• Odessa war das Zentrum des liberalen jüdischen Bürgertums - Nach den Pogromen von 1871 verließen viele die Schwarzmeerstadt

Gesundheit : Odessa war das Zentrum des liberalen jüdischen Bürgertums - Nach den Pogromen von 1871 verließen viele die Schwarzmeerstadt

Amory Burchard

Die Jüdischen Kulturtage, die jetzt zu Ende gehen, waren ein großer Erfolg. Das diesjährige Thema - "Mythos Odessa" - weckte die Neugier auf jene Stadt am Rande Europas. Dass Odessa nicht nur ein mythischer Ort ist, sondern ein historischer Fixpunkt für das russische Judentum, war zum Abschluss der Kulturtage bei einer Tagung des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums im Berliner Centrum Judaicum zu erfahren. Von den Beziehungen der Griechen und Juden im Odessa des 19. Jahrhunderts bis zur "Wiedergeburt der Jüdischen Gemeinde" in jüngster Zeit ist die Schwarzmeerstadt offenbar ein Forschungsgegenstand mit Zukunft.

Julius Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums, stellte die Thesen des Proto-Zionisten Leo Pinsker zur Diskussion. Pinsker, ein Arzt aus Odessa, rief die Judenheit schon ein gutes Jahrzehnt vor Theodor Herzl zur Abkehr von der Assimilation auf. Pinskers Begründung, die "Judophobie" sei eine unheilbare, ja "vererbbare Psychose", sei heute umstritten, aber noch immer bedenkenswert. In seiner 1882 anonym veröffentlichten Schrift "Autoemanzipation. Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden" plädierte Pinsker für die Gründung eines Judenstaates: Der Judenhass der anderern Völker rühre aus einer "Gespensterfurcht" vor dem Volk, dass zwar keinen Staat habe, aber doch eine Nation darstelle. Der Kreuzigungsvorwurf, die Unterstellungen der Brunnenvergiftung, des Wuchers und der Ausbeutung seien Versuche der rationalen Begründung dieser Furcht vor dem jüdischen Volk als "wandelnden Toten", schrieb Pinsker. Diese sei nicht durch Aufklärung zu kurieren, sondern nur durch eine Staatsgründung einer selbstbewussten und sich selbst achtenden jüdische Nation. Dabei sei es dem Arzt und Publizisten zunächst nicht um die Rückkehr nach Zion gegangen, sagte Schoeps. Nicht das Heilige, sondern das eigene Land - und sollte es auch in der Türkei oder in Südamerika liegen - war das Ziel.

Warum kam Pinsker ausgerechnet im liberalen und multiethnischen Odessa auf diese Thesen? In der einzigen Großstadt des Russischen Reiches, in der den Juden die Niederlassung erlaubt war, gehörte er zum assimilierten jüdischen Bürgertum. Er wirkte bis 1881 in Komitees und Zeitschriften mit, die unter Russen um Verständnis für die unterdrückten Juden warben. Aber schon 1871 hatte Pinsker die "niederschmetternde Erfahrung" des antijüdischen Osterpogroms gemacht: Die Behörden schritten nicht einn und die russische Intelligenz schwieg. Eine Reihe von veheerenden Pogromen sollten folgen. Enttäuscht habe Pinsker mit der Assimilations-These gebrochen und seine "Autoemanzipation" geschrieben. Die russischen Juden nahmen die Schrift begeistert auf, in Westeuropa stieß sie aber auf vehemente Ablehnung. In Deutschland, wo Pinksers Thesen wegen der russischen Zensur zuerst erschienen, habe man ihn "für verrückt erklärt", sagte Schoeps. Hier wollten die Juden "deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens mit gleichen Rechten und Pflichten sein". Wer Emanzipation durch staatliche Reformen befürwortete, sah dies durch Pinsker gefährdet.

Der jiddische Dichter, Judaist und russische Literaturwissenschaftler Aleksander Bejdermann beschrieb die Geschichte der Juden von Odessa als "kulturellen und politischen Sonderweg". Die jüdische Gesellschaft sei allerdings gespalten gewesen. Ende des 19. Jahrhunderts stand der Generation der "Großväter", die noch aus dem Schtetl kamen und die jüdischen religiösen Traditionen lebten, die modern ausgebildeten "Enkel" gegenüber. Die Großväter nahmen das "Schicksal" der Juden in Russland geduldig hin. Die Enkel bildeten eine kämpferische "neugeborene Nationalintelligenz", sahen das Russische Reich aber mehrheitlich als Heimat an, wenn auch als "Stiefmütterlein Russland". Sie wollten die russische Gesellschaft parallel zu den Thesen Pinskers und des Zionismus "mit den brennenden jüdischen Problemen bekannt machen", sagte Bejdermann. Bekanntlich scheiterte dieses Projekt. Odessa wurde vom liberalen Zentrum des russischen Judentums zur Auswanderungsstadt. Heute sei in Odessa "das jüdische Leben nach dem Tod" zu besichtigen. Mit diesem Resümee spielte der in Odessa lebende und lehrende Bejdermann auf den Versuch internationaler jüdischer Organisationen an, auf dem beinahe entvölkerten Vorposten an der Schwarzmeerküste ein Gemeindeleben wieder aufzubauen.

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