Gesundheit : Ode an die Hai-Society

Gideon Heimann

Kann man die Menschen heute noch mit einem Film über Umweltthemen interessieren? In einer Zeit, da intakte Natur oft nur als Folie aufgezogen wird, vor der Autos, Zigaretten oder leise Waschmaschinen verkauft werden sollen? Doch, man kann es durchaus. Vorausgesetzt, es wird witzig verpackt. Wenn etwa ein Taucher zu sehen ist, der unter Wasser auf seiner akustischen Gitarre ein Ständchen an den Hai "singt" und darin bekundet: "Nobody loves you but me", dann wächst die Aufmerksamkeit immens.

Der Kurzfilm des Spaniers Leandro Blanco zeigt die sonst fast nur als Bestien dargestellten Fische in all der bewundernswerten Eleganz ihrer Bewegungen. Nicht, dass beim Zuschauer sofort der große Streichel-Reflex ausbräche. Aber er ist immerhin bereit, die Meeres-Raubtiere nicht allein als Gefahr zu betrachten, sondern als Teil einer Natur, die weit länger existiert als der Mensch.

Zu sehen ist die Hai-Society am heutigen Dienstag um 10 Uhr beim ersten Festival der Umweltfilmfestivals "Ecomove" in den CineStar Kinos 4 und 5 im Sony Center am Potsdamer Platz. Bis Mittwoch abend werden hier viele bereits andernorts prämiierte Beiträge vorgeführt, denn es werden die Besten der Besten gesucht. Blancos Ansatz, "Haiterkeit" hervorzurufen, ist also nicht ohne Grund dabei. Schließlich wissen wir alle, dass der erhobene moralische Zeigefinger nichts als das Gegenteil des eigentlichen Zieles bewirken würde. Die Ablehnung verstärkt sich - die Chance, Einstellung und Verhalten des Zuschauers zu ändern, ist vertan. Doch außergewöhnliche Situationen zeigt auch der Film von Judith Curran, die ihn für den australischen Sender ABC gedreht hat. Er handelt von den roten Regenwald-Krabben auf Christmas Island, einer zu Australien gehörenden Insel im Indischen Ozean (Dienstag 19 Uhr, Kino 4). 120 Millionen dieser Schalentiere machen sich im November zum Strand auf, um für Nachwuchs zu sorgen. Sie krabbeln stets den selben Weg, eine rote Flut über Straßen, Spiel- und Golfplätze hinweg, durch Wohnhäuser und Tanzsäle.

Ihre Existenz ist freilich durch eine mit Fracht vom Festland "zugereiste" Art von Ameisen bedroht, die keine Feinde vorgefunden hat und sich dadurch fast explosionsartig ausbreitet. Die von ihnen verspritzte Ameisensäure tötet die Krabben langsam und qualvoll. Jetzt versuchen Ranger, die Ameisen durch Gifte in Grenzen zu weisen.

Doch Vorsicht: so hat der Mensch mit seinen Eingriffen schon häufiger Gleichgewichte verschoben: "Ein sagenhaftes Gift" nannte der Däne Jakob Gottschau seinen Film über DDT, über jenes Pestizid, das vom Segen zum Fluch wurde (Dienstag 19 Uhr, Kino 5). Dann, wieder witzig: "Gefährliche Zähne" von Hugo Habrmann aus Tschechien (Dienstag, von etwa 13 Uhr 30 an, Kino 4). Gezeigt wird die junge Hechtlady Wendy mit ihren Eltern, Onkeln und Lover Otto in ihrer nassen Umgebung. Die gefährlichen Zähne gehören übrigens dem Angler, der Wendy verspeist.

Insgesamt 78 Filme aus 30 Ländern werden auf dem Ecomove-Festival präsentiert, es sind die besten Beiträge von sechs europäischen Umweltfilmfestivals. Im umfangreichen Rahmenprogramm gibt es überdies eine Retrospektive des Werks von Robert Flaherty, der als Begründer des Dokumentarfilmes gilt. Bereits 1922 erlangte er mit "Nanuk der Eskimo" Weltruhm.

Die Anregung zu einem solchen Zusammenschluss der Filmfestivals kam von der Royal Awards Foundation in Kopenhagen, die zur Europäischen Umweltagentur gehört. Organisiert wird die Veranstaltung von der Europäischen Akademie für städtische Umwelt. Ecomove soll alle zwei Jahre in Berlin stattfinden, in den Jahren dazwischen jeweils in den Hauptstädten anderer Länder. Im nächsten Jahr ist Johannesburg an der Reihe, das Festival gehört dann zum Rahmenprogramm der Umweltminister-Konferenz "Rio +10". Gesponsort wird Ecomove unter anderem vom UN-Umweltprogramm (Unep), vom Bundesumweltministerium, der Berliner Umweltverwaltung, der Reuters Foundation, von Sony und Volkswagen.

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