer einmal tatsächlich vor vollen statt vor leeren Sitzreihen spielen wird. So wie Markus Groh, der vor Jahren zuerst den Schnabel-Wettbewerb gewann und dann als erster deutscher Pianist überhaupt in Brüssel einen ersten Preis machte. Oder der letzte Schnabel-Sieger Severin von Eckardstein, der kurze Zeit später den prestigeträchtigen ARD-Wettbewerb in München gewann. Groh spielt inzwischen in der pianistischen Champions league und Eckardstein ist zumindest auf halbem Weg dahin - beide sind der Stolz der Fakultät, bei deren Erwähnung sich die Augen der Professoren verklären und die Studenten zwischen heimlichem Neid und offener Bewunderung schwanken.

Ob auch diesmal solch ein Ausnahmetalent dabei ist? Am ehesten wohl der 26jährige Ulugbek Palvanov, der schon im ersten Durchgang mit Liszts hochvirtuoser "Campanella"-Etüde die Preisrichter beeindruckt hatte. Wer Erfolg haben will, muss selbst die schwierigsten Stücke sicher und ohne Nervenschwäche über die Rampe bringen, wer im Haifischbecken der Pianisten überleben will, muss zuallererst funktionieren - Klavierspiel ist nicht nur Kunst, sondern auch Handwerk. Das wissen auch die Studenten: fast alle Teilnehmer präsentieren sich mit Werken der höchsten Schwierigkeitsstufe, deren rein technische Bewältigung vor 30 Jahren noch an jeder deutschen Hochschule eine Sensation gewesen wäre: Palvanov spielt Ravels legendären Zyklus "Gaspard de la nuit", die zierliche Russin Roumiantseva, die später einen dritten Preis machen wird, präsentiert Beethovens monumentale "Hammerklavier"-Sonate, die Koreanerinnen zeigen in Sergej Prokofjews Klaviersonaten schiere Muskelkraft. Wer sich im Stimmgestrüpp einer Bach-Fuge oder in den Fußangeln einer Chopin-Etüde verheddert, fliegt schon in der ersten Runde raus.

Die rigiden Anforderungen schrecken offenbar etliche ab: Von den über 70 Hauptfach-Studenten an der HdK versuchen ihr Wettberbsglück diesmal nur 11, die Teilnehmerzahl hat seit dem ersten Schnabel-Wettbewerb 1986 nie die Grenze von 17 oder 18 überschritten. Ein Versuch des Dekans, den Wettbewerb auch auf die Ostberliner Hanns-Eisler-Musikhochschule auszudehnen, fiel entmutigend aus. Nachdem sich bei den letzten drei Ausschreibungen nicht ein einziger Student von der Berliner Konkurrenz-Hochschule angemeldet hatte, ist der Wettbewerb nun wieder HdK-intern: "Es wäre verfehlt, einen Anschein von Einigkeit aufrecht zu erhalten, wo gar keine da ist," erklärt Hellwig seinen Rückzug.

Das geringe Interesse ist erstaunlich, nicht nur weil der Schnabel-Wettbwerb die einzige Möglichkeit für Pianisten ist, ohne großen Reiseaufwand die eigene Podiums-Belastbarkeit zu erproben, sondern auch weil die Jury jedes Mal Preisgelder von immerhin bis zu 11 000 Mark verteilen kann - aber nicht muss. "In den achtziger Jahren erhielt die Hochschule eine Stiftung von 300 000 Mark von einer alten Dame aus der Schweiz", erzählt Hellwig, "von den Zinsen können wir sowohl den Wettbewerb ausrichten wie jungen Pianisten aus Osteuropa kleine finanzielle Starthilfen geben." Im Klartext bedeutet das: Was nicht in die Spitzenförderung geht, fließt in die Breitenförderung, nicht verteilte Preisgelder kommen Anfängern zu Gute.

Vor dem Finale sieht diesmal es freilich noch so aus, als würden alle Preisgelder verteilt werden müssen. Fünf der elf Teilnehmer haben es bis hierher geschafft, darunter mit Palvanov ein heißer Anwärter auf einen ersten Preis. Doch in der letzten Runde zeigt auch der bis dahin so sichere Favorit Nerven und rast kopflos durch Liszts Mephisto-Walzer und Rachmaninows zweites Klavierkonzert. Am Ende reicht es auch für ihn nur zu 3000 Mark und einem zweiten Preis, einen ersten wird die Jury nicht vergeben. Einer wie der Groh oder der Eckardstein ist diesmal eben nicht dabei, resümiert einer der Preisrichter die Entscheidung. Und hat dabei für einen kleinen Moment wieder einen wehmütig schimmernden Blick.

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